, als male er . Norinas Blick wurde um ein weniges heller . Sie sah seine Bilder . Von Trouville erzählte er dann , wo um die hochhackigen Schuhe geschminkter Frauen der weiche weiße Seesand sich schmiegt , in überladenen Kasinosälen das Gold über die grünen Tische rollt , wo der Wind wütend das nordische Meer mit seinen immer graugrünen kalten Wellen peitscht und an den Schleiern der Schönen unwirsch zerrt , wo von den prunkenden Villen auf der Höhe enge schmutzige Gassen herunterführen , in denen die teuersten Dirnen der Welt sich ausstellen . Er machte eine Pause und sah zu Norina hinüber . Ihr Mund verzog sich - aber sie lauschte . » An Italiens Meer , Signora , floh ich von dem strengen Gestade , « fuhr er fort , » dahin , wo seine dunkelblauen Wogen San Marcos heilige Füße küssen , wo große Künstler , voll Ehrfurcht vor der Natur , nicht wagten , im Angesichte ihrer Majestät etwas anderes zu bauen als Dome und Paläste . Und Italiens Frauen sah ich wieder , vom sonnendurchglühten Wasser die schlanken Glieder umschmeichelt , geschmückt mit der Fülle unserer Blumen - « Er verstummte , von der eigenen Leidenschaft erschüttert . Auf Norinas Wangen lag purpurne Röte . Da brach ein Glas klirrend entzwei ; Giovannis zitternde Hände hatten es beim Einschenken umgestoßen . Später als es ihre Gewohnheit war , zog sich Norina an jenem Abend zurück , und es war , als ob ihr Fuß noch auf der Schwelle zögere . Auf dem Flur schlich ihr der Alte nach , und im Augenblick , da sie die Türe ihres Schlafzimmers öffnen wollte , warf er sich ihr , wild aufheulend , in den Weg . » Hundert Jahre diente ich , Monna Lavinia - hundert Jahre - « schluchzte er , ihre Knie umklammernd . Ein Gefühl , aus Ekel und Mitleid gemischt , kräuselte ihre Lippen . » Armer Narr - « sagte sie und befreite sich mit einer einzigen Bewegung von den dürren Armen , die ihr den Eingang wehrten . Kaum war sie hinter der Türe verschwunden , als er sich ächzend aufrichtete . » Armer Narr , sagst du - « murmelte er , während die tausend Falten auf seinem Gesicht sich verzerrten und seine Gestalt sich reckte , » weh mir , daß ich weiser bin als alle . « Am nächsten Tage bediente er nicht bei Tisch . Da und dort hatte man ihn im Schlosse schlürfen hören , aber niemand bekam ihn zu Gesicht . Auch Norina blieb auf ihrem Zimmer . » Fühlst du dich nicht wohl , geliebte Frau ? « frug Konrad , dem sie ihren Entschluß ohne Begründung hatte mitteilen lassen . Mit einem langen zärtlichen Blick - dem ersten seit vielen Wochen - sah sie ihm gerade ins Gesicht . » Ich darf mich nicht so viel erinnern , Konrad , « und ganz schwer , wie belastet von Gedanken , fiel jedes Wort aus ihrem Munde . » Seit mir das Kind nicht blieb , bin ich so fremd geworden - mir selbst - dir - allen ! Hilf du mir , « - flehend und wie von Angst geweitet , ruhten ihre Augen auf ihm , - » daß ich nicht noch weiter fort muß . « Von ungeweinten Tränen geschüttelt , barg sie den Kopf an seiner Schulter . Und er preßte sie an sich , von neuer , heißer Hoffnung durchströmt , daß sie ihm wieder gehören würde . Warburg atmete förmlich auf , als er erfuhr , daß Norina zum erstenmal von ihrem Unglück gesprochen hatte . » Jedes Redenkönnen ist schon eine Befreiung , « sagte er , » nur das tiefste Leid , das noch unerlöste und nicht zu erlösende , bleibt stumm . « Während Konrad mit seinen Gästen bei Tische saß - eine gequälte Tafelrunde , bei der schließlich keiner mehr sich die Mühe gab , ein Gespräch aufrechtzuerhalten - betrat Norina die kleine Kapelle . Die Türe knarrte im Schloß , irgendwo knirschte der Fußboden . Sekundenlang hob sie in erschrecktem Lauschen den Kopf . Niemand sollte ihr folgen . Sie mußte allein sein . Alles blieb still ; was sie noch hörte , war wohl nur das Klopfen ihres eigenen Herzens gewesen . Die Luft im Innern des geweihten Raumes schlug ihr atembeklemmend entgegen , denn seit dem Tage vor der Geburt des toten Kindes war die Kapelle nicht mehr geöffnet worden , und vor Demeter-Maria standen noch in ihren Schalen die armen , welken Frühlingsblüten Italiens ; ihre feuchten , faulenden Stengel , ihre trockenen , verwesenden Blätter breiteten einen Geruch nach Sumpf und Moder aus . Norina aber griff mit einem Blick sehnsüchtigen Verlangens mit beiden Händen in das dürre Laub und preßte es krampfhaft an ihr blasses Gesicht ; in grauen Staub zerfallend , zerrann es zwischen ihren Fingern . An dem kleinen Fenster über dem Altar raschelte es . Wie lebendig funkelnd die roten und blauen Gläser niederstarrten ! » Es sollte vergittert werden - « hatte das nicht einmal irgendwer gesagt ? Ihre Augen , um die sich tiefe Ringe legten , wanderten durch den Raum : wer hatte die bunten Blumenbilder um die Säulen geschlungen ? Gab es noch eine Erde , der sie lächelten ? ! Wer hatte die blaue Wölbung mit den goldenen Sternen darüber gespannt ? Gab es noch einen Himmel , der also leuchtete ? ! Vom Schoße Demeter-Marias schien der üppige Knabe die ganze Welt jubelnd umarmen zu wollen - er hatte die Augen so blau wie die Adria und Haare wie die Sonnenstrahlen , wenn sie Santa Maria del Fiore küßten . Norina brach lautlos zusammen . Das Fenster über dem Altar splitterte . Sie hörte es nicht . Rote und blaue Scherben regneten herab . Sie merkte es nicht . Ein faltiges Greisengesicht erschien in der Öffnung , mit Pupillen in den Augen wie gelber Bernstein . Sie sah