weiß , was uns allen gut ist – ich bin ein alter erfahrener Kerl und kenne die Welt ein wenig genauer als ihr guten , jungen , leichtsinnigen , unerfahrenen Leute . – Auch ich grüßte so höflich und submiß , wie ich noch nie einen Menschen gegrüßt hatte , und schleppte mich seufzend matt weiter durch den grauen Dunst des Herbstmorgens . › O wie voll Dornen ist diese Werkeltagswelt ‹ , läßt der englische Poet Shakespeare eine seiner erdichteten Personen in einem seiner Stücke sagen . Ich habe diesen Poeten immer gern gelesen und besitze eine Übersetzung von ihm und habe mir vieles darin unterstrichen . Das Wort von den Dornen und der Alltagswelt fiel mir diesmal auf die Seele , und ich wiederholte es mir fort und fort bis auf die Berge hinauf . Freilich war mir jetzo die Welt nach allen vier Himmelsgegenden durch das dichteste Dornengestrüpp verwachsen , und daß es eine erbärmliche und in ihrer Gewöhnlichkeit tränenreiche Werkeltagswelt war , das konnten mir der Boden unter den Füßen und das Luftgewölbe über mir bezeugen . Der Nebel blieb wohl hinter mir in den Tälern zurück ; aber in meiner Brust nahm ich die Trübe auf die sonnigsten Gipfel mit empor . Ich schritt rasch zu und tauchte mehrmals das Taschentuch in einen kalten Waldbach , um es mir dann auf die heiße übernächtige Stirn und die fiebernden Schläfen zu drücken . Um sah ich mich nicht , und es ist ein Irrtum oder gar eine Lüge , wenn man behaupten will , daß einem unglücklichen oder von Not und Sorge bedrängten Menschen eine schöne Gegend und herrliche erhabene Aussicht zum Heil und zur Genesung gereiche . Es ist einfach nicht wahr ! Im Gegenteil , nichts ist schlimmer für einen Kummervollen , Schmerzbeladenen als eine weite sonnenklare , in allen süßen Farben der Erde leuchtende Fernsicht , hoch von einer Bergspitze aus . Es ist arg und eigentlich furchtbar , aber es ist so : den Sturm , den Regen läßt man sich in der bösen Stimmung gefallen ; aber die Schönheit der Natur nimmt man als einen Hohn , als eine Beleidigung und fängt an , alle sieben Schöpfungstage zu hassen . « Der Pastor schüttelte hier bedenklich den Kopf ; Fräulein Dorette Kristeller nickte zwar , aber sah doch auch ziemlich bedenklich und trübe drein ; der Förster Ulebeule jedoch klopfte mit der Pfeife auf den Tisch und rief : » Wahrhaftig , es ist etwas dran ! Es ist bei mehrerem Nachdenken sogar ziemlich viel dran . Jeder Kümmerer – will sagen jedes durch einen alten Schuß oder durch Krankheit sieche Stück Hochwild will auch von der Pracht der Schöpfung , an der es in gesunden Tagen sein Wohlsein und seine Freude hat , nichts mehr wissen . Und wer viel Umgang mit den Tieren gehabt hat , der weiß , wie wenig der Unterschied zwischen ihnen und dem Menschen zu bedeuten hat in allen Dingen , die mit Erde , Wasser , Licht und Luft zusammenhängen . Ihr waret damals ein richtiger Kümmerer , Kristeller . Der Onkel hatte Euch nicht übel angeschossen , und manch einen in Eurer Lage hat das Schicksal bald darauf als tot verbellt . « » Nun lasset uns weiterhören ! « rief der geistliche Herr , und sie hörten weiter . » Was mir selten in der mir so bekannten Gegend passiert war , hatte ich heute zu erleben ; ich verlor mehrmals meinen Weg und fand ihn stets nur mit Mühe wieder . Die Lebensverwirrung und schlimme Ratlosigkeit war außer mir wie in mir ; aber mein Pfad ging doch immer aufwärts , und einen Kompaß führte ich am Uhrgehäuse glücklicherweise auch mit mir . So wand ich mich durch den Buchenwald und dann hinein in die Tannenwälder , an steilen Lehnen , von denen die wunderlichen Granitblöcke der Urzeit in wahrhaft gespenstischen Formationen herabgerollt waren , schräg in die Höhe . Dann ging es über kahle , gleichfalls mit wildem , phantastisch übereinander gestürztem Felsgetrümmer bedeckte Hochebenen – aus dem Nebel in das Sonnenlicht . Die Sonne schien um Mittag herbsthell , und ich holte Atem , auf meinen Weg und die durchwanderten Täler zurückblickend . In den Tälern hielt sich der Nebel den ganzen Tag über , und als ich nach einer Ruhestunde weiterging , schlich er mir leise wieder nach und holte mich am Nachmittag , als ich den berühmten Platz , zu dem mein Prinzipal mich diesmal hingesendet hatte , zu Gesicht bekam , richtig wieder ein ; aber freilich nicht mehr als der dichte Qualm der Tiefe , sondern als ein leichter , alles in ein Zaubertuch einwickelnder Dunst . Bei einer Wendung des Weges lag die unbeschreiblich grotesk zerklüftete Steinmasse – der Blutstuhl , vor mir da . Aus dem Tannendickicht vortretend , erblickte ich seine höchste Platte sechzig bis achtzig Fuß über mir ; und langsam und ermüdet stieg ich nun noch über den mit kurzem Gras bewachsenen Boden , um im Schutze der untersten Blöcke Kräfte zu sammeln für das Suchen und Finden meiner seltenen Lichenart . Ihr , Ulebeule , kennt den Blutstuhl . Es ist ein Labyrinth von Steinklötzen , das einen ziemlich bedeutenden Raum auf der Bergebene einnimmt . Viele der Gruppen führen wunderliche sagenhafte Namen , die höchste ist auf ausgewaschenen Treppenstufen zu erklimmen , und von ihr hat das ganze Geblöck seinen Namen , und in ältester heidnischer Urzeit unseres Volkes hat es denselben als Opferstelle vielleicht mit vollem Recht geführt . Ich verzehrte vor allen Dingen trotz meiner trüben Seelenstimmung den mitgebrachten Proviant nicht ohne Appetit ; dann begab ich mich an die Lösung meiner Aufgabe , die gar nicht so leicht war . Das winzige , kriechende Ding , das mein Alter in einem frischen Exemplare zu besitzen wünschte , wuchs keineswegs in jeder Spalte des Blutstuhles . Und mit den Erlebnissen des letzten Abends , den Bildern der schlaflosen Nacht und dem Onkel mit der Zipfelmütze am