Bettine oder Schatz usw. - dies Buch schenk ich Dir . Am 16. Oktober Zwei Briefe erhielt ich von Dir über Dürers Bildnis , Du mußt mir aber auch Nachricht geben , ob es unbeschädigt angekommen , und ob es Dir gefällt ? - Sag mir , was Du Lobenswertes daran findest , damit ich ' s dem sehr armen Maler wiedersagen kann . Ich habe jetzt noch obendrein gehäufte Korrespondenzen mit jungen Aufschößlingen der Kunst , einem jungen Baumeister in Köln , ein Musiker von achtzehn Jahren , der bei Winter Komposition studiert , reich an schönen Melodien , wie ein silberner Schwan , der in hellblauer Luft mit ausgespannten Flügeln singt . Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen , er heißt Lindpaintner , doch sagt Winter , er wird diesen Namen zu Ehren bringen . Ein junger Kupferstecher , der bei Heß in München studiert . Beiliegendes radiertes Blättchen ist von ihm , es ist der erste Abdruck , noch verwischt und unzart , auch ist das Ganze etwas düster und nach dem Urteil anderer zu alt , indessen scheint mir ' s nicht ganz ohne Verdienst , er hat es ohne Zeichnung gleich nach der Natur aufs Kupfer gearbeitet ; wenn Dir ' s gefällt , so schick ich ein reineres , besseres , mit mehr Sorgfalt gepackt , das kannst Du an Dein Bett an die Wand stecken . - All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu , und ist mir eine angenehme Würde , als ihr kleines Orakel von ihnen beraten zu werden , ich lehre sie nun ihre fünf Sinne verstehen ; wie daß aller Dinge Wesen in ihnen fliegt und kriecht , wie Duft der Lüfte , wie Kraft der Erde , wie Drang der Wässer und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten , wie die wahre Ästhetik im hellen Spiegel der Schöpfung liege , wie Reif , Tau und Nebel , Regenbogen , Wind , Schnee , Hagel , Donner und die drohenden Kometen , die Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen . Der Gott , der den Winden Flügel anbindet , der wird sie ihrem Geist auch anbinden . Am 15. Oktober Merkst Du denn nicht , daß mein Datum immer zurück , statt vorwärts geht ? - Ich habe mir nämlich eine List ausgesonnen ; da die Zeit mich immer weiter trägt und nie zu Dir , so will ich zurückgehen bis auf den Tag , wo ich bei Dir war , und dort will ich stehen bleiben und will von dem : In Zukunft und : Mit der Zeit und : Bald gar nichts mehr wissen , sondern dem allen den Rücken kehren , ich will der Zukunft ein Schloß vor die Tür legen und somit Dir auch den Weg versperren , daß Du nirgends als zu mir kannst . Schreib mir über die Musik , damit ich sie schicken kann , wenn Du sie nicht hast , ich schicke so gern etwas , dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten Gruß , des Sohns gedenke ich auch , Du aber schreib mir an einem hellen Tag ; ich bilde mir immer ein , daß ich Dir unter vielem das Liebste sei . Als Deine Mutter noch lebte , da konnte ich mich mit ihr drum besprechen , die erklärte mir aus Deinen paar flüchtigen Zeilen alles ; » ich kenne ja den Wolfgang « , sagte sie , » das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben , er hält Dich so sicher in seinen Armen wie sein bestes Eigentum « . - Da streichelte mich diese Hand , die Deine Kindheit gepflegt hatte , und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem ehmaligen Hausrat , wo Du dabei gewesen warst . Das waren Lieblichkeiten . Bettine Morgen geh ich wieder nach München , da werde ich den liebenswürdigen Präsidenten wiedersehen . In der diesjährigen öffentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr schöne Abhandlung über die ehmalige Geschichte des Salzwesens zu Reichenhall gelesen worden . Sie hatte das eigne Schicksal , jedermann zu ennuyren , wenn mein Brief dies Schicksal mit ihr teilt , so lese ihn immer um des Zwangs , den ich mir angetan , auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen . Goethe an Bettine Weimar , den 3. November 1809 Wie könnte ich mich mit Dir , liebe Bettine , wollen in Wettstreit einlassen , Du übertriffst die Freunde mit Wort und Tat , mit Gefälligkeiten und Gaben , mit Liebe und Unterhaltung ; das muß man sich denn also gefallen lassen und Dir dagegen so viel Liebe zusenden als möglich , und wenn es auch im Stillen wäre . Deine Briefe sind mir sehr erfreulich , könntest Du ein heimlicher Beobachter sein , während ich sie studiere , Du würdest keineswegs zweifeln an der Macht , die sie über mich üben ; sie erinnern mich an die Zeit , wo ich vielleicht so närrisch war wie Du , aber gewiß glücklicher und besser als jetzt . Dein hinzugefügtes Bild ward gleich von Deinen Freunden erkannt und gebührend begrüßt . Es ist sehr natürlich und kunstreich , dabei ernst und lieblich . Sage dem Künstler etwas Freundliches darüber und zugleich : er möge ja fortfahren , sich im Radieren nach der Natur zu üben , das Unmittelbare fühlt sich gleich , daß er seine Kunstmaximen dabei immer im Auge habe , versteht sich von selbst . Ein solches Talent müßte sogar lukrativ werden , es sei nun , daß der Künstler in einer großen Stadt wohnte oder darauf reiste . In Paris hatte man schon etwas Ähnliches . Veranlasse ihn doch , noch jemand vorzunehmen , den ich kenne , und schreibe seinen Namen , vielleicht gelingt ihm nicht alles wie das interessante Bettinchen , fürwahr , sie sitzt so treulich und herzlich da , daß man dem etwas korpulenten Buche , das übrigens im Bilde recht gut komponiert , seine Stelle