Landes und seiner Zukunft . Er betrieb einen beschränkten Weinhandel , nur mit gutem und wertvollem Wein , mehr gelegentlich als geschäftsmäßig , und in seinem Hause ging alles seinen Weg , ohne daß er viel umhersprang . Auch er war ein Mann des Rates und der Tat , aber mehr in der moralischen Welt , und in politischen Dingen ein einflußreicher Volksmann , obgleich er nicht im Großen Rate saß . Bei den Wahlen hörten viele auf ihn ; daher mochte die Regierung ihn sowenig gegen sich aufbringen als den Holzhändler . Der Statthalter hatte jetzo die Gelegenheit ergriffen , zwischen den beiden Männern über fraglichen Straßenbau eine Verständigung herbeizuführen . Als ein freundlicher und wohlbeleibter Mann mit einem hübschen Gesichte und vornehm grauen Haaren , welche an Puder erinnerten , trug er feine Wäsche und einen feinen Rock , an der weißen Hand goldene Ringe und lachte gern . Immer war er gelassen , führte seine Geschäfte mit Festigkeit durch , ohne sich auf die Gewalt zu berufen und als Regierungsperson zu brüsten . Staatswissenschaftlich gebildet , zeigte er davon jederzeit nur , soviel nötig war , und tat dies auf eine Weise , als ob er den Bauern nur etwas erzählte , das er zufällig erfahren und sie ebensogut wissen könnten , wenn es sich just gefügt hätte . Mit seinem feinen Rock und seinen Manschetten ging er überallhin , wo ein Bauersmann hinging , nahm seinen Putz nicht in acht dabei und verdarb ihn doch nicht . Zu den Leuten verhielt er sich nicht wie ein Vogt zu seinen Untergebenen oder wie ein Offizier zu seinen Soldaten , auch nicht wie ein Vater zu den Kindern oder ein Patriarch zu seinen Hirten , sondern unbefangen wie ein Mann , der mit dem andern ein Geschäft zu verrichten und eine Pflicht zu erfüllen hat . Er strebte weder herablassend noch leutselig zu sein , am wenigsten suchte er den besoldeten Diener des Volkes zu affektieren . Seine Festigkeit gründete er nicht auf die Amtsehre , sondern auf das Pflichtgefühl ; doch wenn er nicht mehr sein wollte als ein anderer , so wollte er auch nicht weniger sein . Und doch war er kein unabhängiger Mann ; einer reichen , aber verschwenderischen Familie entsprossen und in seiner Jugend selbst ein lustiger Vogel , kehrte er mit erlangter Besonnenheit gerade in das väterliche Haus zurück , als dasselbe in Verfall geriet ; so sah sich der junge Mann genötigt , gleich ein Amt zu suchen , und war endlich unter vielen Wechseln und Erfahrungen einer von denen geworden , die ohne ihr Amt Bettler und also Regierungspersonen von Profession sind . Er konnte aber als eine Ehrenrettung und Verklärung dieser verrufenen Lebensart gelten ; den ersten Schritt hatte er in der lugend und in der Not getan , und als es nachher nicht mehr zu ändern war , zog er sich wenigstens mit Ehre und wahrer Klugheit aus der Sache . Der Schulmeister pflegte von ihm zu sagen , er sei einer von den wenigen , die durch das Regieren weise werden . Doch alle Weisheit half ihm jetzt nicht , den Holzhändler und den Wirt zu einer Verständigung zu bringen , damit er der Regierung berichten könne , welcher Zug der Straße in der Gegend allgemein gewünscht werde . Jeder der beiden Männer verteidigte hartnäckig seinen Vorteil ; der Holzhändler hielt sich schlechtweg an den Vernunftgrund , daß die Wahl zwischen einer ebenen und graden Linie und zwischen einem Berge heutzutage unzweifelhaft sein müsse , und barg so seinen eigenen Vorteil hinter die Vernunft ; auch ließ er merken , daß er als Mitglied der Behörde jener zum Siege zu verhelfen hoffe . Der Wirt dagegen sagte geradezu , er wolle sehen , ob er es um den Staat verdient habe , daß man ihm das Haus seiner Väter in eine Einöde setze ! Herabzusteigen und an dem feuchten Wasser sich anzunisten wie ein Fischotter , dazu werde man ihn nicht überreden ; oben , wo es trocken und sonnig , sei er geboren , und dort werde er auch bleiben ! Hierauf versetzte sein Gegner lächelnd das möge er unbehindert tun und von der Freiheit träumen , während er ein Untertan seiner Vorurteile sei ; andere zögen es vor , in der Tat frei zu sein und sich munter umherzutreiben . Schon fing die Gelassenheit an zu weichen und bei den beiderseitigen Anhängern Worte wie Starrsinn und Eigennutz ! laut zu werden , als ein fröhlicher Haufe den Tell zur Fortsetzung seiner Taten abholte , denn er sollte noch auf die Platte springen und den Vogt erschießen . Etwas zornig brach er auf , indes auch die übrigen sich zerstreuten und nur Anna mit ihrem Vater und ich sitzen blieben . Die Unterredung hatte einen peinlichen Eindruck auf mich gemacht ; besonders am Wirt verletzte mich dies unverhohlene Verfechten des eigenen Vorteiles , an diesem Tage und in so bedeutungsvollem Gewande ; solche Privatansprüche an ein öffentliches Werk , von vorleuchtenden Männern mit Heftigkeit unter sich behauptet , das Hervorkehren des persönlichen Verdienstes und Ansehens widersprachen durchaus dem Bilde , welches von dem unparteischen Wesen des Staates in mir lebte und das ich mir auch von den berühmten Volksmännern gemacht hatte . Ich äußerte diesen Eindruck in vorlauten Worten gegen Annas Vater , hinzufügend , daß mir der Vorwurf der Kleinlichkeit , des Eigennutzes und der Engherzigkeit , welcher den Schweizern zuweilen gemacht würde , nun bald gerecht erschiene . Der Schulmeister milderte in etwas meinen Tadel und forderte mich zur Duldsamkeit auf mit der menschlichen Unvollkommenheit , welche auch diese sonst wackeren Männer überschatte . Übrigens , meinte er , sei nicht zu leugnen , daß unsere Freiheitsliebe noch zu sehr ein Gewächs der Scholle sei und daß unseren Fortschrittsmännern die wahre Religiosität fehle , welche in das schwere politische Leben jenen heitern , frommen , liebevollen Leichtsinn bringe , der aus warmem Gottvertrauen entspringe und erst die richtige Opferfreudigkeit , die allerfreieste Beweglichkeit von