mehr gelockert , aber es war wohl hauptsächlich Almbach , der die Schuld daran trug . Er konnte sich nicht darein finden , daß der Consul , nachdem er zum Millionär geworden , auch auf einem Fuße lebte , der dieser Stellung entsprach . Vielleicht verzieh er es ihm auch nicht , daß Jener den ersten Platz einnahm , wo er selbst erst in dritter oder vierter Reihe stand , und so sehr er in geschäftlicher Hinsicht die Vortheile zu benutzen wußte , die eine nähere Bekanntschaft mit der großen Erlau ’ schen Firma ihm eröffnete , so sehr hielt er seinen streng bürgerlichen und etwas altfränkischen Haushalt außer aller Berührung mit dem des Consuls . Die Einladungen desselben hatten aufgehört , als er sah , daß sie nicht gern angenommen wurden ; jetzt beschränkte sich die beiderseitige Begegnung schon seit Jahren auf ein gelegentliches Zusammentreffen an der Börse oder am dritten Orte , und kürzlich hatte sich Almbach sogar , als eine Geschäftssache persönliche Rücksprache verlangte , durch seinen Schwiegersohn vertreten lassen . Es war ihm durchaus nicht lieb , daß dem jungen Manne bei dieser Gelegenheit die Einladung zur Oper und zu der darauffolgenden Soirée zu Theil wurde , und so wenig sich diese Artigkeit ablehnen ließ , so wenig verhehlte der Kaufmann seiner Familie gegenüber seinen Unmuth über die Einführung Reinhold ’ s in das „ Nabobleben “ , eine Bezeichnung , mit der er gewöhnlich den Haushalt seines alten Freundes beehrte . Trotz alledem war Almbach ein wohlhabender , ja , wie von vielen Seiten behauptet wurde , sogar ein sehr vermögender Mann geworden und in dieser Eigenschaft der Mittelpunkt und die Stütze einer zahlreichen , nicht gerade sehr mit Glücksgütern gesegneten Verwandtschaft . So fiel ihm denn auch die Sorge für die Erziehung seiner beiden verwaisten Neffen anheim , die ihr Vater , ein Schiffscapitain , gänzlich mittellos zurückgelassen hatte . Almbach besaß nur ein einziges Kind , dessen Existenz er freilich nie eine besondere Wichtigkeit beigelegt hatte , da es ein Mädchen war . Der Consul und dessen Gattin waren die Pathen der Kleinen gewesen , und es konnte immerhin als ein Act der Selbstüberwindung gelten , daß Almbach seiner Tochter den Namen der Frau Erlau beilegte , denn er haßte das vornehm und romantisch klingende „ Eleonore “ ganz außerordentlich und beeilte sich sehr bald , es in das weit einfachere „ Ella “ umzugestalten . Diese Bezeichnung war wohl auch die passendere , denn Ella Almbach galt überall für ein nicht bloß einfaches , sondern sogar für ein äußerst beschränktes Wesen , dessen Horizont sich nie über die kleinen Vorkommnisse der Häuslichkeit und der Wirthschaft hinaus erstreckte . Das Kind war in früheren Zeiten sehr kränklich gewesen , und das mochte auch auf die Entwickelung seiner geistigen Fähigkeiten lähmend gewirkt haben . Sie waren in der That sehr untergeordneter Natur , und die äußerst einseitige , streng wirthschaftliche Erziehung im Elternhause , die jeden andern Ideen- und Gedankenkreis ausschloß , schien auch nicht geeignet , ihnen eine höhere Richtung zu geben . So war das Mädchen denn still und scheu herangewachsen , stets übersehen , überall bei Seite geschoben und ohne die geringste Geltung selbst bei den nächsten Familiengliedern . Man hatte sich gewöhnt , sie als ganz unselbstständig und halb unzurechnungsfähig zu betrachten , und auch ihre spätere Heirath änderte darin durchaus nichts . Keines der jungen Leute erhob einen Einwand gegen den längst gehegten und ihnen längst bekannten Plan einer Verbindung . Ein siebenzehnjähriges Mädchen und ein zweiundzwanzigjähriger Mann haben wohl überhaupt noch nicht viel Selbstbestimmung , am wenigsten , wenn sie in so abhängigen Verhältnissen aufgewachsen sind . Hier kam noch die Gewohnheit eines steten Zusammenlebens hinzu , das doch immerhin eine Art von Neigung erzeugt hatte , obgleich diese bei Reinhold eigentlich nur mitleidige Duldung und bei Ella geheime Furcht vor dem ihr geistig so sehr überlegenen Vetter war . Sie reichten sich also gehorsam die Hand zur Verlobung , der in Jahresfrist die Trauung folgte . Ueber Beiden waltete nach wie vor das Scepter Almbach ’ s , der seinem nunmehrigen Schwiegersohne , der dem Namen nach jetzt sogar Compagnon war , so wenig irgend eine Selbstständigkeit im Geschäfte gestattete , wie seine Gattin der jungen Frau im Haushalte . [ Es war Sonntag Morgen . Das Comptoir war geschlossen , und Reinhold hatte einmal einen freien Vormittag vor sich , was ihm allerdings nur selten zu Theil wurde . Er befand sich im Gartenhause , dessen ausschließliche Benutzung er endlich errungen hatte , allerdings erst nach manchen Kämpfen und nur durch den wiederholten Hinweis auf seine musikalischen Uebungen , die man im Hause selbst allzu störend fand . Der junge Mann war nur hier einigermaßen sicher vor der fortwährenden Controlle seiner Schwiegereltern , die sich bis in die Wohnung des jungen Paares hinein erstreckte , und er benutzte jede freie Stunde , sich in sein Asyl zu flüchten . Der sogenannte „ Garten “ war von jener Beschaffenheit , wie sie in einem enggebauten , alten und menschenvollen Stadtviertel die allein mögliche ist . Ueberall hohe Mauern und Giebel , die von allen Seiten das Stückchen Erde einengten , dem Luft und Sonnenschein nur spärlich zugemessen war , und auf dem einige Bäume und Gesträuche ein kümmerliches Dasein fristeten . Als Grenzlinie hatte das Gärtchen einen jener kleinen Canäle , welche die Stadt nach allen Richtungen hin durchzogen , und dessen stille dunkle Fluth einen recht trübseligen Hintergrund bildete ; jenseit desselben aber sah man wieder Mauern und Giebel ; das Gefängnißartige , das dem ganzen Almbach ’ schen Hause anhaftete , schien sich auch auf den einzigen freien Raum desselben zu erstrecken . Das Gartenhaus selbst war nicht viel freundlicher , das einzige geräumige Gemach sogar mehr als einfach eingerichtet . Man sah es den wenigen alterthümlichen Möbeln an , daß sie als überflüssig irgendwo bei Seite gestellt und jetzt hervorgesucht waren , um das Zimmer nothdürftig herzustellen . Nur am Fenster , um das