erklimmen . Dann hielt sie an , um sich und das Tier ruhen zu lassen . Da lag sie vor ihr offen die goldne sonnige Welt . Es war ein entzückender Morgen . Leichter feiner Rauch begann allmälig aus den Schornsteinen aufzuwirbeln . Das Himmelsgewölbe war heute so hoch gespannt , daß aller Dunst und Qualm kerzengerade emporsteigen konnte , ohne zur Erde herabgedrückt zu werden . An den Kronen der Nadelgehölze , welche die Gipfel der Berge umkränzten , hingen noch kleine weiße Wölkchen wie Daunen im Haare des Langschläfers . Es war als mühten sich die mächtigen Häupter , sie abzuschütteln , denn sie flogen auf , senkten sich wieder , zogen von einer Stelle zur andern , verkrochen sich zuweilen in das Dickicht , bis sie endlich ganz vor den immer mächtiger werdenden Sonnenstrahlen verschwanden und die dunklen zackigen Konturen des Gebirges sich scharf von dem reinen Horizonte abzeichneten . Wer , der ein Herz im Busen trägt , all diese Schönheit schaut und ihre Wonnen genießt , hebt nicht unwillkürlich den Blick empor , um dem unsichtbaren Geber zu danken , und prüft sein eigenes Innere , ob er auch würdig sei solcher Gnadenfülle ? Aber wie viele unwürdige Augen sehen sie an , ohne sie zu verstehen und sich ihrer zu freuen . Sollte man nicht meinen , an solch einem Morgen müsse die verdorbenste Seele sich reinigen , wie der Vogel beim ersten Sonnenstrahl sein Gefieder putzt , bevor er die Schwingen lüftet , um in den strahlenden Äther aufzufliegen ? Und doch brannte das trübe Feuer der Nacht immer noch fort in der Brust der Gräfin und kein kühler Hauch , kein perlender Tau vermochte seine Glut zu löschen . Dies entweihte Herz vollzog nur noch die beinahe physische Tätigkeit der Begierde und des Hasses . In eine höhere Sphäre vermochte es nicht mehr sich zu erheben . Teilnahmlos betrachtete die schöne Frau die Gegend . Es reizte sie mehr , den Gehorsam des ungeduldig scharrenden , stampfenden Pferdes zu prüfen , als den Anblick der Landschaft zu genießen . In den goldenen Sälen Peterburgs war ihr das Verständnis der Natur abhanden gekommen und in dem Kultus der Sinnlichkeit , den sie trieb , die geistige Wechselwirkung zwischen ihr und Gott ! Sie war so gewöhnt worden , sich selbst für eine Göttin zu halten , daß ihr die Demut verloren ging , die Demut des Geschöpfes vor seinem Schöpfer . Und wenn sie diesen auch nicht leugnete , so war er ihr doch gleichgültig , und wenn sie ihn sogar bisweilen in der Kirche aufsuchte , so tat sie dies doch nur , wie man seines Gleichen einmal der Form halber einen Besuch macht . So stand sie da oben auf dem Hügel , mit Behagen die dufterfüllte Luft in ihre erhitzte Lunge einsaugend , aber mit nicht mehr Interesse an dem lieblichen Bilde , als ihre Hunde zeigten , welche die Schönheit der Gegend auch nach dem Geruche beurteilten und immerwährend mit erhobenen Nasen in die Runde schnupperten , so lange sie bei ihrer Herrin lagerten . Dann und wann ließ sich einer durch die höchst anziehende Witterung eines Wildes hinreißen , aufzuspringen und der verlockenden Spur nachzujagen , aber ein Pfiff aus der silbernen Pfeife seiner Herrin erweckte ihm sogleich das Bewußtsein seiner Pflicht ; tiefbeschämt kehrte er zurück , folgte der Richtung mit sehnsüchtigen Blicken und begnügte sich damit , dem durch das Dickicht raschelnden Hasen nachzuriechen . Hatte wohl seine stolze Gebieterin in ihrem ganzen Leben eine so schwere Entsagung geübt ? Hätte sie über diese Frage nachgedacht , sie wäre schamrot geworden vor dem unvernünftigen Tiere . * * * Es war zehn Uhr , als Ernestine auf ihren Rosenerker hinaustrat und dem Treiben der festlich gekleideten Bauern zusah , die jenseits der Gartenmauern , die Pfeifen im Munde , umher spazierten ; denn es war heute Mariä Himmelfahrt – eine herrliche Gelegenheit , recht viel auf das Wohl der heiligen Mutter zu trinken . Die Leute waren in der frohesten Laune , denn die genossenen „ Frühschoppen “ hatten bereits ihre Wirkung getan . Weiß doch der Bauer den lieben Gott nicht besser zu ehren , als indem er tüchtig von seinen guten Gaben genießt ; er denkt ihm dadurch eine Freude zu bereiten , ähnlich der , welche ein guter Wirt empfindet , wenn es sich die Gäste an seinem Tische recht schmecken lassen . — Ernestine sann lächelnd über diesen profanen und doch auf so kindlich guten Seiten der menschlichen Natur gegründeten Glauben nach . Leuthold war noch nicht von seiner Reise zurückgekehrt und diese Tage der Einsamkeit waren ihr , ohne daß sie sich selbst darüber Rechenschaft gab , die liebsten seit langer Zeit . Sie tat , wenn sie allein , nichts Anderes , als wenn er bei ihr war , — aber sie dachte an Anderes . So sehr hatte dieser Mann ihr ganzes Sein und Wesen umsponnen , daß sie in seiner Gegenwart nichts denken konnte , als was er billigte und wissen durfte . Seit er fort war , ließ sie es sich , wenn das Wort hierher paßt , wohl sein . Sie ließ ihren Geist schweifen , wie und wohin es ihn zog . Sie schämte sich nicht einmal , von der Arbeit aufzuspringen , die Vögel zu füttern und eine Stunde am Fenster oder im Garten zu verträumen . Auch machte sie auf eigene Hand wissenschaftliche Versuche , mit deren Resultat , wenn sie glückten , sie ihren Oheim bei der Rückkehr überraschen wollte . Aber das war nicht der einzige Vorteil seiner Abwesenheit : Sie konnte in das Schulhaus zu den guten alten Lehrersleuten gehen , sie konnte — einen Besuch empfangen ! Ein Besuch , von dem der Onkel nichts wußte — war das recht ? O ja , es war recht , es war zu heilig , als daß sein kalter Hohn es ihr entweihen durfte . Warum war er so kalt ,