und sie reiste niedergeschlagen wieder nach Dresden , um in der Arbeit , in der Kunst , ihr Leid zu vergessen . Mit dem Doktor hatte sie das Abkommen getroffen , von ihm wöchentlich über das Befinden der Mutter unterrichtet zu werden , und daß er gern an sie schrieb , dafür sprachen die herzlichen und doch respektvollen Briefe , in denen zwischen jeder Zeile die Versicherung zu lesen war , daß er sie nie vergessen werde trotz allem und allem . Geheiratet hatte er noch nicht , aber Aenne hoffte , daß er die kleine blonde Cousine , die jetzt Tochterstelle bei der Frau Rat vertrat und die ihn heimlich mit aller Inbrunst einer ersten Liebe im Herzen trug , doch noch heimführen werde . „ Zureden darf man freilich nicht , “ hatte Aenne zu Tante Emilie gesagt , „ ich habe es erfahren , was daraus entstehen kann . Laß nur , er kommt von selber zu dem Entschluß ! “ „ Er wartet ja doch noch immer auf dich , “ pflegte dann die alte Dame zu erwidern , „ armer Mensch ! “ Aenne wußte ja zur Genüge , was Warten heißt , Warten in Qual und Ungewißheit , ohne jede Nachricht , ohne Lebenszeichen von dem , auf den man wartet . Sie selbst wollte es so , sie hatte mit einem einzigen Wort eine Annäherung des geliebten Mannes abgelehnt , hatte den Mut gehabt , mit scharfem Messer in seine kranke Seele zu schneiden , damit sie gesunde . „ Ich kann mich nicht an Sie binden , Herr von Kerkow , ich bin selbst schwach und bedarf eines starken Armes , auf den ich mich stützen möchte . Es würde ein trostloses Wandern sein , wollte ich mich jetzt an Sie hängen . Aber , wenn Sie einst wiederkommen wollen als ein Mann der Arbeit , der auf eigenen Füßen steht , in welcher Stellung es auch sei , dann will ich Ihnen folgen . – Bis dahin leben Sie wohl ! “ Und ohne ein Wort der Erwiderung hatte er sich daraufhin trotzig abgewandt . Sie begriff heute nicht mehr , wie sie damals so sprechen konnte , so klar , so kalt und entschieden . Sie wußte , es war ein va-banque-Spiel – alles oder nichts ! – der letzte Versuch , den Mann aufzurütteln aus seiner Apathie . Ob es gelingen würde ? Wer konnte das wissen ! Es war gut , daß sie mit Arbeit förmlich überhäuft wurde , denn in jeder müßigen Stunde trat sein Bild vor ihre Augen , das Bild , wie er am Bette des toten Kindes die Arme nach ihr ausstreckte . „ Wenn du mich zwingst , zu leben , so bleibe bei mir , Aenne ! “ Da , da hatte sie jene Worte gesprochen . Sie wußte jetzt nur , daß er seinen Dienst aufgegeben hatte und hinausgezogen war in das Leben . Wohin ? Keine Kunde war ihr gekommen , aber tief in ihrem Herzen , da lebte die Hoffnung . Und wunderbar , je längere Zeit verging , um so größer und leuchtender wuchsen ihr die Schwingen , um so seltener kamen die Stunden des Zweifels , um so bestimmter erwartete sie sein Kommen . Ein glänzendes Bühnenengagement hatte sie wiederum abgewiesen , in dem sicheren Gefühl , Heinz würde sie nicht gern auf den Brettern sehen . Es begriff sie niemand , sie gab sich auch keine Mühe , ihren Entschluß zu erklären Sie unterrichtete , sie sang in Konzerten und Kirchen , immer von neuem alles begeisternd mit ihrer herrlichen Stimme , ihrer anmutigen Erscheinung . Sie war schlanker geworden und bleicher sie lebte ja auch gar so wunderlich dahin mit der alten Tante droben im vierten Stock erzählten sich die Menschen . Besuche nahm sie nie an , und was sie nur zu erübrigen vermochte , schleppte sie auf die Sparkasse , sie war nahe daran , zu den Geizhälsen von Profession gezählt zu werden . Aber sie ließ sich gar nicht beirren , und wenn sie in ihrer einfachen weißen Seidenrobe auf dem Podium stand etwas anderes als weiße Seide trug sie nie – so jubelte ihr alles zu und bestürmte sie um eine „ Zugabe “ , und Aenne bewies , daß sie nicht geizig sei , sie sang drei , vier Lieder über das Programm hinaus . Von dem Innenleben des Mädchens wußte aber auch Tante Emilie nichts . Sie glaubte , Aenne lebe nur ihrer Kunst und habe den unseligen Liebestraum mit dem ehemaligen Schloßhauptmann von Kerkow längst vergessen . Daß sich das Mädchen noch verheiraten werde , glaubte sie nicht . Warum sollte sie auch ? Es war so behaglich hier , Aenne schien so glücklich in ihrem Beruf , und die kleine Häuslichkeit hielt sie , die Tante Emilie , so blitzblank und sauber – ihretwegen konnte es so fortgehen ohne Ende . Nur heute , heute war sie in Unruhe , denn der Brief des Doktors trug den Poststempel Berlin , eine schier unglaubliche Thatsache . Das Paketchen kümmerte die alte Dame nicht , jedenfalls ’ mal wieder das Autographenalbum eines Backfischs . Endlich wurde draußen die Korridorthür geöffnet und im nächsten Augenblick trat Aenne in das Zimmer , ein bißchen müde und abgespannt zwar , aber doch das alte liebe Lächeln um den Mund . „ Guten Abend , Tantchen ! Wie früh es jetzt schon dunkel wird , und ist erst Ende September ! “ sagte sie . Und ein Päckchen Noten auf den dazu bestimmten Schrank legend , setzte sie hinzu : „ Ist Nachricht da von Breitenfels ? “ „ Dort liegt der Brief vom Doktor , Kind , wundere dich nicht , er ist aus Berlin – was in aller Welt will der in Berlin ? Aenne machte verwunderte Augen , setzte sich aber erst recht behaglich in den Lehnstuhl am Fenster , vor welchem die Blumen der alten Dame im frischen Herbstwinde