können . Sie waren verwundert , meine Abneigung gegen Frankreich zu bemerken , und wir gingen nach Italien . Es giebt wohl keinen Schmerz des Lebens , der sich unter dem milden Himmel Italiens nicht gelindert fühlte . Unser eigenes reges Dasein , unser persönliches Schicksal scheint uns kleiner da , wo eine große Vergangenheit jeden Augenblick ihre ernste , erhabene Sprache zu uns redet , und ich fühle , ich wäre in Italien ruhiger geworden , wenn es möglich wäre , daß eine Mutter aufhören könnte , ein verlornes Kind zu beweinen . Ich vermochte Dübois , fortwährend geheime Nachforschungen anzustellen , und ich erwartete mit gleicher Unruhe das Gelingen wie das Mißlingen derselben , denn wenn er nun auch das kaum denkbare Glück gehabt hätte , meinen Sohn aufzufinden , mit welcher Stirn wollte ich Ihnen mein so lange verhehltes Schicksal dann noch vertrauen , und würde mir nicht dieses späte , erzwungene Bekenntniß noch gewisser Ihre Liebe rauben , als ein freiwilliges vor unserer Verbindung ? Und je mehr Jahre verflossen , je ängstlicher mußte ich mir die Frage wiederholen , wenn ich nun endlich einen Sohn wiederfände , erwachsen unter fremdem Einflusse , ob er mir dann noch die Kindesliebe bieten könne , nach der mein einsames Herz sich sehnte , und ob nicht vielleicht ein gespenstisches Wesen vor mir stehen würde , durch das Blut in seinen Adern mein eigen und durch alle Empfindungen seiner Seele mir fremd . Diese nie ruhende innere Qual war der Grund , weßhalb meine Gesundheit sich nie wieder befestigte , und Sie mußten die Hoffnung , Vater zu werden , aufgeben und entbehrten um meinet Willen auch dieß Glück , wie beinah jede andere Freude des Lebens , und ich mußte mir gestehen , daß ich mit der innigsten Neigung , mit der zärtlichsten Freundschaft dennoch nichts anders vermocht habe , als Sie um jede Hoffnung und um jede schöne Heiterkeit des Lebens zu bringen , da Sie in einer andern Verbindung wahrscheinlich glücklicher gewesen wären . Mit zitternder Hand und mit unsäglichen Thränen habe ich diesen Blättern die ganze Tiefe meines Unglücks vertraut , und Ihr schönes Herz wird die Fehler und Irrthümer verzeihen , die unser Leben getrübt haben , und mit Rührung der treuen Gefährtin gedenken , deren innigste Neigung Sie dennoch nicht beglücken konnte , weil das Vertrauen unseren Herzen fehlte . VI Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Blätter nun alle gelesen und er blieb an dem Tische sitzen , auf welchen er die Ellenbogen stützte , das Gesicht in beide Hände senkend . Es stürmten so viele verworrene Empfindungen durch sein Herz , daß sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte , um sich darüber zu erheben . Das schreckliche , unverschuldete Unglück seiner Gemahlin erschütterte ihn bis in die innerste Seele ; aber diesem Gefühle war dennoch eine mißmüthige Beschämung beigesellt , wenn er sie sich im Gefängnisse unter dem Volke oder wahnsinnig dachte . Das Schicksal des hingerichteten Gemahls , seines eigenen Freundes , erpreßte ihm Thränen , und dennoch wendete sich seine Seele mit Widerwillen ab , wenn er die Wittwe dieses Unglücklichen als seine Gattin denken wollte . Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die wehmüthige Betrachtung in ihm erweckt , daß er in der That nie glücklich gewesen sei und das Gefühl seines Unglücks immer im Busen getragen , aber immer betäubt habe , durch Reisen , durch Studien , durch Gesellschaften . So drängt sich mir denn auf einmal die vernichtende Klarheit auf , dachte er innerlich , daß ich mein ganzes Leben in Wahn und Täuschung verloren habe ; eine krankhafte Leidenschaft bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben , die ich niemals wahrhaft besessen habe , die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte , dessen Bild noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfüllt . Sie wurde nicht Mutter , um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewähren , und ihre mütterliche Zärtlichkeit wendet sich mit fortwährendem Gram auf ein verlornes , mir fremdes Wesen , das , wenn es noch lebt , vielleicht in niedrigen Verhältnissen erwachsen , die Mutter beschimpft , die es geboren , und mich zugleich , der ich mit dieser Frau verbunden bin . Ja ich bin sehr , sehr unglücklich , sagte er endlich laut , und seine Thränen träufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Blätter nieder . In dieser kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen , bis er endlich sich mit männlicher Kraft erhob und edlere , großmüthigere Empfindungen Raum in seiner Brust gewannen . So zahle ich denn , wie jeder Andere , sagte er mit Bitterkeit zu sich selbst , den Tribut der menschlichen Schwäche ; ich denke mit Selbstsucht nur an mich ; ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schönen Stunden , die ich in dieser Verbindung durchlebte , und den Schmerz der unglücklichen Frau , die mir endlich ihren Kummer vertraut , wie die Angst , mit welcher sie erwartet , welchen Eindruck dieß Bekenntniß auf mich machen wird . O ! Wohl hattest Du Recht , Du Arme , die Du meine Schwäche kennst , zaghaft ein Vertrauen zurück zu halten , das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt . Und könnte ich denn , fragte er sich , noch jetzt , ohne zerstörenden Schmerz , die Verbindung mit dieser Frau aufgeben ; würde es nicht auch mich vielleicht vernichten , wenn der Tod sie mir entrisse ? Habe ich jemals einen Menschen gekannt , der meine Eigenthümlichkeit so verstanden , mich mit so zärtlicher Freundschaft geliebt hätte , als sie ? Kann ich dieß Wesen aus meinem Leben hinweg denken , ohne das Leben von allem Reize für mich zu entblößen ? Und was ist es denn nun eigentlich , was mein Herz von ihr abwenden will ? Doch hauptsächlich