oft unsern einzigen und doch genügenden Lohn ausmacht . Agathokles ist mir sehr werth geworden - durch die schöne Handlung , die ihm diese Wunden zuzog , und beinahe das Leben gekostet hätte , durch seinen jetzigen Zustand , und - durch die Thorheit , die ich um seinetwillen begangen habe . Noch mehr , ich laufe vielleicht einige Gefahr , wenn ich meine Besuche fortsetze ; denn ich merke seit gestern , daß mir Jemand nachschleicht , und mich beobachtet . - Phädo hat es ebenfalls bemerkt . Wer es ist , kann ich nicht errathen . Von meinem Vater kommt es nicht ; denn der würde offen mit mir zu Werke gehen . Ich kann Verdruß bekommen ; auf jeden Fall wird die Geschichte , wenn sie bekannt würde , mich den Nachreden und Verläumdungen der Stadt aussetzen . Hieran liegt mir wenig , ich verachte das Geklatsch in Nikomedien , wie ich es in Rom verachtet habe , und gehe meinen Gang nach meiner Ueberzeugung , ohne mich darum zu kümmern , was einfältige Weiber , denen , dasselbe zu thun , was sie verlästern , nur Geist und Muth gebricht , darüber schwatzen mögen . Aber die Sache selbst wird mir dadurch werther , und die unbekannte Gefahr , die mir drohen mag , bestimmt mich um so sicherer , heute wieder zu gehen . Zu fürchten habe ich persönlich nichts , denn Phädo und sein Sohn werden mich bewaffnet begleiten , und in unsern Tagen hört man von keinen Helenen und Proserpinen1 . So dient das Abenteuer nur , mich zu unterhalten . Uebrigens bin ich ganz ruhig , und es kömmt mir zuweilen vor , als sähe mein inneres Ich mit Vergnügen einer Comödie zu , in der mein äußeres Ich , Agathokles , und der unbekannte Späher die Hauptrollen spielen . Ein Verdacht ist mir schon gekommen , aber er ist fast zu weit gesucht , zu ungegründet . Marcius Alpinus ist seit einigen Tagen hier . Du weißt , daß meines Vaters Einfluß und Vermögen ihm in der ersten Zeit meiner Abwesenheit meine Person sehr liebenswürdig machte . Er plagte mich damals , ich begegnete ihm , wie es seine Denkart verdiente . Er haßt Agathokles , das weiß ich , und spielt wieder eine bedeutende Rolle am Hofe , wo das kriechende listige Insekt recht in seinem Elemente lebt . Es wäre möglich , aber wie gesagt , nicht wahrscheinlich . Agathokles ist sehr strenge geworden . Ich habe gestern einen lebhaften Streit mit ihm gehabt . Von ungefähr entschlüpfte mir eine leichte Bemerkung , von der Art wie die vorige , über Gott , Vorsicht , Schicksal . Er nahm das sehr ernst auf , und verwies mir den sträflichen Leichtsinn ( so wagte er es , meine Denkart zu nennen ) , mit dem ich die wichtigste Sache des Menschen behandelte . Ich fragte ihn lachend , ob er etwas davon wisse , ob irgend ein Mensch seit Deucalions Zeiten etwas Gewisses darüber erfahren , ergrübeln , schließen habe können ? Das mußte er verneinend beantworten . Aber er verwies mich an den Glauben , als das Theuerste , was der Mensch besitze , das Einzige , was ihn über den Staub erhebe , und ihm Kraft gebe , Alles , was ihm als einem sinnlichen Wesen werth ist , sein irdisches Wohlseyn , und endlich selbst die letzte Bedingung dieses Wohlseyns , sein Leben aufzugeben , um das Höchste , Größte zu erringen . Und was ist denn dies so gepriesene Höchste , Größte ? fragte ich lächelnd in einem wohl zu leichten Ton ; denn ich wollte unserm Gespräch eine fröhlichere Wendung geben . Er sah mich streng und forschend an , dann legte er seine Hand auf mein Herz . » Und sollte dies gute Herz durch den Umgang mit der Welt so erkältet worden seyn , daß es die Antwort auf diese Frage nicht in allen seinen Tiefen wiederhallen hören sollte ? « Ich muß dir gestehen , ich war ein wenig verlegen und beschämt , und doch lag etwas Angenehmes in diesem Vorwurf . Ich schwieg eine Weile . Ein Blick auf Agathokles verwundeten Arm , ein Gedanke an die Ursache desselben machte mich fühlen , daß ich mit meiner Weltphilosophie etwas klein vor dem Manne stand , der noch vor drei Tagen eben diese letzte Bedingung seines Wohlseyns kaltblütig auf ' s Spiel gesetzt hatte , um jenes unnennbare Höchste zu erhalten . Wie nennst du es - Glück - Bewußtseyn - Tugend ? Er nennt es das Gute , und seinen ersten , hiernieden vielleicht einzigen Lohn , Seelenfrieden . Ich vertheidigte mich noch ziemlich gut , trotz meiner Verlegenheit , und er fing nun , um mich ganz zu überzeugen , mit seiner glühenden Beredtsamkeit an , mir die Erhabenheit der christlichen Moral zu schildern , deren Hauptgesetz höchste Reinheit des Willens und unablässiges Streben nach dem Guten ist , die ihren Jüngern auferlegt , so zu leben , daß ihre Handlungsweise zur Richtschnur für die ganze Welt dienen könnte u.s.w. Ich muß dir gestehen , was er sagte , und wie er ' s sagte , war schön und würdig , es rührte , es erhob mich . Aber so denkt auch nur Agathokles , und auch er vielleicht nur in wenigen Augenblicken . Wer von den übrigen Christen denkt aber wie er ? Diese Bemerkung drängte sich mir leider bald darnach auf , als ich ihn verlassen hatte , und in der Stille meines dunkeln Zurückweges , mir selbst überlassen , und nicht mehr von einem gewaltigen Geist aus meiner Bahn in einen fremden Gesichtspunkt gerissen , die Sache wieder in dem gewöhnlichen Lichte betrachtete . Ach , unsre Voreltern waren ja auch nicht lauter Thoren oder Betrüger , und wenn der Polytheismus so gar verächtlich und untauglich gewesen wäre , das Menschengeschlecht im Zaum zu erhalten , die Welt hätte nicht so lange bestanden , das eiserne Zeitalter