so klar geworden , wie übervoll die Welt von häßlichen und dürftigen Menschen war , als heute , wo sie in dem Dreieck des Rondells die eine Gestalt sehen sollte , - die keiner zu vergleichen war . Da kam ein Herr , der hatte freundliche und kluge Augen von ähnlichem Blau , wie er , aber die Lippen des Mundes waren wulstig aufgeworfen und von den gewöhnlichsten Trieben geformt . Da kam ein anderer , - die Konturen seines vollen , grauen Haares unter dem weiten Filzhut , erinnerten , einen schattenhaften Augenblick lang , an jenen anderen Kopf , - aber wie hätte der auf solcher Gestalt wohl sitzen können ? Es kamen Leute - kurze und lange , dünne und dicke , blonde , schwarze und graue , aber keiner , keiner- von seiner Art. Es schien ihr , als gehöre er einem Geschlecht an , das die Merkmale des lichten Rassenideals mit reinster Vergeistigung gepaart hatte , und nun , wie eine fremde Art , herausleuchtet aus der Menge . Und eine bedrückende Angst senkte sich plötzlich auf sie : - wie würde sie die Häßlichkeit , die Dürftigkeit dieser Welt ertragen , wenn - wenn jenes Bild - ihr wieder daraus entschwand ? Ein namenloses Bangen erfaßte sie und machte sie schwindeln . Jenes Bild aber - sie hatte es gesehen ! War denn das nicht schon ein Wunderbares , - - war denn das nicht eine seltene Erfüllung ? Mußte man nicht am Leben irre werden , wenn man dem Bildnis seiner Sehnsucht in eben diesem Leben niemals begegnete ? Wenn es aber geschah , - wenn diese wunderbare Bestätigung einem wurde , - mußte dann nicht der Glaube kommen , der große Glaube an die Idee der Möglichkeit höchster Vervollkommnung ? Und hatte man erst diesen Glauben - war man denn da nicht frei geworden , - losgelöst vom zufälligen Spiele des Schicksals , das einem in diesem einen , kleinen Leben herumwirbeln mochte auf krause und scheinbar sinnlose Art ? Nur der bestätigte Glaube an das Idol der eigenen transzendenten Sehnsucht , - nur der war der sichere Wegweiser im Labyrinth . Sie hatte die Blicke von der Tür gewendet und sie auf eine illustrierte Zeitung gesenkt , die sie in Händen hielt . Plötzlich fiel ein Schatten auf das Blatt , - wie ein glückliches Erschrecken ging es durch ihr Wesen , wie ein Riß vom Herzen in die Glieder ... Manfred stand an ihrem Tisch . Sein Gesicht lachte ihr zu , und während er seinen Mantel ablegte und dem wartenden Kellner übergab , entschuldigte er sich für die kleine Verspätung . Er hatte sie hierher gerufen , um mit ihr einen Plan zu besprechen , der schon geklärt sein sollte , wenn die Sitzung zusammentraf : er wünschte möglichst bald in dem neuen Blatt einen Artikel von ihr zu bringen , betitelt » Die Freiheit der Frau « . Sie horchte und wurde nachdenklich . Dieses Thema , - - war sie wohl diesem Thema gewachsen ? Sie bat ihn , ihr das Thema deutlicher zu machen . » Die Freiheit , die ich meine - - Sie können sich denken , daß es nicht etwa die Freiheit ist , mit der man auf Frauenversammlungen irgendein politisches Recht im Schweiße seines Angesichtes erkämpft ... obwohl die Erkämpfung solcher Rechte auch zur Sache gehört . Aber die Freiheit , die ich meine , « er stockte , und sein vollkommen geformtes Antlitz , dem ihren so nahe , blieb ihr einen Augenblick nachdenklich zugewendet , - » die ist eine , die alle jene Kämpfe um positive , materielle Güter erst sinnvoll machen soll . « Und ernst und aufmunternd forderte er sie auf : » Umgrenzen Sie mir das Problem . « Er neigte ihr den Kopf zu , und die Lichtströme seiner Augen nahmen ungehindert den Weg in die ihren . Er fuhr fort : » Gestalten Sie das Problem der - fast möchte ich sagen , der esoterischen Frauenbewegung wenn das Wort esoterisch nicht gerade für mich « , er seufzte - » einen unerquicklich mystagogischen und anrüchigen Klang hätte . Aber abgesehen von dieser suggestiven Färbung , die das Wort gerade für mich hat , - hat es hier Geltung . Jawohl , - umgrenzen Sie mir das Problem der esoterischen Freiheitsregung der neuen Frau ! « » Und warum - ich ? « » Sie - nur Sie . Denn wer sonst ? Da wäre noch meine Mutter , aber sie kann diesen Gedanken nicht mehr das Blut der Jugend geben . Neben ihr sind nur Sie - die einzige , - - die davon etwas weiß , die einzige , die darüber etwas sagen kann . « Sie lächelte : » Sagen kann ; das vielleicht , aber schreiben , ich ? « Und fast schamhaft wiederholte sie : » Sagen könnte ich es vielleicht . « Er lachte , - ein herzliches , vollkommenes , von keinem verdeckten Geheimnis verfärbtes Lachen . » Nun dann sagen Sie es , - und dann - dann können wir ja stenographieren . « So gingen sie in die Heiterkeit ein . Aber im Ernst sagte sie dann wieder : » Ich darf das heute noch nicht versprechen , - denn ich weiß nicht « , ihre Augen bekamen plötzlich wieder jenen Schleier , der sich manchmal , wenn sie die Fährte ihrer Gedanken suchend verfolgte , über sie senkte , - » ich weiß nicht , - ob ich selbst in dieser Freiheit bin ... Erst - wenn ich das deutlich fühle , - dann erst werde ich Worte finden dafür . « Also darum hatte er sie gerufen . Auch er glaubte , daß dies der wahre Grund gewesen , warum er sie hier , eine Stunde vor der Begegnung mit den anderen , sehen wollte . War es aber auch der einzige Grund ? War es nicht vielleicht auch , weil er sich freute