; nein , ich wollte sie gar nicht ausfragen , ich wollte gar nichts von ihr wissen . Und darum lies du deinen Brief ; tu , was sie von dir verlangt , sei so glücklich , als sie dich machen kann , und laß alsdann dies Gespräch , welches wir jetzt geführt haben , völlig und auf ewig vergessen sein . Aber schwöre mir nur , daß diese Charlotte unsere Freundschaft nicht stören , daß sie unsere Gemüter nicht entfremden oder erkälten soll . « Leonhard hatte wohl bemerkt , wie bewegt sein Freund war , sosehr er auch Ruhe und seine gewöhnliche Haltung zu erzwingen suchte . » Nein ! « rief er aus , » nein , Elsheim , unsere Freundschaft muß wahrer , stärker sein , als eine abenteuernde Leidenschaft , sei der Reiz , die Verführung des Augenblicks und der Gelegenheit auch noch so gewaltig . Liebster , du hast Erwartungen , Absichten , dich bezaubert dies schöne Wesen , und so gebe ich dir hier , wenn auch mit Kampf und Leid , das heilige Versprechen , sie nicht mehr allein zu sehen , sie zu vergessen , und bald abzureisen . « Kaum hatte Leonhard diese Worte geendigt , als sich Elsheim schon an seinen Busen stürzte , und ein heftiger Tränenstrom ihm die Brust erleichterte . Leonhard erschrak über den gewaltigen Ausbruch einer kaum geahndeten Leidenschaft , und indem er den Freund trösten und beruhigen wollte , hob dieser ihn in seinen starken Armen vom Boden auf , und trug ihn laut lachend im Zimmer herum , setzte ihn , nachdem er so eine Weile gejubelt hatte , in das Sofa nieder , und stellte sich dann , sein Lachen noch vom Schluchzen des Weinens unterbrochen , vor den ganz erstaunten Leonhard , und deklamierte pathetisch : » Ich habe es immer gesagt : Den Tischler wollte die Natur zu ihrem Meisterstücke machen ; aber sie vergriff sich im Tone ; sie nahm ihn zu fein . « Diese Rede Odoardos zwang Leonhard , so ernsthaft er auch gestimmt war , ebenfalls zu lautem Lachen . Nun setzte sich Elsheim zu ihm , nahm seine beiden Hände und drückte sie an seine Brust . » Sieh , mein Bruder « , sagte er , wieder innig gerührt , » ich weiß , daß ich ein Tor bin ; ich weiß , daß ich in einem Jahre , vielleicht noch früher , diesen meinen jetzigen Zustand belächeln werde ; - aber betrachte auch den Menschen in seiner ganzen Nacktheit , in seiner unverhüllten Schwäche , denn ich will vor dir nicht besser und stärker erscheinen , als ich bin . Seit Wochen quält mich eine tödliche , giftige Eifersucht , und ringt und zankt mit meiner Liebe zu dir . Und wer ist es , der uns so auseinanderzureißen droht ? O spreche man mir nicht von Moral und Tugend , Ehrfurcht und Ideal , wenn das unbändige , das riesenhafte Rätsel in unserm Innern aufwacht und zur Auflösung ringt . Konnte ich glauben , daß ich dies in meinen reiferen Jahren erleben sollte , und daß in diesem Zauber , in dieser Verblendung mein Sinn und mein Gefühl so klar und unbestechlich bleiben konnten ? Wie sah ich ehemals mit verachtender Erbarmung auf jene Elenden hinab , die Vermögen , Leben , Ehre , Glück der Familie und der Eltern Kreaturen preisgeben , deren Untreue , Eigennutz und Lügenhaftigkeit sie kannten ! Oh , jetzt verstehe ich diese unglückselige Zerrissenheit und dies vergebliche Ankämpfen gegen eine bessere Überzeugung ! Glaubst du , daß ich die Zauberin verehre , oder nur achte ? Wenn ich dies Gefühl in mir erwecken will , so erwacht vielmehr das entgegengesetzte . Was aber hat dies Gefühl auch mit dem Rausch und dem Wahnsinn zu tun , der mich , wie den Rinaldo , mit Blumenketten zu den Füßen dieser Armida bindet ? Ist es nicht , als wenn man fragen wollte , was die Jo oder Leda des Correggio wohl noch an diesem Tage speisen würde ? Oh , Liebster , da du sie aufgibst , so kann ich die übrigen umher mit Geringschätzung betrachten . Und glaube nur , ich weiß das Opfer zu würdigen , welches du mir bringst : das größte , das wundervollste , den Genuß , den die schwelgende Phantasie nicht glänzend genug ausmalen kann ! Wie hätte ich ahnden können , als wir hieherkamen , und ich dir von diesem Mädchen sprach , daß die Sünderin mich so verstricken sollte ! - Damit du aber siehst , daß du sie in keinem Sinne verrätst , daß du nichts Ehrloses , nichts Grausames an einem Weibe begehst , so lies diese zärtlichen Billete , die sie mir in derselben Zeit geschrieben hat , als sie auch dich zu fangen trachtete . « Leonhard las und war verwundert , denn das hatte er doch nicht erwartet . » Nun lies aber auch ihren neusten Brief an mich « , sagte er dann . Elsheim fand , daß er wirklich eine Bestellung auf einen gewissen Tag in das Waldhäuschen der Försterin enthielt , wo sie so ungestörter verweilen könnten , weil an diesem Tage Elsheim mit seiner Mutter und der Tante zum Besuch über Land sein würde . Außer den Zärtlichkeiten enthielt das Blatt Anklagen gegen Elsheim , der sich aufdränge , der die Liebe störe , der sie wohl argwöhnen möge , und dergleichen mehr . Leonhard erstaunte über diese tiefe Treulosigkeit und so sicher wandelnde Unwahrhaftigkeit . » Sollen wir es beklagen « , sagte er dann , » aß ein so schönes Wesen sich diese Falschheit aneignen konnte , oder sollen wir annehmen , daß sie so sein muß und nicht anders kann ? Wäre sie ohne diese arge Zweideutigkeit weniger reizend ? Konnte sie das , was uns bezaubert , nur in ihrem jetzigen Charakter entwickeln ? « » Nun , Geliebter , « fing Elsheim wieder an ,