Nun müsset Ihr wissen , ehrwürdiger Herr , daß die Heiden in Granada , vornehm und gering , die fromme Gewöhnung haben , jedesmal wann von Schlummer und Schlaf geredet wird , hinzuzufügen : › Gelobt sei , der nicht schläft noch schlummert ! ‹ So tun sie von Kindesbeinen an , ohne sich mehr dabei zu denken , als wir Schwaben bei unser › Grüß Gott ! ‹ Da ich unter den Heiden lebte , hatte ich mir diesen Spruch gleicherweise angewöhnt , um mir auf eine unschuldige Art etwas Landesfarbe zu geben . War ich nun selber schlummertrunken , oder erinnerte mich der im verhängten Zimmer noch blasser als sonst erscheinende Kanzler an einen Mauren , oder tat ich es aus bloßer Gewohnheit , deren Macht stark ist – kurz , ich sagte : › Herrlichkeit , der König schläft – gelobt sei , der nicht schläft noch schlummert ! ‹ Da lächelte der Kanzler wider seinen Willen , bis zuletzt die ganze Reihe seiner Perlenzähne schimmerte , und fragte mich dann in ernsthaftem Tone : › Wie kommt ein Deutscher zu diesem Gruße ? ‹ Ich erzählte ihm , das Erwachen des Königs erwartend , daß ich drei Jahre in Granada die Bognerkunst erlernt hätte , und erzählte ihm auch die Geschichte des Prinzen Mondschein . Das war freilich ein gewagter Mutwille und hätte mir zum Schlimmen gereichen können . Aber die Versuchung zu ergründen , ob Prinz Mondschein und der Kanzler ein und dieselbe Person seien und zu erproben , ob der ewig Ruhige nicht wenigstens diesmal sich überraschen lasse , war für mich zu stark . Herr Thomas aber verzog keine Miene . Er hielt eine Weile , wie er zu tun pflegte , die Augen sinnend gesenkt , dann erhob er sie auf mich und legte langsam den weißen Finger auf den Mund . Ich dagegen bog das Knie vor ihm und meldete ihn dann dem Könige , der in seiner Kammer eben ein Geräusch gemacht hatte . Da mich nun die beiden Herren leiden mochten und mir gleicherweise trauten , werdet Ihr an das Wunder glauben , daß ich der seltnen Gunst genoß , hinter dem Stuhle meines Königs zu stehen , wann er mit dem Kanzler in Staatsgeschäften zusammensaß . Herr Heinrich ließ sich dann von mir einen perlenden weißen Wein einschenken , der aus Frankreich kam , während er mit listigen Augen und innigem Vergnügen den scharfsinnigen Auseinanderlegungen und verwickelten Schachzügen seines Kanzlers folgte , und dieser sonnte sich , wie eine schlanke weiße Schlange , in den Strahlen der fürstlichen Gunst . König Heinrich betrachtete den von ihm aus dem Nichts Gehobenen mit Wohlgefallen als sein Geschöpf ; aber das Geschöpf , ehrwürdiger Herr , war dem Schöpfer unentbehrlich geworden und unterjochte ihn mit seinem sanften Eigensinne . Oft habe ich dabeigestanden , wann der Kanzler den König , dessen zur Jagd gesattelte Pferde schon im Schloßhofe wieherten und stampften , noch beim Überschreiten der Schwelle aufhielt , seine Rollen vor ihm entfaltete und den Unbändigen durch den Zwang seiner milden Worte nötigte , ihm Gehör zu schenken , und ich mußte mich wundern , wie er , den Stift in der einen und das Pergament in der andern Hand , Herrn Heinrichs hingeworfenen Bescheid wiederholte und entwickelte , denselben in eine schöne , geschmeidige Rede verwandelnd , daß es nur so strömte , wie flüssiges Gold . « » Auch deine Rede strömt , daß ich mich wundern muß « , stichelte der greise Chorherr . » Gebt Raum meiner Rede « , rief Hans , » und laßt mich Euch den wundersamsten Mann beschreiben , welchen die Erde getragen hat , das Vorbild und die Mode des Jahrhunderts . Der vornehmste Adel von Engelland gab ihm seine Söhne als Edelknaben in die Lehre , und welcher Jungherr den Ritterschlag nicht von der Hand des emporgekommenen Sachsen empfangen hatte , galt nicht für voll unter dieser hochmütigen und wegwerfenden Jugend . Es hat mich oft ergötzt , wann die schmucken Knaben , welche ihre blühenden Lippen nie mit einem englischen Worte verunreinigt hätten , an den farblosen des Thomas Becket hingen , dem freilich die französische Herrensprache zierlicher vom Munde klang , als nicht einem unter ihnen ; wie sie sich jede seiner Redensarten und Wendungen sorgfältig merkten , die Feinheit seiner Scherze bewunderten , den Schnitt seiner Kleidung nachzeichneten und seine Ruhige Gebärde nachahmten , als das Höchste höfischer Vollendung . Eines aber , mein ich , mangelte dem Kanzler : das Ungestüm und die Schärfe eines männlichen Blutes . Nicht , daß er feige gewesen wäre ! Eine Memme hätte sich keinen Tag am Hofe König Heinrichs gehalten ; denn die Normannen sind kitzlig im Ehrenpunkt wie kein anderer Adel . Gleich fährt das Schwert aus der Scheide und verloren ist unter ihnen , wer den Stich eines Blickes oder einer Klinge nicht parieren und zurückgeben kann . Obzwar ein halber Kleriker , war Herr Thomas in jeder ritterlichen Übung und Waffe wohlerfahren , wobei ihm sein biegsamer Wuchs zustatten kam , und zog wohl auch , wenn es die Staatsgeschäfte erlaubten , mit dem König zu Felde . Ich bin einmal hinter seinen Fersen eine Sturmleiter hinaufgeklettert und habe ihn innerhalb der erstiegenen Ringmauer jener französischen Burg mit einem wütigen Pikarden handgemein werden sehen , totenblaß in der Tat und die Zähne aufeinanderbeißend . Aber er täuschte die feindliche Waffe und jagte dem Recken richtig zielend das Schwert durch das Herz , freilich um es dann , als sein Gegner in der Lache seines Blutes lag , mit Ekel und Abscheu zu betrachten und wegzuwerfen . › Bogner , gib mir ein reines ! ‹ gebot er mir . Und doch war dieses Schwert ein Meisterstück fremder Schmiedekunst , das Euch die Maschen jedes Panzers durchschnitt wie Tuch . Ich habe es aufgehoben und lange Jahre zu meiner eigenen Sicherheit gebraucht . Herr Thomas konnte kein Blut vergießen . In den Bezirken seiner weiten Besitztümer spielte