und die Besorgnis , mit ihrer Beseitigung den Segen von ihrem Besitztum zu verscheuchen , beseelte sie alle , wie sich ja nur zu oft die Gottesfurcht in der egoistischen Menschenseele mit Furcht , weltliche Güter zu verlieren , identifiziert – freilich niemals eingestandenermaßen . Jetzt sah der junge Mann auf den ersten Blick , daß die Orgel verschwunden war . Stumm vor Überraschung zeigte er auf das neue , braungebeizte Feld , das sich an Stelle der Orgelpfeifen zwischen die Heiligen geschoben hatte und mit seiner ungeschmückten , glatten Holztafel seltsam genug inmitten der krausen Schnitzereien aussah . » Ja , du wunderst dich ! « sagte die Majorin , die sich eben vom Fenster wegwendete . » Das war ein heilloser Schrecken ! ... Die Pfeifen hatten freilich schon lange verschoben gestanden , aber wir hatten das nicht weiter beachtet , und da brach sie am Tage nach Veits Geburt mit einem furchtbaren Poltern in sich zusammen ... Sie war freilich immer eine spukhafte Mäuseherberge , aber es ging uns doch nahe , denn in Ehren haben wir sie alle gehalten . Die Trümmer sind auch von keiner fremden Hand angerührt worden ; der Onkel hat die Ordnung selbst wieder hergestellt – auch nicht das kleinste Brettchen ist in das Küchenfeuer gekommen . « Der junge Mann stieg auf die Galerie und öffnete das neueingesetzte Feld , das sich als eine Türe auswies . In der ziemlich tiefen dunklen Maueröffnung , die einst die Orgel ausgefüllt , waren in der Tat die Überreste sorgsam aufgeschichtet . Da lagen die zinnernen Pfeifen , die dickbäuchigen Holzengel , die sie umringt , die auseinandergesprengten Teile der Tastatur – es schien allerdings jeder Splitter so ängstlich aufgelesen worden zu sein , als hänge Unsegen und Verderbnis für das ganze Klostergut an seiner Verschleppung . Wenn der Rat ganz allein die Ordnung wiederhergestellt hatte , dann rührten auch die Reparaturen an den beschädigten Innenwänden von seiner Hand her . Felix bog sich tief in den dämmernden Raum und betrachtete ein neues Stück Bretterverschalung . » Der Onkel hat ja gleich einem Zimmermann gearbeitet ! « rief er lächelnd seiner Mutter zu , die eben hinausgehen wollte . In diesem Augenblick wurde die nach dem Hausflur führende Türe geöffnet , und ein fester Fuß trat auf die Schwelle . » Nun , was hast denn du da oben zu suchen ? « scholl es scharf , in hörbar unliebsamer Überraschung herein . Fein fuhr empor – dieser Ton in des Onkels Stimme berührte stets sein ganzes Nervensystem , wie das plötzliche Schrillen von Metall . Er sprang nichtsdestoweniger rasch die Stufen herab und reichte mit einer leichten , eleganten Verbeugung dem Eingetretenen die Hand hin . » Willst du nicht die Freundlichkeit haben , zuvor den Schrank wieder zu schließen , den du so wißbegierig durchstöberst ? « fragte der Rat abermals mit finsterem Blick , ohne die dargebotene Hand zu ergreifen . » Und seit wann ist es denn Sitte bei uns , daß du mich in meinem eigenen Zimmer bewillkommnest ? « Der junge Mann war mit einem Satz wieder zurückgesprungen und bemühte sich , die verquollene Schranktüre zuzudrücken . » Seit deine Dienstboten den Weg frei gemacht haben , Onkel , « entgegnete er nicht ohne Schärfe , über die Schulter und zeigte durch die offene Türe nach der Amme , die sich grüßend vom Stuhl erhoben hatte . » Veitchen schläft immer nur drüben ein – der Herr Rat wissen ' s ja , « sagte die Person , ihres angemaßten Rechtes sicher . Der Rat warf schweigend seinen Hut auf den nächsten Tisch . Hochgebaut , nicht breit von Schultern , aber ein Bild zäher Kraft in der ganzen Haltung , war er ein Mann , der , auf dem Hintergrund der altertümlichen Wandbekleidung , in Koller , Spitzenkragen und Federhut eine prächtige Wallensteinfigur abgegeben hätte . Das starke , kurz verschnittene , leicht übergraute Haar bog sich als scharfgezeichnete Schneppe tief in die Stirne des geistreichen , schmalen Gesichts , das Luft und Sonne mit der gesunden , braunen Haselnußfarbe angehaucht hatten . Er ging , den Schall seiner Schritte möglichst dämpfend , sofort hinüber an das Wiegenbettchen , hob mit vorsichtigem Finger den Schleier auf und bog sich horchend über das Kind . » Was ist das , Trine ? Der Kleine atmet aufgeregt – das Köpfchen scheint auch heiß zu sein , « fuhr er wie atemlos vor Bestürzung empor – dieses Männergesicht voll Selbstbewußtsein war kaum wiederzuerkennen mit dem Ausdruck zitternder Angst . » Veitchen hat sich erschreckt , Herr Rat , « sagte die Amme , die Hände über den Leib faltend , in anklagendem Tone . » Er kann eben gar keinen Lärm vertragen , und die Frau Majorin hat vorhin einen Teller auf den Erdboden fallen lassen – ich war halbtot vor Schreck und dachte mir ' s gleich , daß Veitchen krank würde – er schrie zu fürchterlich , Herr Rat ! « Der Rat schwieg und streifte mit einem finsteren Seitenblick seine Schwester , die ganz bleich vor Grimm und Ärger , langsam am Eßtisch hinging und zwecklos verschiedene Gegenstände aufnahm , um sie wieder hinzulegen . Jetzt trat sie rasch an die Wiege und befühlte die Stirn des schlafenden Knaben . » Du siehst Gespenster , – dem Kinde fehlt nichts ! « sagte sie in ihrer kurzen , entschiedenen Weise , aber wie man sah , selbst erleichtert durch das Resultat ihrer Untersuchung . » Gott sei Dank ! « rief der Rat tiefaufatmend . » Ich weiß , du verstehst dich darauf , Therese ! – Aber es wäre jedenfalls praktischer gewesen , Felix hätte oben in deinem Zimmer gegessen . Trine hat recht , Veit kann kein starkes Geräusch , nicht einmal lautes Sprechen vertragen – wir werden uns deshalb , solange dein Sohn hier ist , im vorderen Eckzimmer aufhalten ... Für jetzt muß das Kind in seine Schlafstube – die Luft hier ist