sie eines Abends in ihr Kämmerchen herüberholte und mit Chokolade fütterte . Eine ältere , aus Gleichgültigkeit gegen alles Deutsche ziemlich duldsame Engländerin führte die Oberaufsicht über den Saal . Außer Agathe und Eugenie schliefen nur noch einige neu angelangte Landsmänninnen der Miß darin . “ Agathe , hast Du schon einmal einen Mann gern gehabt ? ” fragte Eugenie leise . “ Aber Eugenie , wie kannst Du denn so etwas denken , ” flüsterte Agathe erschrocken und wurde dunkelrot . “ Du hast kein Vertrauen zu mir , ” sagte Eugenie verletzt und schloß die Schachtel mit der Chokolade in ihre Kommode . “ Geh ' nur , ich bin müde . ” Sie blies das Licht aus und legte sich zu Bett . “ Wenn Du offen wärest , würde ich Dir auch etwas gesagt haben . Aber Du bist immer so versteckt . Du bist eine Tugendheuchlerin . Ja , das bist Du . ” Eugenie drehte sich nach der Wand . Agathe saß zaghaft im Korsett und Unterrock auf dem Bettrand . Aus den anderen Kammern drang ruhiges Atmen und ein zufriedenes Murren , welches die Engländerin beim Schlafen auszustoßen pflegte . Es war behaglich warm im Zimmer und roch nach Mandelkleie und guter Seife . Agathe entschloß sich endlich , zu gestehen , daß sie ihren Vetter Martin gern habe . Sie wollte sich des Vertrauens der angebeteten Eugenie würdig zeigen . Eugenie hob den Kopf . “ Habt Ihr Euch geküßt ? ” Agathe beteuerte , daß es nicht “ so ” wäre ; sie habe ihren Vetter ja nur lieber als die anderen Jungen . Eugenie streckte sich auf ihrem Lager aus und legte den Arm unter den Kopf . “ Agathe , ich habe geliebt ! ” sprach sie nach einer Weile dumpf und feierlich . Agathe schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust . “ Und — und — hast Du . . . ? ” “ Geküßt — ; ach — zum ersticken ! Und er mich ! ” Eugenie hatte sich aufgerichtet , beide Arme um die Freundin geworfen und preßte sie heftig an sich . Agathe fühlte , wie das Mädchen am ganzen Leibe bebte . “ Deshalb haben sie mich ja in Pension geschickt ! — Aber es wäre doch zu Ende gewesen . Der Erbärmliche ! Agathe — er war mir treulos ! ” Sie warf sich in die Kissen zurück , aus den Federn drang ihr ersticktes Schluchzen . “ Wer war es denn ? ” “ Einer aus unserm Komptoir . . . Weißt Du — das kleine Zimmer , wo die Kisten mit den Cigarrenproben stehen , wo es so dunkel ist — da war es , da haben wir uns immer getroffen . Ach — wie er schmeicheln konnte , wie er süß war und mich auf seine Knie nahm , wenn ich nicht wollte . . . . ” Eugenie küßte Agathe leidenschaftlich und stieß sie dann fort . “ Geh , Du bist ein Kind — ich hätte Dir das nicht sagen sollen . ” Agathe beteuerte , daß sie kein Kind sei . “ Schwöre , daß Du es niemand erzählen willst ! Auch nicht Deiner Mutter . Hebe die Finger in die Höhe ! Schwöre bei Gott ! ” Agathe schwur . Sie war ganz betäubt vor Staunen . “ Er wollte mir nachreisen , ” stieß die aufgeregte Eugenie hervor . “ Hierher ? ” “ Er soll nur kommen ! Mit den Füßen stoße ich ihn fort ! Er hat mich betrogen ! Der Schuft ! Mit Rosa hat er ' s zu gleicher Zeit gehalten , und die hat alles erzählt , aus Rache ! Ich hasse ihn ! ” “ Eugenie — ach Du arme Eugenie ! Ich ahnte ja nicht , wie unglücklich Du warst , ” flüsterte Agathe mit scheuer Verehrung . “ Nein , man sieht es mir nicht an , ” sagte Eugenie . “ Am Tage verstelle ich mich . Aber des Nachts — ! Da will ich mir oft das Leben nehmen . Wenn ich dies Chloroform austrinke , bin ich tot . Ich trage es immer bei mir ! ” Entsetzt riß Agathe der Freundin das Fläschchen mit den Zahntropfen aus der Hand und beschwor sie unter Thränen , um ihrer Eltern und der Freundschaft willen das Dasein zu ertragen . Sie stand unter dem Zauber der großen klassischen Leidenschaften — Erinnerungen an Egmont , an Amalia und Thekla taumelten durch ihre Phantasie , die Freundin wuchs ihr zu einer unerhörten Größe durch das Geständnis , daß auch sie “ gelebt und geliebt ” habe . Nur das rachsüchtige Fabrikmädchen war ihr störend in dieser heiligen Sache . Übrigens glaubte sie nicht , daß der Kommis treulos sei . Er würde sicher bald erscheinen und alles aufklären . Aber wenn ihn dann Eugenie mit den Füßen fortstieße ? Wenn er sich aus Verzweiflung erschießen würde ? Agathe sah tragische Auftritte voraus und lag mit glühenden Wangen und aufgeregten Sinnen noch stundenlang wachend im eigenen Bett . Sie hatte ein Gefühl , als liefen ihr Ameisen leise und eilig über den ganzen Leib . Dabei hörte sie die unruhigen Bewegungen von Eugenie , ihr tiefes Seufzen . Durch das Träumen über das Geständnis ihrer Freundin schlich sich heimlich die Überlegung , ob sie selbst nicht doch ihren Vetter Martin liebe — so — so — wie Eugenie meinte . Aber es war doch nicht , nein , es war ganz anders — ganz anders . Endlich schlummerte sie ein . Plötzlich , nach kurzer Zeit , kam sie wieder zur Besinnung , geweckt von einem großen brennenden Sehnsuchtsgefühl , welches ihr ganz fremd , ganz neu und schreckenerregend und doch entzückend wonnig war , so daß sie sich ihm einen Augenblick völlig hingab . “ Mani ! ” murmelte sie zärtlich und verwirrt und faltete ängstlich die Hände . “ Ach lieber Gott ! ”