, eine Frau von nicht mehr jugendlicher , aber noch immer ernster Schönheit . » Ja , mein Sohn « , rief sie und schlang leidenschaftlich beide Arme um seinen Nacken , » wohl haben wir uns geliebt , ich und dein Vater ; aber dich lieb ich mehr , als Mann und Weib sich lieben können ; was kümmern mich alle andern Menschen außer dir ! « Stumm , erschüttert hielt der Sohn die Mutter an seiner Brust ; an dem Zucken ihres Leibes fühlte er , wie die starke Frau sich selbst zur Ruhe kämpfte . Aber unter den zärtlichen Worten , die sein Herz ihn sprechen ließ , verkannte er gleichwohl nicht , daß diese Leidenschaft , wo sie ihn bedroht wähne , in jedem Augenblick bereit sei , sich feindselig gegen alle Welt , ja gegen des eignen Sohnes Weib zu kehren . Mit dem Scharfsinn seiner jugendlichen Liebe las er in der Seele der erregten Frau ; und ehe beide voneinander schieden , hatte die Mutter , wenn auch widerstrebend , ihm nun ihrerseits geloben müssen , an der Vergangenheit ohne sein Zutun nicht zu rühren . Nur darin traf ihr Wunsch mit einem bereits von ihm gefaßten Entschluß überein : er wollte sich Beruhigung oder wie er still bei sich hinzufügte – doch Entscheidung über seinen Zustand bei dem Arzte holen , unter dessen Fürsorge er jene Monate des vergangenen Jahres zugebracht hatte ; wenn er noch einmal eine Nachtfahrt daransetzte , so wer ihm , bei der unerwartet raschen Erledigung des Geschäftes , die Zeit noch zur Verfügung . – – Und etwa zehn Stunden später saß er dem Genannten , einem kräftigen Manne in mittleren Jahren , gegenüber ; die heiteren , etwas schelmischen Augen des Arztes ruhten auf dem Antlitz seines früheren Patienten , während dieser , der dem vertrauengebenden Wesen desselben seine damalige rasche Genesung zu verdanken glaubte , ihm dies in warmen Worten aussprach . » Aber was treiben Sie denn , Herr von Schlitz « , unterbrach ihn jener , » Sie sollten wohler aussehen ! Sie sind von uns als völlig – wohlverstanden , als völlig geheilt entlassen worden . « Die Frage , um deren willen Rudolf seine Reise hieher verlängert hatte , war somit schon zum größten Teil und auf das unverfänglichste beantwortet ; nun galt es nur noch seinerseits eine unverhaltene Auskunft über späteres Erlebnis ; und nach kurzem Widerstreben überwand er sich : sein Geheimnis war hier keines , nun bekannte er auch seine Schuld . Ein leichtes Stirnrunzeln überflog das Angesicht des älteren Mannes . » Nein , nein « , sagte er gleich darauf , da Rudolf stockte , » sprechen Sie nur ; ich klage Sie nicht an ! « Und der Jüngere fuhr fort und verschwieg ihm nichts . » Mitunter « – so schloß er seine Beichte – , » aber nur in kurzen Augenblicken , ist es mir , als ob der dunkle Vorhang aufweht , und dahinter , wie zu meinen Füßen , sehe ich dann das Leben gleich einer heiteren Landschaft ausgebreitet ; aber ich weiß doch , daß ich nicht hinunter kann . « Wieder ruhte der sinnende Blick des Arztes auf des jungen Mannes Antlitz . » Nicht wahr « , sagte er dann , » aber es ist mehr der anteilnehmende erfahrene Mann als der Arzt , der diese Frage an Sie tut – Sie haben eine gesunde und eine Frau von heiterem Gemüte ? « Rudolfs Augen leuchteten , und in seinen Armen zuckte es , als müsse er sich zwingen , sie nicht nach seinem fernen Weibe auszustrecken . » Sie sollten sie nur sehen ! « rief er . » Nein , nur ihre Stimme brauchten Sie zu hören ! « Der Arzt lächelte . » Dann « , sagte er , » wenn dem so ist « , und er betonte jedes Wort , als ob er auf schwerwiegende Gründe eine Entscheidung baue , » dann – reden Sie ; und Sie werden nicht allein in jenes heitere Land hinunterschreiten ! « Rudolf war fast erschrocken , als dieselbe Forderung , die er noch kurz zuvor der Mutter gegenüber so schroff zurückgewiesen hatte , ihm nun auch hier entgegenkam . Aber sie reizte ihn hier nicht zum Widerspruche ; die ruhigen Worte , in denen jetzt der teilnehmende Mann ihm zusprach , mochten kaum anderes enthalten , als was er von seiner Mutter auch schon wiederholt gehört hatte ; dennoch war ihm , als ob seine Gedanken sich allmählich von einem Banne lösten , der sie stets um einen Punkt getrieben hatte . Allein hatte er seinen Weg in Nacht und Schrecken wandern wollen ! Aber – und seine Brust hob sich in einem starken Atemzuge – es gab ja kein » Allein « für ihn , er selber hatte ja gesagt , sie seien aneinander festgeschmiedet , er konnte nicht in der Finsternis und sie im Lichte gehen ; er begriff nicht , daß er das nicht längst begriffen hatte . Entschlossen reichte er dem Arzt die Hand hinüber . » Ich danke Ihnen « , sagte er , » ich werde reden . « » Und Sie werden recht tun . « – Dann schieden sie . Heiter , voll froher Zukunftsbilder , fuhr Rudolf seiner Heimat zu ; bei hellem Mittag , in einer unablässig schwatzenden Reisegesellschaft , erquickte ihn ein langer Schlaf ; als er unweit seines Zieles dann erwachte , konnte er kaum erwarten , vor Anna hinzutreten und Schuld und Reue vor ihr auszuschütten ; er sah schon , wie sie weinen , wie sie dann aus ihren Tränen sich erheben und , ihm mutig zulächelnd , ihre kleine feste Hand in die seine legen würde ; ja , Anna , die Schöne , Gute , sie hatte ja auch ein festes Herz ! Er hatte nicht bedacht , daß er während seiner Ehe zum ersten Mal so lange fern gewesen war