Warum hast du mich nicht mit dem vereinbarten Wort gewarnt ? « » Weil ich das gleich einen Augenblick vorher schon gethan hatte . « » Ja , das war aber nur wegen der Peitsche , nicht des Sprechens wegen ! « » So , so ! Es würde dir also nicht lästig sein , von mir in einer Minute nochmal gewarnt zu werden ? « » O doch , sogar sehr ! Ich sehe ein , daß ich mich noch viel , viel mehr zusammenzunehmen habe , als ich dachte . Weißt du , Sihdi , der Mensch ist doch ein außerordentlich schwaches Geschöpf , und ich , dein alter , unvorsichtiger Halef , gehöre wohl zur allerschwächsten Sorte . Nicht ? « » Diese Frage ist unnütz , denn da du es selbst einsiehst , brauchst du ja meine Antwort nicht . Komm zu Hanneh ! Sie hat dir gewinkt . « Er eilte mir voraus , um diesem Winke zu folgen . Sie hatte mit ihm zu sprechen , da sie natürlich wissen wollte , wo wir gestern noch so spät gewesen waren und was wir gethan hatten . Kara gesellte sich ihnen zu ; ich aber ging zu dem Perser , der auch vom Schlafe erwacht war und in der Nähe des Münedschi saß . Als ich mich bei ihnen niedergelassen hatte und mit dem Basch Nazyr sprach , erkannte mich der Blinde an der Stimme und fragte : » Irre ich mich , wenn ich denke , daß der Effendi aus dem Wadi Draha bei mir ist ? « » Nein , du irrst dich nicht , « antwortete ich ihm . » Ich bin es . « » Wer ist noch da ? « » Ein Freund von dir und mir , welcher zu unserer Schar gehört . « » Besitzt er dein Vertrauen ? « » Ja . « » So darf er vernehmen , was ich dir zu sagen habe ? « » Ich weiß zwar noch nicht , was du mir sagen willst , habe aber ganz und gar keinen Grund , ihm mein Vertrauen zu verweigern . « » Welche Tageszeit haben wir jetzt ? Es scheint hell zu sein . « » Ja ; es ist früh morgens . Die Sonne wird in kurzer Zeit erscheinen . « » Wann war es , als ihr mich fandet ? « » Gestern . « » Nicht länger ? So betrifft also das , was ich dir sagen will , unser gestriges Gespräch . Ich sollte vielleicht lieber schweigen , aber es liegt ein mir wohlbekannter Trieb in mir , zu dir zu reden . Dieser Drang ist mir stets der Beweis , daß Ben Nur , der Sohn des Lichtes , es will . Dieser Name ist dir doch bekannt ? « » Ja . « » Und du weißt , daß er meine Seele oft nach Orten führt , welche nicht hier auf der Erde liegen ? « » Ich weiß es . « » So will ich dir mitteilen , daß er in der vergangenen Nacht auch wieder bei mir gewesen ist , und daß ich die Erde mit ihm verlassen habe . « » Wo warest du mit ihm ? « » In der Todesstunde . « » Das ist doch eine Zeit , aber kein Ort . « » Das habe ich bisher auch gedacht ; nun aber weiß ich es besser . In dieser Nacht war sie für mich ein Ort , an welchem ich mit Ben Nur auf einem hohen Steine stand , um die Seelen der Sterbenden an mir vorüberziehen zu sehen . Ich sehe ihn noch jetzt so deutlich vor mir , daß ich ihn dir ganz genau beschreiben kann . « Er that dies , und seine Schilderung stimmte ganz genau mit dem überein , was wir gestern auf dem Felsen gehört hatten . Uns , seine Begleiter , erwähnte er gar nicht . Darum fragte ich : » Warst du ganz allein an dieser sonderbaren Stelle ? « » Ich und Ben Nur . « » Niemand weiter ? « » Nein . « » Von wo hat er dich abgeholt ? « » Natürlich von hier , wo ich jetzt sitze . « » Hast du die Erde direkt von hier aus verlassen , oder bist du erst an einem andern Orte gewesen ? « » Direkt von hier aus . Willst du vielleicht hören , was und wen ich alles durch die Thüren der Mauer habe kommen sehen ? « » Ja ; ich bitte dich darum , es uns zu erzählen . « Er wußte also nicht , wer bei ihm gewesen war , und daß wir ihn hinaus nach dem Felsen begleitet hatten , der von ihm und uns erstiegen worden war . Und nun begann er seinen Bericht . Er beschrieb uns die einzelnen Scharen der Seelen ganz in derselben Reihenfolge und in derselben Weise , wie Ben Nur sie ihm gestern gezeigt hatte . Nur war alles viel kürzer , nicht so ausführlich ; er wußte zwar den Sinn , aber die Worte nicht , welche von dem » Sohn des Lichtes « gesprochen worden waren . Als er zu Ende gekommen war , fragte ich ihn : » Bist du überzeugt , daß dies ein wirkliches Gesicht gewesen ist ? « » Ja , vollständig überzeugt , « antwortete er . » Kein Traum ? « » Kein Traum ! Ich träume zwar manchmal auch , weiß aber meine Träume so genau von meinen Gesichtern zu unterscheiden , daß ein Irrtum gar nicht möglich ist . « » Ist die Grenze oder der Unterschied zwischen Traum und Gesicht so scharf , so bemerkbar , daß du beide wirklich nicht verwechseln kannst ? « » Ja . Ich kann sogar zwischen Traum und Traum unterscheiden . Es giebt Träume , welche einfach nur die Fortsetzung der letzten Gedanken sind , mit denen man sich