nichts merkten . Da kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über Gertrud , und sie wußte um ihre Schuld , die Schuld , die zu ergründen sie so viele Wochen vergeblich gegrübelt hatte . Sie besaß nicht Liebeskraft genug , das war ihre Schuld . Sie hatte etwas auf sich genommen , was über ihr Vermögen ging . Sie hatte eine Ehe auf sich genommen ohne die dazu erforderliche Stärke des Herzens . Die Ehe war ihr als das Heiligtum der Heiligtümer erschienen . Die Verbundenheit mit dem Mann , den sie geliebt , war ihr gleichen Sinnes gewesen wie die Verbundenheit mit Gott . Als sie aber dieses Band zerrissen sah , stürzte die Welt in einen Abgrund , unermeßlich weit weg von Gott . Und nicht ihr Gatte erschien ihr als der Ungetreue , nicht ihre Schwester war ihr eine Schuldige , nein , sie selbst war ungetreu und schuldig in ihren Augen . Sie hatte sich nicht bewährt , hatte sich über ihre Kraft vermessen , und Gott hatte sie verworfen . Diese Überzeugung befestigte sich unumstößlich in ihrer Brust . Und da ihr im Bunde mit Daniel die Musik ein Göttliches geworden war , erblickte sie jetzt , wo dieser Bund zerstört war , das Gefährliche und zu Meidende wie ehedem darin , und sie verstand es also , warum ihr Gefühl stumm geblieben war . Doch wollte sie sich eine letzte Gewißheit verschaffen . Eines Morgens ging sie zu Daniel hinauf und bat ihn , ihr eine Stelle aus der » Harzreise « vorzuspielen , den Schluß des langsamen Mittelsatzes , der sie immer ganz besonders ergriffen hatte . Ihre Bitte klang so dringlich , ja angstvoll , daß Daniel ihr willfahrte , trotzdem er keineswegs in der Stimmung war . Indes Gertrud zuhörte , wurde sie bleicher von Minute zu Minute . Alles bestätigte sich furchtbar ; was früher Wonne gewesen , war nun Qual ; die Töne und Harmonien wirkten wie etwas Ätzendes auf ihr Inneres , und der Schmerz , den sie empfand , war so ungeheuer , das sie nur mit großer Selbstbeherrschung imstande war , aufrechten Schrittes das Zimmer zu verlassen . Voll Unruhe schaute ihr Daniel nach . Als sie unten angelangt war , vernahm sie ein wunderlich klingendes Geräusch aus ihrer Kammer . Sie ging hin und sah , daß die kleine Agnes in die Ecke des Raumes gekrochen war , wo die Harfe stand und mit einem Messinglöffelchen emsig gegen die Saiten schlug , wobei sie freudig lallte . Gertrud spürte einen unbestimmten Schrecken ; sie packte die Harfe und schleppte sie in die Küche hinaus , und dort schraubte sie die Saiten aus dem Rahmen , rollte sie zusammen , versteckte sie in eine Schublade und trug den leeren Rahmen in die Rumpelkammer auf den Dachboden . » Was soll ich tun ? « flüsterte sie vor sich hin und sah sich hilfesuchend auf dem Dachboden um . Sie hatte Sehnsucht nach Frieden , und hier schien es ihr friedlich , darum blieb sie eine Weile und lehnte sich mit geschlossenen Augen an einen Balken . Was soll ich tun ? fragte sie sich Tag und Nacht . Ich kann meinem Mann nichts mehr sein ; nur des Kindes halber ihm im Weg zu stehen , dazu habe ich kein Recht , argumentierte sie . Sie sah , wie er litt und wie Lenore litt , jedes durch sich selbst und eins durchs andere und dann noch durch die Gemeinheit der Menschen , da dachte sie : wär ich nicht da , alles wäre gut . Ihr dünkte , ja , sie war endlich dessen sicher , daß alle Wahrheit , die er ihr gegeben , nur den Zweck gehabt hatte , die eine Lüge zu übertünchen , die sie glauben lassen sollte , ihr Dasein sei eine Notwendigkeit für ihn . Das Gewicht dieser Lüge drückte ihn zu Boden , das wußte sie , und sie wollte ihn davon befreien ; aber wie , das wußte sie nicht . Und wenn Daniel und Lenore einander in Ehren angehörten , dann standen sie auch vor der Welt gerechtfertigt da , vor der Welt und vor Gott ; aber wie das zu erreichen wäre , wußte sie nicht . Und sie suchte und suchte , mit schwerfälligen , jedoch beharrlichen Gedanken . Es war , als liefe sie fortwährend um einen Punkt im Kreise herum und könne nichts anderes tun als auf diesen einen Punkt starren . Jeden Morgen um fünf Uhr stand sie auf und ging in die Kirche . Sie betete mit einer Leidenschaft , die ihr Herz physisch erschöpfte . Eines Morgens kniete sie noch verzweifelter als sonst am Altar , da glaubte sie plötzlich ein Stimmchen zu hören , welches ihr zurief : du mußt dich umbringen . Sie fiel in Ohnmacht , und Leute eilten herbei , die ihre Stirn mit Wasser benetzten . Da konnte sie aufstehen und nach Hause gehen . Ein eigentümlich weher und verträumter Zug lag um ihren Mund . Sie wollte sticken , sie erinnerte sich , daß ihr diese Beschäftigung , als sie noch Mädchen gewesen , die beklommensten Gedanken verscheucht hatte . Aber jedes Gewebe ihrer Hand wurde zu dem Spruch : du mußt dich umbringen . Schluchzend sank sie an der Wiege der kleinen Agnes hin , aber das Kind sagte deutlich : du mußt dich umbringen , Mutter . Lenore trat zur Tür herein ; um ihre Stirn leuchtete genossenes Glück , ihr ganzer Leib war Glück , ihre Lippen zitterten vor Glück , und ihre Augen sprachen : du mußt dich umbringen , Schwester . Philippine stand am Herd und raunte es in die Kohlenglut : bring dich um , Gertrud , und der Vater holte sich seinen Teller mit Essen , bedankte sich schüchtern und murmelte im Hinausgehen : bring dich um , Tochter , glaub mir , es ist das beste . Ging sie an einem Brunnen vorüber , so