Abstand von dem höchsten Haupte in Deutschland , das die römische Königskrone trug und dazu bald auch die deutsche Kaiserkrone fügen würde , bis zu dem armen Steinmetzgesellen herab , der nichts sein nannte - nicht einmal einen Namen . Aber für Rachel erschien dieser Abstand ausgeglichen - in ihren Augen gab es keinen edleren , herrlicheren Mann als diesen Baubruder - sie fand es ganz in der Ordnung , wenn das Weib , für das er sein Leben gewagt , ihn in ihr Herz geschlossen hatte ; aber eben so überzeugt war sie von Ulrich ' s hohem sittlichen Werth , daß er weder sein Gelübde der Keuschheit verletzen , noch gar ein ehebrecherisches Verhältniß eingehen werde . Was sie jetzt von ihrem Vater gehört , hielt sie für Lüge , und nur das für möglich , daß zwischen Elisabeth und Ulrich ein Band der Dankbarkeit sich geknüpft haben könne - wie ja auch zwischen ihm und ihr selbst , und daß es jetzt mehr als je ihre Pflicht sei , Alles daran zu setzen , Ulrich vor den finstern Plänen zu behüten , die jedenfalls gegen ihn im Werke waren , und wieder unter der eigenen Betheiligung ihres Vaters - wenn nicht Ulrich dagegen schon Schutz im Kloster gefunden . Aber bei der Vorstellung , er könne für immer dahinein gegangen sein , empfand Rachel doch einen heißen Schmerz , der ihr bittere Thränen erpreßte : denn dann sah sie ihn ja niemals wieder und konnte die Schuld der Dankbarkeit nicht abzahlen , die sie gegen ihn empfand . Dies Alles überlegend war sie in die Stadt und in die Goldschmiedsstraße gekommen , wo die meisten Gold- und Silberarbeiter wohnten . Die meisten von ihnen machten mit den Juden heimliche Geschäfte , und so war bei ihnen die Jüdin weder eine fremde , noch gar zu mißliebige Erscheinung . Aber bei Allen erhielt sie auf ihre Frage nach dem Ringe dieselbe Antwort . Es hatte keiner einen solchen zu sehen bekommen , und so beschrieb sie ihn nur für den Fall , daß ihn etwa später noch Jemand zum Verkauf böte . Dann ging sie auch in die Winklerstraße zum Goldschmied Albrecht Dürer . Er war nicht allein . Sein alter Freund , der Harfenschläger und Mechaniker Hans Frey , war bei ihm , so wie der Junker Willibald Pirkheimer . Vater Dürer hatte gestern einen Brief von seinem Sohn Albrecht erhalten , der nun seit länger als einem Jahre in Calmar lebte , wo er den berühmten Maler Martin Schöngauer zwar nicht mehr am Leben gefunden hatte , aber von dessen Brüdern Schön ( Schöngauer war nur der angenommene Künstlername des Malers ) herzlich aufgenommen worden war . Jetzt wollte er seinen Wanderstab weiter setzen und in deutschen Landen lernen , um in ein paar Jahren wieder nach Nürnberg zurückzukehren . Ein Brief des Lieblingssohnes war immer ein Ereigniß in dem Leben des Vaters Dürer von größter Wichtigkeit und Freude , und um diese mit Andern zu theilen , von denen er wußte , daß sie den Jüngling eben so herzlich liebten , hatte er Frey und Willibald zu sich rufen lassen , damit sie auch mit von Albrecht hörten . Willibald war der geeignetste Vorleser für die Worte der ihm wohlbekannten Freundeshand . Die Drei sahen nicht eben freundlich auf , als durch den Eintritt des Judenmädchens eine Störung in ihre Vorlesung kam . Kurz beantwortete Meister Dürer ihre Frage nach dem Ringe mit Nein . Dennoch zögerte Rachel zu gehen ; sie hatte vorhin Willibald von dem alten Frey Junker Pirkheimer nennen hören , und besann sich , daß sie ihn früher in Ulrich ' s Gesellschaft gesehen - wer weiß , wußte nicht dieser , was ihn in ' s Kloster getrieben , denn sie selbst wußte nicht , daß Willibald inzwischen von Nürnberg entfernt gewesen . Sie faßte sich darum ein Herz und sagte sich an ihn wendend : » Verzeiht , Junker Pirkheimer , aber mich dünkt , daß Ihr mit dem Baubruder Ulrich von Straßburg bekannt seid ; er hat uns in großer Gefahr beigestanden , und mein Vater möchte ihm gern einen Theil seiner Dankesschuld bezahlen ; er ist jetzt nicht in Nürnberg , und wir wüßten gern , ob und wann er wieder hierher zurückkehrt . « Willibald maß das Mädchen mit verwunderten Blicken - einmal , daß die Jüdin es überhaupt wagte , ihn anzureden , und dann , daß sie nach einem Baubruder fragte . Er antwortete kurz : » Wann er wieder zurückkommt , weiß ich nicht . Jetzt ist er wohl noch auf Arbeit im Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz , in das er mit seinem Kameraden berufen ward . « Rachel wußte genug , dankte und ging . Mit dieser Nachricht kam sie heim . Ihr Herz war leicht , denn Ulrich war nicht in ' s Kloster gegangen , um Mönch zu werden ! Ihrem Vater brachte sie die gewisse Kunde , wo er war und daß er später , aber wohl noch nicht gleich zurückkehren werde . » Wir haben keine Zeit zu verlieren , « sagte er , » wir müssen in ' s Kloster - die Baubrüder müssen uns Rede stehen , ob sie nicht gefunden den Ring ; wenn sie nicht gutwillig Rede stehen , muß es versucht werden mit List und Drohung . Rachel ' s Augen strahlten von der Hoffnung Ulrich wiederzusehen . Zuversichtlich sagte sie : » Mit Drohung richtet Ihr bei dem nichts aus - laßt mich ihn bitten , und er wird uns den Ring geben , wenn er ihn gefunden , oder wenn ihn Jemand sonst im Hause hat , versuchen , uns dazu zu verhelfen . « Elftes Capitel Vater und Sohn Wieder waren mehrere Tage nach jener nächtlichen Unterredung zwischen Ulrich und Konrad vergangen , und die Wiederherstellung des Tabernakels beinahe vollendet , als der Novize zu dem Baubruder sagte : » Diese Nacht wird es möglich sein . Warte um Mitternacht