Schärfe bestehen ließen . Da wurde Raven zum Chef der Verwaltung ernannt , und Stadt und Provinz mußten es bald genug empfinden in wessen Hand die Zügel jetzt lagen . Der neue Gouverneur ging mit einer Energie , aber auch mit einer Rücksichtslosigkeit vor , die einen wahren Sturm gegen ihn entfesselte . Widerspruch , Proteste , Klagen bei der Regierung jagten einander förmlich , aber die letztere wußte zu gut , was sie an ihrem Vertreter hatte , um ihn nicht mit voller Macht zu stützen . Ein Anderer hätte wahrscheinlich die grenzenlose Unpopularität gescheut , die ihm aus diesem Vorgehen erwuchs , oder wäre den endlosen Widerwärtigkeiten und Schwierigkeiten gewichen , die man ihm in Folge dessen bereitete – Raven blieb auf seinem Posten . Er war ein Mann , der in jeder Lebenslage den Kampf eher aufsuchte , als daß er ihn mied , und seine im Grunde despotisch angelegte Natur fand gerade hier volle Gelegenheit zu ihrer Entfaltung . Er kümmerte sich nicht viel darum , ob seine Maßregeln in den gesetzlichen Schranken blieben , und setzte all den gegen ihn geschleuderten Vorwürfen von Willkür und Gewalt sein unerschütterliches „ Es bleibt dabei ! “ entgegen . Damit erzwang er denn auch in der That die Unterwerfung der widerstrebenden Elemente . Stadt und Provinz sahen endlich ein , daß sie den Kampf mit einem Manne nicht durchführen konnten der nicht ihre Rechte , sondern seine Macht zur Richtschnur seines Handelns nahm ; zum offenen Widerstand war die Zeit nicht angethan . Die eben mit voller Macht hereinbrechende Reactionsperiode unterdrückte ihn im Keime , man fügte sich also , zwar grollend und widerwillig , aber man fügte sich doch , und der Gouverneur , dem seine Aufgabe so vorzüglich gelungen war , wurde mit Auszeichnungen überhäuft . Seitdem waren Jahre vergangen ; man hatte sich schließlich an das despotische Regiment des Freiherrn gewöhnt , und Dieser hatte sich die Achtung erzwungen , die einem energischen , consequenten Charakter nie versagt wird , selbst wo man ihn als Feind betrachtet . Ueberdies verdankte man ihm eine ganze Reihe von Verbesserungen und Reformen , denen selbst seine Gegner den Beifall nicht vorenthalten konnten . Der in politischer Hinsicht so viel gehaßte und angefeindete Mann wurde auf anderem Gebiete der Wohltäter der ihm anvertrauten Provinz , ihr unermüdlicher Vertreter , wo es galt , gemeinnützige Einrichtungen in ’ s Leben zu rufen oder durchzuführen . Seine mächtige Thatkraft , so verderblich auf der einen Seite , wirkte auf der andern entschieden segensreich . Er trat überall ein , wo es galt , die Industrie , den Landbau , den Wohlstand überhaupt zu heben , und knüpfte dadurch eine Menge von Interessen an seine Person , die in ihm ihren eifrigsten Förderer sahen und ihn mit der Zeit einen Anhang schufen , der fast so groß war , wie die Zahl seiner Gegner . Seine Verwaltung war ein Muster von Ordnung , Unbestechlichkeit und strenger Disciplin , und seine neue Schöpfungen , mit praktischem Scharfblick entworfen und mit fester Hand durchgeführt , blühten überall mächtig empor . Der Gouverneur lebte auf großem Fuße , da ihm außer seinem Einkommen noch ein bedeutendes Vermögen zur Seite stand . Sein verstorbener Schwiegervater war sehr reich gewesen und nach dessen Tode fiel das Vermögen an seine beiden Töchter , Frau von Raven und die Baronin Harder . Die Ehe des Freiherrn war eines jener Convenienzverhältnisse , wie man sie oft in der großen Welt findet . Raven hatte sich bei seiner Wahl einzig und allein von der Berechnung leiten lassen , aber er vergaß es nicht , daß diese Verbindung ihm seine Laufbahn geöffnet , und seine Gemahlin hatte sich nie über einen Mangel an Artigkeit und Rücksicht von seiner Seite zu beklagen ; die Neigung , welche so vollständig fehlte , vermißte sie nicht . Frau von Raven war eine geistig sehr untergeordnete Natur , die wohl überhaupt keine Neigung einflößen konnte ; sie hatte dem Günstling ihres Vaters , von dem sie täglich hörte , daß ihm eine bedeutende Zukunft bevorstehe , ihre Hand nicht versagt , und da sich diese Vorhersagung erfüllte , so blieb ihr nichts zu wünschen übrig . Der Gemahl erfüllte freigebig all ihre Ansprüche an einen glänzenden Haushalt , prachtvolle Toilette und hohe Lebensstellung , also kam es auch niemals zu einer Differenz zwischen ihnen , und im Uebrigen lebten sie auf vornehmen Fuße , so getrennt und fremd wie nur [ 176 ] möglich . Die in den Augen der Welt musterhafte , aber kinderlose Ehe hatte vor sieben Jahren mit dem Tode der Frau von Raven ihr Ende gefunden , und der Freiherr , dem laut Testament das ganze Vermögen zufiel , schritt zu keiner zweiten Vermählung . Der stolze , immer nur mit seinen ehrgeizigen Plänen beschäftigte Mann hatte niemals Empfänglichkeit für die Liebe und die Freuden der Häuslichkeit gehabt und hätte wahrscheinlich nie geheirathet , wäre die Heirath ihm nicht eine Staffel zum Emporsteigen gewesen . Da dieser Grund nun fortfiel , dachte er nicht daran , sich von Neuem zu fesseln , und jetzt , wo er am Ende der Vierzig stand , war ja überhaupt keine Rede mehr davon . Es war am Morgen nach der Ankunft der Baronin Harder und ihrer Tochter , als die Erstere sich mit ihrem Schwager in dem kleinen Salon ihrer Wohnung befand . Die Baronin zeigte noch Spuren einstiger Schönheit , war aber bereits vollständig verblüht . Die Menge der aufgewendeten Toilettenkünste mochte vielleicht noch Abends beim Kerzenschein ihre trügerische Wirkung thun , das helle Tageslicht aber enthüllte die Wahrheit unharmherzig dem Auge des Freiherrn , der ihr gegenüber saß . „ Ich kann Ihnen die Auseinandersetzung nicht ersparen , Mathilde , “ sagte er , „ wenn ich auch begreife , wie peinlich sie Ihnen ist , aber einmal wenigstens muß die Sache zwischen uns erörtert werden . Auf Ihren Wunsch habe ich es unternommen , den Nachlaß des Barons zu ordnen , so