die sieben Todsünden des Kardinals , wie uns das Volk von Ferrara nennt . « » Nun kenne ich auch eure Marschordnung « , sagte Don Giulio , auf den fratzenhaften Teufelsmarsch in der Danteschen Hölle anspielend , wo der Kardinal als ein Verehrer des göttlichen Dichters die Namen seiner Bande gefunden hatte . Er brach in ein helles Gelächter aus . Don Giulio konnte noch recht kindlich lachen . Dann aber reckte er die Arme : » Wie ich müde bin ! « Er warf sich auf die Bank nieder , ohne die Berührung des anderen zu scheuen , suchte seine Lage und war entschlummert . Der Bandit betrachtete ihn und murmelte liebevoll : » O du schöne Jugend ! « Zuerst versank der Müde in eine traumlose Tiefe , Vergessen schlürfend in langen , durstigen Zügen ; dann öffnete sich langsam sein inneres Auge , und daran vorüber eilte , aufdämmernd , eine flüchtige Jagd , ein hastiges Gedränge bacchischer Erscheinungen , rasende Körper , rücklings geworfene Häupter , geschwungene Zimbeln , Pauke und Evoeschrei . Horch ! In weiter Ferne , aus anderer Richtung , zuerst kaum hörbar , dann schwer anschwellend , dröhnende Posaunen ! Unbekannte Angst befiel ihn . Da stand er plötzlich in einer ernsten Versammlung , in einem Kreise von Richtern verschiedener Völker und Zeiten . In der Mitte saß , grau und streng , wie aus Stein gehauen , Carolus Magnus , sein großes Richtschwert auf die Kniee gelegt ; zu seiner Rechten stand der Prophet Samuel , den geisterhaften Mantel über der Brust mit gekreuzten Armen zusammenhaltend ; zu seiner Linken der Römer Brutus , der strenge Vater , inmitten seiner Liktoren , von denen seltsamerweise der Richter Herkules , Giulios Freund , eben gefesselt wurde . Der Träumende erstaunte , daß ihrer beider ferraresische Sünden eines so hohen Gerichtes würdig erfunden seien . Jetzt ertönte die mächtige Stimme Kaiser Karls , ohne daß er die Lippen bewegte : » Julius Este , das von der Jungfrau dir verkündigte Gericht ist da . Sie ist es selbst . « Wieder dröhnte die Posaune und alles stürzte zusammen . Nach einem raschen Durchgang durch einige dunkle Vorstellungen ruhte Don Giulio im Grase , zu der freundlich über ihn geneigten Angela emporblickend . » Du Tor « , sagte sie , wie in einem Gespräche fortfahrend , » darf auch ein Mädchen zu einem Jüngling sagen : ich liebe dich ? Sie muß ihr Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Geständnis in Zorn und Drohung . Auch , wie könnte sich irgendein reines Weib mit einiger Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben ? Und dennoch : Gerade deine viele Sünde , die ich strafen muß , ist es , die mich an dich kettet . Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen , mit denen du frevelst . Reiße sie aus und wirf sie von dir ! « Don Giulio wunderte sich im Traume , wie frech und vertraut die stolze Angela zu ihm rede ; er lauschte bange , was da noch kommen werde , und als sie schwieg , wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick . Er wollte sich aufschnellen , war aber von unsichtbaren Banden an den Boden gefesselt und außerstande , die kleinste Bewegung zu machen . » Du willst nicht ? « begann jetzt die Traum-Angela wieder ; » aber es ist einmal nicht anders . « Damit tauchte sie den Finger in eine Schale , die sie in der Linken hielt , und träufelte dem Ärmsten , der sich umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte , einen Tropfen roter Flüssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge . Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz , und tiefe Finsternis , dunkler als die schwärzeste sternlose Nacht , umfing ihn . Don Giulio heulte vor Unglück und erwachte in den Armen des Banditen , der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete . » Schlimm geträumt , Herrlichkeit ! « sagte Kratzkralle . » Entsetzlich ! Mir war , ich werde geblendet . « » Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht « , meinte der Bandit . » Meine Verehrungen , Herrlichkeit ! Doch nun beurlaubt mich . « Er verbeugte sich , blieb aber stehen , wie durch eine gewisse Zärtlichkeit zurückgehalten , und begann mit bedenklicher Miene und gedämpfter Stimme » Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne Glauben schenken will , so verzieht sie sich sachte von hier in dieser gegenwärtigen Stunde noch , sucht ein Klösterlein auf – Sant Andrea in den Stauden liegt nahe , der Heilige ist gut und die dortige Brüderschaft diskret – gibt jedem Bettler , dem sie auf dem Wege begegnet , ein Goldstück , tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelübde , verschließt sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch über die lieben bedrohten Augen . Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch ! « schloß er mit Inbrunst . » Bist du so traumgläubig ? « scherzte Don Giulio , der schnell seine Sicherheit wiedergewonnen hatte . » Ich weiß , was ich weiß « , versetzte der Bandit . » Mir hat einst geträumt , ebenso eindrücklich wie Euch heute , ich ersteche meinen Schwager . Erwacht , tat ich das Mögliche von frommen Dingen ; aber es mußte nur sein . « Er grüßte tief und war weg . Offenbar hatte er es eilig , aus der Nähe eines Menschen wegzukommen , der nach seiner festen Überzeugung einem dunkeln Schicksal verfallen war . 4. Kapitel Viertes Kapitel Don Giulio erstieg langsam die Treppen und suchte , den Blick aufwärts wendend , sehnsüchtig das süße Blau , welches er im Traume für immer verloren hatte . Aber er suchte vergebens ; denn der Himmel war von den trüben Dämpfen der Julihitze gänzlich verdüstert . Als er den Fuß auf die oberste Stufe setzte , kam ihm aus der Halle des Hauses mit ungewissen Schritten der Oberrichter entgegen , bleich