Haubitz » Der Würgeengel « hinweise . Lebhafter Beifall lohnte den gediegenen Vortrag . Nur Leonhart hatte sich wenig taktvoll benommen und stets mit der Hand schmunzelnd über seinen Schnurrbart gestrichen , als verberge er mühsam seine Heiterkeit . Auch Lämmerschreyer profitirte nicht viel - seine ganze Dichterseele wandte sich der homerischen Begierde des Trankes und der Speise zu , während er zwischen dem Kauen einige Anekdoten von einem » feudalen Weib « zum Besten gab , wie es einem solchen Verehrer der Tugend und Todfeind aller Tyrannen angemessen . » Sie übernehmen den Wein , Herr Leonhart ? Ich behalte mir Revanche vor ! « meldete der Jüngling hochtrabend . » Oller Renomierstengel ! « brummte jener zwischen den Zähnen . Eilt gewaltiger Kumpen mit Hummersalat fuhr vor , welchen Lämmerschreyer bestellt hatte . » Welch ein Gebirge ! Der reine Kau-Kasus ! « wortwitzelte der Jüngling . Leonhart ermunterte ihn ironisch zu kräftigen Einhauen . » So ist ' s recht , mein Lieber ! Den Dicken gehört die Zukunft . « » Dank Ihnen . « Der Jüngling brach sich eine weite Gasse in das Gericht und begleitete diese ritterliche Handlung mit dem prickelnden Witzwort : » Die Stätte , die ein guter Mensch betrat , ist eingeweiht - weeß Knäbbchen - für alle Zeiten . « Hier wurde er aber unliebsam unterbrochen . Ein Studiosus der Philosophie , der starr und steif wie ein steinerner Gast dagesessen und den Orakeln gelauscht , dafür aber unbändig viel geistige Getränke genossen hatte , fühlte sich voll dem Kneifer Lämmerschreyers schon wiederholt beleidigend gestreift . Jetzt brach er plötzlich ganz unmotivirt los : » Mein Herr , wünschen Sie was von mir ? Sie haben mich fixirt . « Lämmerschreyer ließ die Gabel fallen und starrte ihn majestätisch an . Das empörte jenen Musensohn aufs höchste , er sprang auf und rief : » Sie ! Sie fixiren mich ja immer noch . Wenn Sie Student sind , geben Sie mir Ihre Karte ! « » Die bekommen Sie nicht ! « schnaubte Jener mit ausgeworfener Nase . Er war jedoch sehr blaß geworden . » Was ? Erst fixiren und dann nicht Karte geben ? Das ist eine erbärmliche Kneiferei ! « Hier legte sich jedoch Leonhart energisch ins Mittel und nach üblichem Hin- und Hergerede erklärten sich Beide für Ehrenmänner . Während dieser lebhaften Vorlage am andern Ende der Tafel , welche hier und da durch die Klingel des Präsidenten Edelmann beschwichtigt wurden , hielt ein Individuum am entgegengesetzten Ende der Tafel einen unverdauten und unverdaulichen Vortrag über den » Begriff der Schönheit « . Es mummelte und murmelte ununterbrochen so fort , indem es in sein Weinglas stierte , und versicherte unablässig , daß » Schönheit der Einklang von Form und Inhalt « sei . Als dies Murmelthier schwieg , sprang Herr Rafael Haubitz auf und bewies in längerer Rede , die er stotternd hervorsprudelte , daß » die Begeisterung « ( » Begeiferung ? « fragte Leonhart seinen Nebenmann ) das eigentliche Prinzip der Poesie sei , wobei er auch wieder die alte Phrase herleierte , bei Chinesen und Negern sei das Schönheitsideal ein ganz anderes als bei uns . Er suchte sodann darzuthun , daß man den Begriff des Schönen in physiologische und associative Eindrücke zerlegen könne . So z.B. wirken , beim Hinaustreten aus einem Zimmer auf eine thauige Wiese im Morgenlicht , zuerst rein physiologisch das Licht , die Frische , das Grün : als angenehmer Sinneseindruck . Später aber trete das associative Gefühl hinzu : Licht und frische Luft sind gesund für jedes Lebewesen , das Grün aber wirkt schön , weil wir damit in der Erinnerung den Begriff einer blühenden Natur associiren . Warum würde ein grüner Mensch auf uns abschreckend wirken ? Weil wir einen solchen noch nie gesehen haben ( » Oho ! Grüner Junge ! « murmelte Leonhart ) und das Angenehme geselligen Verkehrs in unserer Vorstellung nur mit weißen Menschen associirt sei . Daher auch unsre Abneigung gegen Schwarze , die von diesen erwidert werde . Hier bemerkte ein zartes feines Stimmchen , einem mimosenhaften Jüngling angehörig , daß die Natur doch dann nicht schön wirken könne , wenn man sie durch eine rothe Glasscheibe betrachte . Sie wirke aber dabei nur befremdlich , keineswegs unschön . Nachdem dann noch ein furchtbar gelehrtes und bemoostes Haupt von 24 Jahren einen Discurs über die Undulationsschwingungen gehalten und Helmholtz ' Theorieen auf den Begriff des Schönen angewandt hatte , trat jetzt ein allgemeines Hin- und Hergerede ein , das der Präsident umsonst zu stoppen suchte . Jeder disputirte auf eigene Faust und verfocht die tiefsinnigsten Theorieen über die Gesetze der poetischen Production . Da erbat sich Leonhart Gehör , und nachdem nothdürftige Stille hergestellt , begann er also : » Wir haben soeben manch geistreiches Wort vernommen , sind über Vieles belehrt . Erlauben die Herrschaften nun , daß auch ich zu jeder einzelnen These meinen Genf gebe . Wir haben die uralte Prase gehört , Schönheit entstehe , wenn Form und Inhalt sich decke . Nun , in einem Menzel ' schen Bild oder etwa in Laibl ' s Drei alten Weibern decken sich Form und Inhalt wunderbar d.h. sind von gleich origineller Häßlichkeit . Ist also auf diese Weise Schönheit entstanden ? Keineswegs . Aber ist darum diese meisterliche Häßlichkeit nicht kunstwerkmäßig ausgeführt ? Ja . « Nun gehört aber ohnehin in die Rumpelkammer der alten Ästhetik , die von Aristoteles und Lessing bis auf Vischer und Nordau nur dummes Zeug zusammengeschwätzt hat , die thörichte Voraussetzung , die Kunst habe die Schönheit zum weck . Macbeth als Mörder ist ganz gewiß nicht » schön « . Vielmehr wird das Gleichgewicht der Schönheit d.h. der sittlichen Naturharmonie , erst durch die Zoten des betrunkenen Pförtners , also etwas an sich Häßliches , wieder hergestellt . Wenn wir aber die Wahrheit mit den Realisten als Zweck der Kunst bezeichnen , so verlockt uns auch dies in Irrwege