. » Würde es dich nicht tief geschmerzt haben , wenn Papa dich um anderer willen hätte vernachlässigen wollen , und – « » Schweig , Kind ! « gebot Frau von Zweiflingen so rauh und heftig , daß die Tochter erschrocken verstummte . Die Kranke lehnte den Kopf kraftlos an die Stuhllehne und legte die Hand über die achtlosen Augen . » Sei nicht böse , Mama « , hob das junge Mädchen nach einer Pause wieder an ; » aber in dem Punkte kann ich mich nicht ändern – eine solche Rücksichtslosigkeit von seiten Theobalds macht mich sehr unglücklich ! Ich habe nun eben einmal meine hohen Ideale und weiß , daß alle Damen aus dem Hause der Zweiflingen zu allen Zeiten hochgefeiert gewesen sind . Lies nur unsere Hauschronik ; da wirst du finden , daß die edlen Herren in den Tod gegangen sind für die Dame ihres Herzens , und was waren ihnen Eltern und Geschwister , wenn es sich um das Wohl und die Freuden der Geliebten handelte ! Nun ja , das waren eben auch adlige Gesinnungen ! « » Du Törin ! « zürnte die kranke Frau . » Ist dieser bodenlose Unsinn das ganze Resultat meiner Erziehung ? « Sie hielt inne , denn Sievert trat eben wieder in das Zimmer . In der einen Hand trug er ein Glas frisches Wasser und in der andern die mitgebrachte weiße Papiertüte , die er Jutta hinreichte . Sie schlug das Papier auseinander – auch nicht ein Zug des Gesichts veränderte sich beim Anblick der duftenden Liebesboten , die ihre unschuldigen Köpfchen furchtlos in die Winterzeit gewagt hatten , um die an Licht , Duft und Wärme verarmten Menschen erquickend zu trösten . Es ist reizend , wenn ein junges Mädchen die vom Geliebten gesandten Blumen leise und verstohlen an ihre Lippen drückt – diese Braut aber war wohl augenblicklich zu tief gekränkt ; sie bog nicht einmal den Kopf nieder , um den süßen Duft einzuatmen ; das Papier auf dem Tisch ausbreitend , warf sie das Bukett auseinander und zog nur die Tazetten heraus ... Sievert stand noch da und hielt ihr das Glas hin ; sie stieß es zurückweisend mit der Hand weg . » Ach , dazu sind sie nicht abgeschnitten « , sagte sie verdrießlich . » Ich kann die trübe Lache in den Gläsern nicht ausstehen ! « Sie trat an den Spiegel und steckte die Tazetten diademartig in ihre Locken , und zwar so anmutig und ungezwungen , als seien die weißen Blumensterne auf das dunkle Haar geschneit . Die unglückliche Mutter war in diesem Augenblick doppelt bedauernswürdig , daß sie ihr unvergleichlich schönes Kind nicht sehen konnte ; vielleicht hätte sie über der Erscheinung den » bodenlosen Unsinn « vergessen , den die in innerer Befriedigung jetzt lächelnden Lippen vorhin so herb ausgesprochen – » sehr unglücklich « sah das Gesicht ganz gewiß nicht mehr aus . Der alte Diener warf auch nicht einen Blick auf die geschmückte Gestalt vor dem Spiegel ; aber ein böses Lächeln zog seine Mundwinkel herab , als er mit dem Glas zur Tür hinausging . Die Dichter besingen in zahllosen Variationen das vermutliche Wonnegefühl der Blumen bei ihrem Verscheiden im Haar oder an der Brust eines schönen Mädchens – der rauhe Soldat aber fluchte innerlich , daß er » die armen Dinger « so sorgsam durch Schnee und Wetter getragen , damit sie nun » elendiglich « hier umkommen sollten . Er brachte nach kurzer Zeit das Teewasser , Brot und Butter herein , und schob die kranke Frau im Lehnstuhl näher an den Tisch ; dann zog er sich in seine im Erdgeschoß des nördlichen Turmes gelegene Stube zurück . Da kam , wie allabendlich , seine Erholungszeit . Er heizte den Ofen tüchtig , stopfte sich eine Pfeife und las – astronomische Werke . Jutta schlug die feinen Spitzenmanschetten am Handgelenk zurück . Sie strich Butterbrote und bereitete den Tee . » Ich weiß nicht , mein Kind « , sagte die Blinde , das Ohr aufmerksam nach ihrer Tochter hinneigend , » es rauscht heute bei jeder deiner Bewegungen wie schwere , starre Seide – « Die junge Dame erschrak sichtlich ; ein glühendes Rot färbte für einen Augenblick Gesicht und Hals , und unwillkürlich rückte sie einen Schritt weiter aus dem Bereich der Mutter . » Hast du deine schwarzseidene Schürze vorgebunden ? « forschte die blinde Frau weiter . » Ja , Mama ! « Diese Antwort klang halberstickt , aber sie erfolgte sofort . » Merkwürdig – das Geräusch ist mir nie so aufgefallen . Hättest du über ein seidenes Kleid in deiner Garderobe zu verfügen , dann wollte ich darauf schwören , du machtest dir das lächerliche Vergnügen , im alten Waldhaus als Salondame zu paradieren ... Was hast du für ein Kleid an ? « » Mein altes braunes Wollkleid , Mama . « Das Examen war zu Ende , Jutta atmete erleichtert auf , sie klirrte beim Teetrinken mehr als nötig mit der Tasse , im übrigen aber hielt sie sich plötzlich steif und unbeweglich wie ein Wachsbild . Die Kranke genoß so viel wie nichts . Ein dünnes Schnittchen des feinen Brotes , das Sievert um ihretwillen aus Schloß Arnsberg geholt hatte , zerbröckelte zwischen ihren Fingern , kaum einige Krumen kamen über ihre Lippen sie war offenbar dem letzten Stadium ihrer Krankheit sehr nahe . » Du könntest mir etwas vorlesen , Jutta , wenn du mit deinem Abendbrot fertig bist « , sagte sie . » Der Sturm heult zu unheimlich ! « » Gern , Mama . Ich will die Sappho von Grillparzer holen . – Theobald hat sie mir gestern mitgebracht . « Ein nervöses Aufzucken durchflog die Glieder der blinden Frau . » Nein , nein ! « rief sie mit abwehrender Heftigkeit . » Weißt du , was diese Sappho ist ? Ein unglückliches , verratenes Weib ! ... Ein Sturm der qualvollsten Seelenschmerzen