der Sünde aufwerfe . Aber sie ist einmal da , durch die heilige unbegreifliche Zulassung des Höchsten . Sie ist so wirklich , so ewig und ursprünglich , wie das Gute . Jeder Mensch muß dieses Messer in seiner Seele fühlen , wodurch sie erschüttert , gelockert , und zum Brautbette der himmlischen Liebe bereitet wird . Gott will nicht die Rechtfertigen , er will die Reuigen . Dieses Finstre als etwas Zufälliges zu behandeln , zu meinen , daß man den Einzug des unwiderstehlichen Feindes durch Gegenwehr verhindern könne , ist ein bodenloser Wahn . Es ist nicht wahr , daß er die Seele zerstört , nur das Irdische , Nichtige in ihr frißt der glühende Atem seines Mundes , dann ersteht , vom Regen der Bußetränen befeuchtet , in der warmen Asche die grüne Saat des Glaubens und der Hoffnung . Sind aber die Kräfte in dem nichtigen Kampfe gegen das Übermächtige vergeudet , erfolgt dann doch der Fall , so möchte in einem so ausgesognen Boden schwerlich wieder etwas keimen und reifen können , und es bliebe dann wohl nur die dumpfe Gleichgültigkeit übrig , woraus zuletzt die Fertigkeit im Laster entsteht . Darum lehrt auch meine Kirche , welche in allen Stücken die von den Toren verspottete Königin der Weisheit ist , nicht : Hüte dich vor dem Bösen ; sondern : Glaube an den allbarmherzigen Gott , an den Erlösungstod , an die Fürbitte der Heiligen , an die Unnachsichtlichkeit der Beichtpflicht , an die reinigenden Flammen des Fegfeuers . Es gibt Neigungen , die verboten sind . Süße Lippen und Augen locken ; in den Armen des versagten teuren Gegenstandes liegt eine Welt , außer der es für den Liebenden keine zweite gibt . Ich habe nun immer gefunden , daß diejenigen sich gründlicher von einer Verirrung herstellten , welche gefallen waren und mit herzlicher Zerknirschung sich der strafenden und verzeihenden Mutter in den Schoß warfen , als die , welche sich in innerlichen Kämpfen und Krämpfen abarbeiteten , denen tantalische Schatten und die Stacheln nicht gebüßter Leidenschaften in der Seele zurückblieben . O auch hier ist dem , der nur sehen will , der Weg gewiesen , auch hier wallt die sanfte Friedensfahne dem so milde entgegen , der nur nicht in eigensinniger Verstocktheit von der Dürre des Protestantismus saftige Frucht gewinnen , von den Dornen die Feigen lesen will ! Ja , mein Freund ... « Ein Lakei der Herzogin kam und unterbrach diese Rede , nach Hermann fragend . Er ging , im Innersten empört über die frevelhaften Reden des Priesters , und wurde nach dem Garten-Lesekabinette gewiesen . Die Fürstin empfing ihn trauig und leidend . » Das kleine Zimmer ist noch so lieblich , wie sonst « , sagte sie . » Da liegen meine guten Bücher , draußen blühen die Staudenrosen , die Büsten der Dichter sehn von ihren Postamenten herab . Und doch schwankt der Grund unter uns , und die Welt blickt mich verschwommen an , wie ein Traum . Wenn man uns von Haus und Hof triebe ! Ich weiß alles ; der Herzog hat seinen Kummer nicht länger bemeistern können . Wie ist das ? Sagen Sie mir ' s ; ich begreife die ganze Sache nicht . Warum sollen wir nicht bleiben können , wo unsre Voreltern waren ? « Hermann wollte einige beruhigende Worte reden ; sie unterbrach ihn aber und sagte mit erstickter Stimme : » Gott sendet uns die Trübsale , er gebe uns die Kraft , sie zu ertragen . Ich ließ Sie rufen , um Ihnen etwas zu sagen , was mir lange auf der Seele lastet , und nun fehlt mir wieder aller Mut . Sie müssen es wissen , vielleicht ist es mir morgen möglich ; kommen Sie um diese Stunde wieder , aber dann reisen Sie gleich , gleich ! « Ihre schönen Hände ergriffen die seinigen . Halb zog sie ihn nach sich , halb drückte sie ihn zurück . Es war ihm , als öffne sich der Boden unter seinen Füßen , ein wonnevoller Schauder flog ihm durch die Glieder . Er war aus dem Kabinette , und wußte nicht wie ? Auf dem Gange nach seinem Zimmer wollte ihm der Geistliche , der auf ihn gewartet zu haben schien , wieder seine Gesellschaft antragen , die Hermann aber ablehnte . Er riegelte hinter sich zu , und ging mit großen Schritten auf und nieder . » Ja , sie liebt mich ! « rief er einmal über das andre aus . Er beklagte diese Verwicklung , er wünschte sich weit hinweg . Keinen Blick wollte er wieder in die gefährlichen Tagebuchblätter werfen , und als er den Entschluß recht fest gefaßt zu haben meinte , nahm er sie doch wieder vor , und las sie noch einmal . Unten am Fuße der letzten Seite bemerkte er heute zum ersten Male die gebräuchlichen Anfangsbuchstaben der Bitte , umzuschlagen . Er tat es , und sah auf der Rückseite etwas von andrer Hand geschrieben , aber mit so blasser Dinte , daß er es bei dem Lichte seiner Abendkerze auf dem gefärbten Papiere nicht zu lesen vermochte . Im Widerstreite seiner Empfindungen , zwischen Wollen und Nichtwollen hin und her geschleudert , ermannte sich seine Natur plötzlich wie durch einen Ruck zu einem moralischen Vorsatze , durch dessen Ausführung er sich und einer zweiten Person den rechten Weg zu weisen , die Pflicht empfand . Er eilte nach dem Gartenkabinette , schlug sich dort Licht an , und schrieb bis spät in die Nacht , unter der Büste Schillers sitzend , welche schon einmal Zeugin einer edeln Entschließung geworden war , Stanzen nieder , von leren Inhalte wir im folgenden Kapitel zu reden haben werden . Siebenzehntes Kapitel Andern Tages ließ ihn der Herzog rufen . Auch diesen fand er verwandelt , blaß und abgespannt . » Ich habe Ihnen etwas zu eröffnen und Sie um eine Gefälligkeit zu bitten « , hob der