versuchte es zwar , dagegen aufzutreten , aber der neue Vormund bethätigte seine Freundschaft für den Verstorbenen dadurch , daß er die Bestimmungen desselben in rücksichtslosester Weise zur Ausführung brachte und jeden Anspruch zurückwies . Witold war schon damals Besitzer von Altenhof und dachte nicht daran , in Wilicza zu bleiben oder sein Mündel dort zu lassen . Er nahm den Knaben mit sich in seine Heimat . War es doch eine der letzten Weisungen Nordecks gewesen , seinen Sohn gänzlich dem Einfluß der Mutter und der mütterlichen Verwandten zu entziehen , und diese Weisung wurde so streng befolgt , daß der junge Erbe während der ganzen Zeit bis zu seiner Mündigkeit kaum einigemal in Begleitung des Vormundes nach seinen Gütern kam ; er verlebte seine ganze Jugend in Altenhof . Was die großen Einkünfte von Wilicza betraf , von denen man vorläufig noch keinen Gebrauch machen konnte , so wurden sie dem Vermögen zugeschlagen , und so sah sich denn Waldemar Nordeck beim Antritt seiner Mündigkeit im Besitz eines Reichtums , mit dem sich in der That nur wenige messen konnten . Die Mutter des künftigen Herrn von Wilicza lebte anfänglich im Hause ihres Bruders , der sich inzwischen auch vermählt hatte , aber sie blieb nicht lange dort . Einer der vertrautesten Freunde des Grafen , Fürst Baratowski , verliebte sich leidenschaftlich in die junge , schöne und geistreiche Frau , die ihm denn auch nach Jahresfrist die Hand reichte , und diese zweite Ehe war eine durchaus glückliche . Zwar behauptete man , der Fürst , eine ritterliche , aber nicht besonders energische Natur , beuge sich vollständig dem Zepter seiner Gemahlin , jedenfalls aber liebte er sie und den Sohn , den sie ihm schenkte , aufs zärtlichste . Doch das Glück dieser Verbindung sollte nicht lange ungestört bleiben ; diesmal freilich kamen die Stürme von außen . Leo war noch ein Kind , da brach das Revolutionsjahr herein , das halb Europa in Flammen setzte . Auch in der polnischen Provinz loderte der so oft schon unterdrückte Aufstand mit neuer Gewalt empor . Morynski und Baratowski waren echte Söhne ihres Landes ; sie warfen sich voll glühender Begeisterung in die Revolution , von der sie die Rettung des Vaterlandes und Wiederherstellung seiner Größe hofften . Der Aufstand endigte , wie so viele früheren – er ward gewaltsam unterdrückt , und diesmal ging man mit voller Strenge gegen die polnischen Landesteile vor . Fürst Baratowski und sein Schwager flüchteten nach Frankreich , wohin ihre Frauen mit den Kindern folgten . Die Gräfin Morynska , eine zarte kränkliche Frau , ertrug nicht lange den Aufenthalt in der Fremde ; sie starb schon im folgenden Jahre und Bronislaw übergab sein Kind den Händen der Schwester . Ihn selbst litt es nicht länger in Paris , wo ihn alles an den Verlust der leidenschaftlich geliebten Gattin erinnerte . Er lebte unstät bald hier bald dort , und kam nur bisweilen , um seine Tochter zu sehen . Endlich ermöglichte ihm eine Amnestie die Rückkehr in die Heimat , wo ihm inzwischen durch den Tod eines Verwandten das Gut Rakowicz zugefallen war , und er ließ sich auf dem neuen Besitztume nieder . Anders stand die Sache mit dem Fürsten Baratowski , der von der Amnestie ausgeschlossen blieb . Er war einer der Führer des Aufstandes gewesen und hatte mit an der Spitze der Bewegung gestanden ; an seine Rückkehr war nicht zu denken , und Gemahlin und Sohn teilten mit ihm die Verbannung , bis sein Tod auch ihnen die Freiheit zurückgab , ihren Aufenthaltsort zu wählen . Es war in den Vormittagsstunden . In dem Balkonzimmer der Villa , welche die Baratowskische Familie in C. bewohnte , befand sich augenblicklich nur die Fürstin . Sie war in einen Brief vertieft , den sie vor einer Stunde empfangen hatte , er enthielt Waldemars Anzeige , daß er heute kommen werde und seinem Boten auf dem Fuße folge . Die Mutter blickte so unverwandt auf das Schreiben nieder , als wolle sie aus den kurzen kalten Worten , oder aus den Schriftzügen den Charakter des Sohnes herauslesen , der ihr so gänzlich fremd geworden war . Seit ihrer zweiten Vermählung hatte sie ihn nur selten und flüchtig gesehen , und seit sie in Frankreich lebte , hatte fast jeder Verkehr zwischen ihnen aufgehört . Das Bild , das sie von dem zehnjährigen Knaben noch deutlich in der Erinnerung trug , war abstoßend genug , und was sie über den Jüngling in Erfahrung gebracht , stimmte nur zu sehr damit überein . Trotzdem galt es , sich den Einfluß auf ihn um jeden Preis zu sichern , und die Fürstin war nicht die Frau , vor einer Aufgabe zurückzuschrecken , deren Schwierigkeiten sie sich keineswegs verhehlte . Sie war aufgestanden und ging nachdenkend im Gemache auf und nieder , als ein rascher lauter Schritt im Vorzimmer sie innehalten ließ . Gleich darauf öffnete Pawlick die Thür und meldete » Herrn Waldemar Nordeck « . Dieser trat ein . Die Thür schloß sich wieder hinter ihm , und Mutter und Sohn standen einander gegenüber . Waldemar that noch einige Schritte vorwärts und blieb dann plötzlich stehen . Die Fürstin war im Begriff , ihm entgegenzugehen , aber auch sie hemmte ihren Schritt . Es war , als ob gleich im ersten Momente des Wiedersehens sich eine endlose Kluft zwischen den beiden öffne , als ob alles , was jemals Feindseliges und Fremdes zwischen ihnen gelegen , sich wieder aufbäume – dieses sekundenlange Schweigen und Fernhalten sprach deutlicher als Worte ; es zeigte , daß weder in dem Herzen der Mutter noch in dem des Sohnes sich eine einzige Stimme regte . Die Fürstin überwand die Zurückhaltung zuerst . » Ich danke dir , mein Sohn , daß du gekommen bist , « sagte sie , ihm die Hand entgegenstreckend . Waldemar kam langsam näher ; er berührte die dargebotene Hand nur einen Augenblick lang und ließ sie dann sofort wieder fallen .