Schreck , halb mit Wonne vermutet , wenn die Zeichen nicht trügen ? Noch hatte sie ihm keine Andeutung gemacht ... Die Stunde war wohl vorüber . Schlichting war verstört und müde . Seine Glieder fühlten sich schwer wie Blei . Es war ihm , als müßte er sich zu Bett legen wie ein Kranker . Wer weiß ! Aber umsomehr wollte er den Kindern die versprochene Freude machen und ihnen die Briefe an die ehemalige Hauslehrerin Fräulein Flora Kuglmeier anfertigen helfen . Es war ihm jetzt so eigen , wenn er an Flora dachte , so unheimlich , so fröstelnd , wie wenn es in die Blüten schneit und ein rauher Winterswind durch den Frühling fährt , alles so kläglich unzeitgemäß und freudlos . Die Kinder sahen den Herrn Kandidaten mit verwundert fragenden Blicken von der Seite an . Er war heute ganz anders wie sonst . Das Gefühl seiner Bedrückung hatte sich ihnen mitgeteilt . » Ja , die Briefe , ach , die Briefe ! « riefen sie aufatmend . » Aber lustig müssen sie werden , sonst mag ich gleich gar nicht , « ergänzte Hermann . » Die Stunde war recht langweilig . Fehlt Ihnen etwas , Herr Schlichting ? Hat Ihnen Mama etwas Schlimmes gesagt ? « » O nein , wie kannst Du glauben , die Mama ! « begütigte Franz und machte sein drollig altkluges Gesicht , ohne den älteren Bruder anzublicken . » Nun , mein Gott , es gibt allerhand Unzukömmlichkeiten , wie Papa zu sagen pflegt . Aber das macht der Liebe - - « » Willst Du den Mund halten , Hermann ! « verwies ihn Schlichting streng . » Du sollst Vater und Mutter ehren , lautet das Gebot - und Du äffst die Redensarten der Eltern nach ! Wahrhaftig , ich würde mich schämen . « » Sie verstehen heute aber auch gar keinen Spaß , Herr Schlichting ! « suchte sich der Zurechtgewiesene zu entschuldigen . » Nein , zum Spaßmachen sind wir nicht da . « » Wir wollen recht schöne Briefe schreiben , « bemerkte Franz geschäftig einlenkend . Der kleine Eugen hockte in der Ecke am Tischchen bei seinem Spielkameraden Werner , dem jüngsten Söhnchen des Postoffizials vom vierten Stock . Als er vom Briefschreiben hörte und von Fräulein Flora , legte er das Bilderbuch weg . » Auch schreiben , auch schreiben ! « Bald saßen die Raßlerschen Sprößlinge über ihre Hefte und Tafeln gebeugt , mit wahrem Feuereifer die Entwürfe ihrer Briefe bearbeitend . Eugen war am ungeschicktesten und darum am aufgeregtesten . Er wischte immer wieder aus und bestürmte Franz mit Fragen . » Wie machst Du ' s ? Laß sehen , laß sehen ! « Franz wies ihn mit erhobenem Ellbogen und ungeduldiger Geberde ab ; er zog die Schultern hoch und legte den Kopf schief und so nahe auf das Heft , daß Eugen nichts mehr sehen konnte . Eugen wurde ganz rot im Gesicht , seine Bäckchen glühten ; plötzlich ließ er die Arme mutlos sinken und brach in Schluchzen aus . » Herr Schlichting , kein Mensch hilft mir ... « Schlichtung fuhr aus seinen Gedanken auf . » Komm ' her , armer Kerl ; wart ' wir wollen zusammenhelfen ; unser Brief - na , die Andern werden gucken . « » O je , das wird was Rechtes werden , « spottete Hermann , ohne böse Absicht , » wenn Eugen dem Herrn Schlichtung an Fräulein Flora schreiben hilft . « Und er tunkte gravitätisch eine frische Feder ein , blickte dabei dem Franz über die Schultern - und als er unachtsam mit der Feder zurückfuhr , fiel ein schwerer Tintentropfen auf das Papier . » Nun hab ' ich gar einen Batzen gemacht . « » Eine schwarze San , « vergröberte Franz den Ausdruck ; » Sündenschuld ; warum läßt Du uns nicht in Ruh . « Dabei schrieb er wie wütend und rutschte halb vom Stuhl . » Meinetwegen , so schick ich halt auch die Sau an Fräulein Flora . « » Und sagst , es wär ' Deine Photographie , « spottete Franz schlagfertig . » Du thust Dich leicht . Ach Gott , ist das Briefschreiben schwer . Ich bin totmüde . « » Faulpelz ! « gab ihm Hermann zurück . » Ich bin weiter , als Du , gib acht ! « Der kleine Werner saß während dessen mit seinem tiefsinnigen blonden Köpfchen und seinem grauen Wollenwämschen mutterseelenallein in der halbdunkeln Ecke , die Händchen auf die Kniee gelegt , ein Bild der Insichversunkenheit . Das schwarze Mitzikätzchen schlich sich heran und rieb sich an seinen Beinen . Ein leises Lächeln ging über sein Gesicht ; dann ergriff er mit der einen Hand das Tier mit der andern das Buch und wollte dem Mitzikätzchen die Bilder zeigen . » Hu , der Bär , Mitzi , der Bär ... « Franz legte die Feder weg und ging zu dem kleinen Werner . » Du hast es gut , Werni , Du brauchst keine Briefe zu schreiben . Magst Du geigen ? Ja , wir wollen geigen , gelt ? Musizieren ist viel gemütlicher , als schreiben . « Er trällerte leise . » Die droße Deige ! « sagte Werner , ließ die Katze los und seine Augen leuchteten vor Vergnügen . Das Geigen war seine Passion . Beim Einschlafen und Aufwachen sprach er von der » droßen Deige « und bat die Mutter , ihn morgen wieder zu Eugen hinabgehen zu lassen , damit er auf der schönen » droßen Deige « spiele . Die Frau Postoffizial stimmte dem Wunsche ihres Lieblings zu : » Ei gewiß , morgen darf Werni wieder geigen und wenn er brav ist , bringt ihm das Christkind selbst noch eine Geige . « Morgen wahrte oft freilich eine ganze Woche , denn sie wußte , daß der Herr Kommerzienrat ihrem Kindersegen gram war und die Güte