es , daß er muß , und er nimmt alle seine Energie zusammen ! Er wagt es – er geht durch die drei Wände , die ihn von dem schlummernden Baron trennen – schreckhaft gleitet er an dem Lager desselben vorüber . Er hoffte eben , unbemerkt durchzugelangen und , – er irrte sich : Die Stunde der Sühne war da – war auch für den alten Sünder Püterich da ! der graue höhnisch-kalte Heimtücker und Baron sollte den Geist der Geliebten sehen und – er sah ihn ! Er saß mit einem Mal aufrecht im Bett , auf beide Hände krampfig sich stützend , und starrte auf den zarten , ihm einst so zärtlichen Spuk . Die Haare konnten ihm nicht emporsteigen , denn seine Perücke hing über dem Perückenstock auf dem Tische neben seinem Bette , aber was er noch an Zähnen besaß , klapperte zusammen , und sein Blut koagulierte , und kein Geschüttel machte es ihm für den Rest des Tages wieder flüssig . » Allbarmherziger ! – was ist ? – Rosa ! « Mit beiden Schemenhänden abwehrend , zog sich die Erscheinung gegen die nächste Wand . Von ihr den Rücken gedeckt , sah sie noch einmal stumm mit den Gespensteraugen auf den gänzlich unzurechnungsfähigen alten Verbrecher , und dann – dann hatte noch nie , seitdem tote Geliebte den treulosen Liebhabern erschienen sind , eine Grabesbraut mit solcher Heftigkeit und solchem schaudernden Widerwillen ihre Schleier und sonstigen Gewänder bis aufs Hemd zusammengefaßt , um durch die Mauer zu verschwinden . Kein lieblich Erdenkind , kein Fräulein der besseren Stände entflatterte , von einem Besuch im tiefsten Negligé ertappt , jemals schreckhafter durch die Tür , wie in diesem Augenblick der Geist Rosas durch den Kleiderschrank ihres Philiberts . Philibert aber fiel hin , wie am Nachmittag das Bild Innocentias . Es war fünf Minuten und drei und eine halbe Sekunde nach zwölf Uhr , und um zehn Uhr morgens lag er noch immer . Es war eines der größten Mirakel , daß er überhaupt je wieder aufstand , und es zeugte jedenfalls von seiner guten Konstitution ; denn mancher andere in seinem Alter wäre nach einem solchen Schrecken in alle Ewigkeit liegen geblieben . Fünftes Kapitel Daß ein Geist Uh oder Huh schreit , ist nichts Unerhörtes , Ungewöhnliches ; aber Rosas Geist , wiederum durch drei Mauern sich stürzend , stieß einen zwischen Üh und Eh die Mitte haltenden Laut aus , nur Geisterohren vernehmbar ! Wir bitten demnach um den dumpferen , wenn auch lauteren Ton , wenn es uns beschieden sein sollte , einmal derartig in der Stille der Nacht angeächzt zu werden . Wir hören fein , und leider ist das nur in seltenen Fällen ein wünschenswertes , angenehmes Geschenk der Götter . In einer vierten Wand sammelte sich die gute , aber nervenschwache Seele . Dann ging sie , etwas gefaßter , weiter um , und zwar um die Halbseite des Häuservierecks des Püterichshofes . Wie ein leiser Luftzug fuhr sie durch Stuben und Kammern , durch einen Teil der Magazine von Aldenberger und Kompanie , über Kaffeesäcke und Ölfässer , über die Bettchen schlafender Kinder und vorbei an den Betten der Eltern dieser Kinder . Jetzt kreuzte sie einen Korridor , der sich vor der Stubentür Hilarions hinzog ; – noch einmal hielt sie inne , schwebte , suchte sich selber zu beruhigen . Mit einem letzten Entschluß führte sie ihr Vorhaben aus und – erschien dem jungen Assessor bei der Regierung ! Ein solcher jugendlicher Assessor mit der Aussicht , dereinst geheimer Rat zu werden , verliebt , geliebt , im geheimen verlobt und dazu mit ästhetischen Neigungen behaftet , ist eins der glückseligsten Geschöpfe in dieser Welt . Je unglücklicher er sich fühlt , desto wohler ist ihm , und Hilarion fühlte sich in dieser Nacht , wo selbst zu allem übrigen noch die Geisterwelt ihre Hand segnend auf sein Haupt legen sollte , über alle Schilderung selig in seinem Elend . Der Herr Assessor Abwarter malte ein wenig , und zwar ganz allerliebst Blumen- und Fruchtstücke mit flatternden Schmetterlingen und kriechenden Käfern in Wasserfarben . Der Herr Assessor trieb ein wenig Musik , und ein Pianino war vorhanden und stand aufgeklappt im bleichen Mondenstrahl . Man wollte wissen , daß der Herr Assessor Abwarter sich sogar dann und wann in seinen Bureaustunden mit den schönen Wissenschaften abgebe – daß er in seinen Nebenstunden dichte , wußte man ganz gewiß . Hilarion war durchweg ein liebenswürdiger Mensch , ob er Aquarell malte , auf dem Flügel phantasierte , den Pegasus zügelte oder Protokoll führte . Rosas Geist hatte durchaus keinen Grund , sich vor ihm zu fürchten , zumal er ihn selbstverständlich vollständig angekleidet , wenn auch im Schlafrock , traf . Wie hätte Hilarion schlafen können ? In Tagen – und Nächten wie diese ? – Noch nach fünfzigjähriger Dienstzeit , als geheimer Rat , Schwiegervater und Großvater hätte er ' s sich nicht vergeben . Er saß natürlich wach in seinem Kämmerlein im Püterichshof , wie Ernesta in dem ihrigen in der Behausung ihrer Eltern , in der Villa Piepenschnieder . Er aber verdichtete die Stunden , welche beide gute Kinder von Rechts wegen dem traumlosen Schlummer hätten widmen sollen ! Die Villa Piepenschnieder lag , wie wir angemerkt haben , im tiefsten nächtlichen Dunkel ; der Püterichshof jedoch im Mondschein – wahrscheinlich eben der Poesie wegen ; denn soviel das uns , den Protokollführer im gegenwärtigen Fall , angeht , so wissen wir uns ganz und gar unschuldig an der holden Beleuchtung ; wir haben seit längerer Zeit unsere Arbeitsstunden in den hellen Tag , zwischen das Frühstück und das Mittagsessen verlegt . Wir machen seit längeren Jahren keinen Anspruch mehr darauf , poetisch zu sein . Jeder Johanniswurm übertrifft uns in der Fähigkeit , sobald es dämmerig wird , sein Licht der Umgebung mitzuteilen . – – Hilarion saß vor seinem Tisch beim Mondenschein und beim Scheine seiner Lampe . Er