, das ihn schon monatelang vor seinem Tode befallen hatte , schloß ihm die Sinne . So starb er im Juli 1793 , inmitten der Tage der Schreckensherrschaft , die er noch erlebt , aber nicht mehr mit Augen gesehen hatte . So etwa waren im Zusammenhange die Notizen , die die Gräfin vereinzelt gab . Sie wiegte sich in dem Bewußtsein ihrer Überlegenheit und wurde deshalb wenig angenehm überrascht , als Drosselstein , den Namen Lemierres einige Male wiederholend , wie wenn er sich auf etwas Halbvergessenes besinne , mit einem leisen Anfluge von Sarkasmus sagte : » Ja , es kann nur Lemierre gewesen sein ; gnädigste Gräfin entsinnen sich gewiß des Bonmots , das bei Gelegenheit der zweiten Aufführung des Guillaume Tell gemacht wurde ? Ich fand es in den Anecdotes dramatiques . « Die Miene , mit der Tante Amelie die Frage begleitete , ließ keinen Zweifel über die Antwort , so daß Drosselstein , um ihr die Verlegenheit eines » Nein « zu ersparen , ohne jede Pause fortfuhr : » Schon bei dieser zweiten Aufführung , trotzdem das Stück enthusiastisch aufgenommen worden war , war das Theater leer , und nur etwa hundert Schweizer hatten sich aus Patriotismus eingefunden . Einer von den anwesenden Franzosen bemerkte diese seltsame Zusammensetzung des Publikums und flüsterte seinem Nachbar zu : Sonst heißt es : kein Geld , keine Schweizer ; hier würd es heißen müssen : keine Schweizer , kein Geld . « Die Gräfin war selbst witzig genug , um unter dem Einfluß einer gut pointierten Wendung ihrer Verstimmung Herr zu werden , und bald wieder auf dem Vollklang Lemierrescher Tragödientitel , auf » Idomeneus « und » Artaxerxes « , sich wiegend , steigerte sie sich in ihrem Enthusiasmus bis zu der Behauptung , daß sich die Überlegenheit des französischen Geistes in nichts so sehr ausspräche als in der Tatsache , daß selbst Erscheinungen zweiten Ranges dem überlegen seien , was innerhalb der deutschen Literatur als ersten Ranges angesehen würde . Berndt , der ahnen mochte , auf was die Gräfin hinauswollte , horchte auf und bemerkte ruhig : » Könntest du Beispiele geben ? « » Gewiß ; und ich nehme das , das uns am bequemsten liegt , eben diesen Guillaume Tell , dem wir mit Hilfe unseres verehrten Gastes « , und hierbei machte sie eine verbindliche Handbewegung gegen Mademoiselle Alceste , » eine so schöne Stunde verdanken . Lemierre n ' est qu ' un auteur de second rang . Aber wie überlegen ist sein Guillaume Tell dem Wilhelm Tell des Herrn Schiller , ein Stück , in dem mehr Personen auftreten , als die vier Waldstätte Einwohner haben . Und dazu ein beständiger Szenenwechsel ; ein Lied wird gesungen , und ein Mondregenbogen spannt sich aus ; alles opernhaft . Zuletzt erscheint Geßler zu Pferde ... « » ... und der Souffleur gerät in Gefahr , wie Max Piccolomini unterm Hufschlag zugrunde zu gehen . Nicht wahr , Schwester ? « » Ich akzeptiere deine Worte und überhöre den Spott , der sich nach deiner Art mehr gegen mich als gegen den Dichter richtet . Er kann übrigens meiner Zustimmung entbehren ; der Weimaraner Herzog hat ihn nobilitiert . « » Das hat er . Hast du denn aber je den Schillerschen Tell mit Aufmerksamkeit gelesen ? « » Ich hab es wenigstens versucht . « » Da bist du mir in unserem Streit um einen Pas voraus , denn ich darf mich meinerseits nicht rühmen , auch nur einen Versuch zur Lektüre Lemierres gemacht zu haben . Aber eines ist sicher , er kam und ging . Sie mögen ihm , was ich nicht weiß , einen Sitz in der Akademie gegeben , ihm Kränze geflochten , ihm in irgendeinem Ehrensaal ein Bild oder eine Büste errichtet haben , es bleibt doch bestehen , was ich sagte : er kam und ging . Er hat keine Spur hinterlassen . « » Und doch folgten wir vor einer Stunde erst eben diesen Spuren und waren hingerissen durch die Schönheit seiner Worte . « » Seiner Worte , ja ; aber nicht durch mehr . Er mag das Herz seiner Nation berührt haben , aber er hat es nicht getroffen . Nach solchen Balsam- und Trostesworten , wie sie der Schillersche Tell hat : Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden , Greift er getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew ' gen Rechte , wirst du den Tell deines Lemierre , dessen bin ich sicher , vergeblich durchsuchen . Ich wüßte sonst davon . Dieser Herr Schiller , wie du ihn nennst , ist eben kein Tabulaturdichter , er ist der Dichter seines Volkes , doppelt jetzt , wo dies arme niedergetretene Volk nach Erlösung ringt . Aber verzeih , Schwester , du weißt nichts von Volk und Vaterland , du kennst nur Hof und Gesellschaft , und dein Herz , wenn du dich recht befragst , ist bei dem Feinde . « » Nicht bei dem Feinde , aber bei dem , was er vor uns voraushat . « » Und das ist in deinen Augen nicht mehr und nicht weniger als alles . Ich sehe seine Vorzüge , wie du sie siehst , aber das ist der Unterschied zwischen dir und mir , daß du von keiner Ausnahme wissen willst und der im ganzen zugestandenen Überlegenheit auch in jedem Einzelfalle zu begegnen glaubst . Erinnere dich , es gibt Fruchtbäume , die nur spärlich tragen ; vielleicht ist Deutschland ein solcher . Und wenn denn durchaus gescholten werden soll , so schilt den Baum , aber nicht die einzelne Frucht . Diese pflegt um so schöner zu sein , je seltener sie ist . Und eine solche seltene Frucht ist unser Tell . « Während dieses Streites hatte sich aus dem Salon und dem Billardzimmer her ein rasch wachsender Kreis von Zuhörern um Vitzewitz gebildet , welcher erst , als er schwieg , das Peinliche