eine Liebe ? hatte die Stimme noch scheuer gefragt ; aber deutlicher kannte er die Sprecherin schon , als er das Wort gesprochen : Durch Entsagung ! ... Er hatte diese Stimme schon oft gehört , wenn er die ihm so dringend empfohlene Gräfin Paula besuchte . Er hatte ihr Interesse beobachtet , ihr Erglühen , wenn er nahte , ihre Eifersucht auf Paula . Er hatte sich in den Beichtstuhl gesetzt , ausgerüstet auf die schwierigsten Fälle , die die Moraltheologie für das wichtigste und schwerste Amt des Priesters vorhergesehen , ausgerüstet auf alle Vorkommnisse der Herzenserleichterung , auf Ausreden und Ausweichungen aller Art , auch auf jene Zudringlichkeit der Mittheilung , die eine der lästigsten Erfahrungen gesuchter Seelsorger ist , auf die Plaudersucht , auf die Geheimnißkrämerei , auf ein sich mit der Wollust des Schmerzes selbst Preisgeben und die sich selbst geiselnde Vertraulichkeitssucht , ja auf die Eitelkeit auf die Sünde - er kannte alles , was sich schaudervoll Menschliches im Beichtstuhl zu enthüllen pflegt ; - aber daß ein zitternder , ihm bekannter und mit fühlbarem Athem sprechender weiblicher Mund so jetzt ihm in unverkennbarer Andeutung von einer ihn doch nur selbst betreffenden Liebe und mit einem fast herausfordernden Spott wieder , der ihn erbeben machte , davon in dieser Lage reden konnte , das war sogleich die stärkste Prüfung gewesen , die ihn traf ... Lehren Sie mich entsagen ! war die Aufforderung Lucindens gewesen . Er hatte sie ermahnt zum innern Gebet . Kennen Sie das innere Gebet ? ... Nein ! hatte die ermattende Antwort gelautet ... Es ist die Sammlung aller Ihrer Gedanken auf Einen Punkt , die Ausmalung Ihrer Betrachtungen , als wären Sie bei dem , was Sie lesen , gegenwärtig ! Wählen Sie dazu das Gebet des Herrn im Garten von Gethsemane und nehmen Sie Veranlassung zur steten Wiederkehr Ihrer Betrachtungen bei dieser Stelle selbst bis zur Vergleichung der Darstellung , wie sie sich bei den verschiedenen vier Evangelisten findet ! Setzen Sie diese innern Betrachtungen über diese eine Stelle der Leidensgeschichte so lange fort , bis eine kleine Altarkerze niedergebrannt ist , die Sie an der Kirchenthür draußen kaufen mögen ! ... Dann sprach er sein Absolvo und die Gestalt , die er nicht gesehen , war verschwunden . Zur Mehrung aber seiner harten Prüfungen , und doch ihn unendlich beglückend , kniete auf der andern Seite dann als zweite seiner ersten Beichteroberungen Paula Camphausen ... Sie hatte einen ihrer freien Tage nützend , sein erstes Beichtkind sein wollen ! ... Lucinde war ihr zuvorgekommen ... Paula klagte sich des Stolzes an auf die Bilder , die ihr zuweilen im Traum erschienen . Ich habe verboten , liebe Comtesse , erwiderte er , daß man Ihnen wiedererzählt , was Sie infolge einer krankhaften Verstimmung Ihrer Nerven im Schlafe sprechen ! ... Es geschieht doch ! erwiderte sie , und ich hör ' es zu gern und es ängstigt mich ! ... Auch hier verließen Bonaventura gleich im Beginn dieser Wirksamkeit alle Vorgänger in der Kunst der Ertheilung geistlicher Rathschläge ... und seltsam genug nimmt sich die Kirche auch aus in den Lücken , die ihre reiche Vergangenheit für die reichere Gegenwart offen lassen muß ! Was soll sie sagen , wenn nicht die großen Männer der alten Kirchengeschichte , ein Gregor , ein Bernhard von Clairvaux in Dingen , die diese begreifen konnten , zu ihr sprechen , sondern solche neueste Erlasse der päpstlichen Curie , bei denen man immer fürchten muß , Galileo Galilei und die Bibel fallen sich wiederum an und ringen im Kampfe ! Der Magnetismus als Heilmittel war damals vor der heiligen Pönitentiarie noch Streitfrage ; jetzt hat ihn ein Erlaß derselben verworfen . Bonaventura half sich damals in seiner Erwiderung an Paula mit der Erinnerung an das Hochgefühl der Märtyrer und sagte , wie einst der arme verbitterte Schauspieler Serlo gesagt hatte , daß man Freude empfinden dürfe an sich selbst , setzte aber hinzu , nur müsse man über jedes Verdienst die Ehre Gott geben . Um die ihm unendlich werthe junge Freundin von der gefährlichen Sehergabe , deren Ruf schon die ganze Stadt erfüllte , ja die ihn selbst zum Spott der Neider und Feinde , die er schon hatte , sogar mit dem Bischofshut geschmückt hatte , zu heilen , rieth er ihr an , kein einziges geistliches Werk mehr zu lesen , auch kein einziges Werk der nur den religiösen Sinn exaltirenden barmherzigen Liebe zu üben , sondern weltliche Schriften und weltliche Beschäftigungen - - So hatte er in wahrhafter Versuchung und wie zwischen » Himmel und Hölle « damals in der Mitte das wichtigste Werk seines Berufs begonnen , sich selbst darauf eine schwere innere geistliche Strafe für etwa dabei obwaltende eigene Schuld auferlegt ... und in diesem Augenblick fuhr diese Erinnerung und die an das ganze Jahr überhaupt , das er noch in jener Stadt verleben mußte , wie mit einem einziges schrillen Septimenaccord durch seine Seele . Und zwischen alledem klapperten im Nebenzimmer Teller , kam die alte Renate , die Wirthschafterin , und ließ ihre Gebäcke duften - sie hatte für beiderlei Geschmack gesorgt : Eierkuchen mit und ohne Schnittlauch - wurden die Stühle herangerückt und die Plätze vertheilt und auch schon der Kork einer Weinflasche wurde von Hedemann gezogen ... Das Leben faßt oft das Unscheinbarste in Gold und Silber und wie oft die wahren Glanzgeschmeide unsers Innern in Kupfer und Blei ! Beim ersten Zuspruch zum bescheidenen Mahle ergab sich , daß Lucinde einen Wagen finden würde , der sie morgen früh nach Kocher am Fall bringen sollte . Benno und Hedemann erklärten sie begleiten zu wollen . Benno hatte sich nur bei dem Stabe des Truppentheils , zu dem er gehörte , einige Tage zu stellen ; lange Uebungen fanden in diesem Jahre der Theuerung und einer in der ganzen Provinz herrschenden Aufregung wegen nicht statt . Er erklärte sich davon um so befriedigter , als er bei einem der ersten Advocaten