Tatsache den jungen Herrn eigentlich vor allen Gefahren behütet haben . Enttäuscht fügte er hinzu : » Un he wollte mich ne joldene Uhr mitbringen , sagte he , als he fortmachte ! « Herr von Kosegarten saß in dem großen Lehnstuhl , in dem er abends gern einzunicken pflegte , hielt den Brief seines Sohnes in der Hand und sah geistesabwesend bald auf seine Frau , bald auf Hilde , als erwarte er von diesen beiden Getreuen irgendeine Hilfe für den unbegreiflichen Fall . Diesen Augenblick wählte Mamsell Wärmchen , um zu fragen , ob wegen des Mittagessens noch Aufträge entgegenzunehmen seien . » Ach , Wärmchen , « stöhnte Frau von Kosegarten , » die Prinzessin Karoline hat sich angesagt ! Ich weiß nicht , wo mir der Kopf steht , Wärmchen ! « » Das will ich wohl jlauben , jnädige Frau , « sagte Wärmchen in feierlichem Ton , » das ist zu viel auf einmal für einen Menschen . Ich wollte schon vorschlagen , die Kalbskeule , die lassen wir doch für morgen – Schottenmaier sagt ja – nee , jnädige Frau , is es denn , weiß Jott , wahr ? Hat sich denn der Herr Fritz wahrhaftigen Jott angemeldet ? › Schottenmaier , ‹ sag ich , › Sie mit Ihrem linken tauben Ohr , Sie hören manchmal falsch , da muß ich doch mal selbst nachfragen . ‹ « » Hören Sie , Wärmchen , « erklärte Hilde , » vorläufig soll die Sache noch Geheimnis bleiben ! Also nicht im Dorf rumklatschen . Verstehen Sie ? « » Ja , ja – jnädiges Fräulein – aber hätten Sie es doch nur jleich gesagt ! So ne Nachricht – die interessiert doch ' n jeden , damit sind die Mächens nu sicher schon los ! « Hilde seufzte . Mamsell Wärmchen aber überlegte geschäftig . » Die Hühnerbouillon – wenn sie verlängert und mit Ei abgezogen wird , reicht sie noch , ich schenke die Tassen nicht so voll . « » Ja , und dann die Kalbskeule , « sagte Frau Marie , das nasse Taschentuch zusammenballend und abwechselnd in beide rotgeweinte Augenhöhlen drückend . Wärmchen nahm ihre weiße Schürze auf , drückte sie gleichfalls gegen die Augen und brachte einen sonderbaren Laut durch die Nase hervor . Liebevoll sagte sie : » Die jungen Gänse gingen auch schon . Oder einen kleinen Schinken in Burgunder für die Prinzessin . Gnädige Frau , die Kalbskeule – die lassen wir für den Herrn Fritz , die gab ' s doch schon in der Bibel , als der verlorene Sohn nach Hause kam . « » Wärmchen ! « warnte Hilde erschrocken . » Ach Jott , ich altes Schaf , das hätt ich wohl nicht sagen sollen ? Na , nehmen Sie ' s mir nur nicht übel , gnädige Frau ! Ach nee , die Zunge könnt ich mir ausreißen ! « Denn Frau von Kosegarten war aufs neue in Tränen ausgebrochen . Kosegarten aber erhob sich schwerfällig aus dem Lehnstuhl und stöhnte : » Der verlorene Sohn – na ja – ich wehre mich nicht mehr ... mag nur alles kommen , wie ' s will – ich wehre mich nicht mehr . « Hilde bat sich der Tante Schlüsselkorb aus – sie würde schon alles besorgen – die Tante solle sich nur nicht beunruhigen . Kosegarten blieb vor seiner Frau stehen . » Du mußt dich zusammennehmen , Marie . Wir dürfen uns nicht gehen lassen . Die Prinzessin darf nicht durch eine Absage brüskiert werden – sie ist , offen gestanden , mein letzter Rettungsanker ! « » Die Prinzessin ? « » Ja – die Prinzessin ! Ich muß vernünftig mit ihr reden . Na – ja also ... es bleibt mir nichts anderes übrig – ich muß den Herzog anpumpen . « Marie schwieg erschrocken – so böse stand es also mit ihnen ... Und nun erschien Schottenmaier mit einem Telegramm . » Komme zwischen zwölf und zwei Uhr – freue mich unsinnig , « drahtete Fritz von Hamburg . August dachte einen Augenblick nach , dann sagte er in dem ruhigen , würdigen Ton , der ihn selten verließ : » Ich habe es mir überlegt , Papa – es wird das beste sein , ich reite zu beiden Zügen nach der Bahn , empfange ihn – und – spediere ihn gleich auf frischer Tat nach Hamburg zurück ! « » Ich soll ihn nicht sehen ! – ? Nein , nein – das – August – Friedrich – das dürft ihr mir nicht antun – das nicht ! « Die stille , demütige Frau Marie schrie es fast . Hochrot im Gesicht stürzte sie auf ihren Mann zu , packte seinen Arm , fiel ungelenk und schwerfällig neben ihm auf die Knie und jammerte sinnlos vor Schrecken : » Mein Friedrich , denk doch an unsere Silberhochzeit – mein Friedrich , ich bin dir immer eine treue Frau gewesen ... › Freue mich unsinnig , ‹ schreibt der Junge – ! Nein – nein , nein ... « lallte sie , das nasse Gesicht an seinen Arm drückend , den sie zwischen ihren Händen heftig preßte , als könnte sie ihren Mann dadurch milderen Sinnes machen . Kosegarten stammelte erschrocken : » Mariechen , Gott – Mariechen ! « und bemühte sich , sie aufzuheben . Auch August war hinzugesprungen und sagte strafend : » Aber , Mama ! « Ihm waren Familienszenen höchst peinlich . Marie wurde in die Sofaecke gesetzt . Kosegarten strich ihr die Wange und fragte leise : » Hast ' n denn so lieb , Mariechen ? « Sie saß und starrte vor sich hin , blickte innerlich in die Vergangenheit und flüsterte : » Die Sehnsucht – all die Jahre ! « Kosegarten wandte sich zu August : » Na , denn bring ihn nur her – heute abend in der Dämmerung , wenn die Prinzeß fort ist