, wo Siegbert vorhin gelegen hatte , und jedenfalls diesem gehörte . Bertold bückte sich gleichgültig danach , um es an sich zu nehmen ; zu seiner Verwunderung aber entdeckte er , daß auch dies kleine Buch Studien enthielt , obwohl der junge Maler seine Skizzenmappe mit sich genommen hatte , und gleich das erste , was ihm in die Hand fiel , war ein lose eingelegtes Blatt , jene Zeichnung , die Adrian Tuchner darstellte . Der Professor betrachtete sie scharf und prüfend und war offenbar überrascht davon . » Sieh einmal an ! « sagte er halblaut . » Wo hat der Junge diesen prachtvollen Charakterkopf her ? Das ist jedenfalls Porträt , aber gar nicht so übel aufgefaßt , da ist Leben und Ausdruck in jeder Linie – daraus könnte etwas werden ! « Er legte die Zeichnung sorgfältig wieder an ihren Platz und schlug das nächste Blatt um . » Was soll das heißen ? Das ist ja Alexandrine von Landeck ! Wie kommt Siegbert zu dem Bilde ? Sie hat ihm sicher nicht dazu gesessen , sie sagte mir ja selbst , daß er sich fern hält . Er muß das Gesicht rein aus der Erinnerung gezeichnet haben – etwas idealisiert , aber sonst ganz vortrefflich aufgefaßt – ich könnte es nicht besser machen ! Dabei hat ihn die Wiesenheimer Muse jedenfalls nicht inspiriert ; das ist ganz in dem Stile , wie er früher in meinem Atelier zu zeichnen pflegte ; aber schülerhaft ist es nicht mehr ! « Er blätterte mit steigendem Interesse weiter . Diesmal aber stutzte er doch ein wenig . » Wieder Alexandrine ? Ah so , diesmal hat er sie im Profil gezeichnet ! – Da ist sie nun zum drittenmal ! – Der Junge muß eine ganz merkwürdige Vorliebe für dies Gesicht haben ; nun , es ist allerdings schön genug , um einen Maler zu fesseln . – Warum hat er mir denn diese Blätter nicht gezeigt ; er muß doch wissen , daß sie sich sehen lassen können ! « Das Buch wurde jetzt einer sehr sorgfältigen und gewissenhaften Prüfung unterzogen . Als sich aber auch auf dem vierten , fünften und sechsten Blatte immer wieder dieselbe Gestalt zeigte , in den verschiedensten Auffassungen und Situationen , bald wie ein Märchenbild aus phantastischen Blumengewinden hervorblickend , bald als Bergfee auf Felsen thronend , bald aus den Fluten eines Waldsees emportauchend , aber immer unverkennbar Alexandrine von Landeck in ihrer ganzen fesselnden Schönheit , da begann dem Professor ein Licht aufzugehen . » Also so steht die Sache ! « sagte er langsam . » Das war es , was ihm vorhin im Kopfe steckte , und darum ging ihm auf einmal die Schönheit der Bergnatur so überwältigend auf . Ich scheine da sein geheimes Archiv entdeckt zu haben , das er den bürgermeisterlichen Augen verborgen hält . Die Entdeckung wollen wir uns doch zunutze machen ! « Er steckte das Buch zu sich und knöpfte den Rock zu . Kaum hatte er es in Sicherheit gebracht , als Siegbert zurückkehrte , sehr eilig , sehr aufgeregt und mit ganz erhitztem Gesicht . » Sie verzeihen , Herr Professor – ich habe etwas im Walde verloren , wahrscheinlich ist es hier zurückgeblieben . Sie haben doch nichts gefunden ? « » Nicht das Geringste « , log der Professor in großer Gemütsruhe . » Was hast du denn verloren ? « » Oh , nichts von Bedeutung , ein kleines Buch , das ich gewöhnlich bei mir trage . Es enthielt nur wertlose Skizzen . « » So ? « meinte Bertold und sah mit heimlicher Schadenfreude zu , wie der junge Maler in steigender Unruhe die ganze Umgebung nach den » wertlosen Skizzen « durchsuchte . » Du wirst es auf dem Wege verloren haben « , sagte er endlich , » Ich werde dir suchen helfen ; wir müssen ohnehin nach dem Hotel zurück . « Damit ergriff er den Arm seines Schülers und schleppte ihn mit sich fort , ganz ungerührt von der sichtbaren Pein und Verlegenheit des jungen Mannes , der keine Ahnung davon hatte , daß sein so angstvoll gesuchtes » geheimes Archiv « gemütlich neben ihm herwanderte . Der Professor machte sich leider gar kein Gewissen daraus , es zu unterschlagen . Sechstes Kapitel . Es war am Nachmittag desselben Tages . In dem kleinen Bergorte , der in unmittelbarer Nähe des Fremdenhotels lag , fand heute das alljährliche Festschießen statt , zu dem die Bevölkerung der ganzen Umgegend herbeiströmte . Aber auch viele der Fremden waren erschienen , denen das Volksfest eine willkommene Abwechselung und Unterhaltung versprach . Der festlich geschmückte Ort bot in der Tat ein lebendiges und farbenreiches Bild . Die Menge der Landleute in ihren verschiedenen Trachten , das fortwährende Auf- und Abwogen , das jeden Augenblick neue , oft charakteristische Gestalten zeigte , das ganze laute und bunte Leben eines solchen Festes waren ebenso neu als anziehend für die Städter . Jetzt , gegen Abend , war das eigentliche Schießen zu Ende . Das Knallen und Jubeln auf dem Schießplatze verstummte , und dieser leerte sich mehr und mehr . Desto lebhafter ging es im Orte selbst zu , wo alles sich zusammendrängte , und wo Einheimische und Fremde , Städter und Landleute durcheinanderwogten . Mitten durch das fröhliche Getümmel zog der Herr Bürgermeister Eggert mit seiner gesamten Familie . Als erster Würdenträger von Wiesenheim war er es gewohnt , sich bei den heimischen Festen leutselig zum Volke herabzulassen , und fühlte sich verpflichtet , das auch hier in der Fremde zu tun . Leider aber verunglückte er hier gänzlich mit seinen Leutseligkeitsversuchen , denn einerseits verstand er den Dialekt der Bergbewohner nicht , andrerseits konnten diese sich in seine Anschauungs- und Ausdrucksweise durchaus nicht finden . Trotzdem forderte er seinen Pflegesohn fortwährend auf , » Studien « zu machen , wobei er jedoch nicht ermangelte , ihm dieselben bis in das Detail hinein vorzuschreiben .