, wie man sich ein schönes Schweizermädchen denkt , dem die kräuterwürzige Alpenmilch und der reine Athem der Bergluft das Blut mischen und Adern und Sehnen vor Gesundheit strotzen machen . Eine anliegende , mit Pelz besetzte schwarze Sammetjacke bezeichnete die kräftigen , aber schön geschwungenen Linien der Taille und des Busens , und auf dem lichtbraunen Haare saß , ein wenig schief gerückt , eine Mütze von Marderfell . Das Gesicht war weit entfernt , proportioniert oder gar classisch regelmäßig zu sein – das gebogene Näschen war zu kurz im Verhältniß zur Wölbung und Breite der Stirn , der Mund zu groß , das runde Kinn mit dem Grübchen ein wenig zu kräftig vorgeschoben , der Bogen der Brauen nicht bestimmt genug , aber diese Mängel wurden aufgewogen durch die reine , von den breiten Schläfen ausgehende Ovallinie und die unvergleichliche Jugendfrische und Blüthe der Gesichtsfarbe . Die junge Dame trat in das offene Hofthor der Schloßmühle . Eine Schaar Hühner , die , einer Spur verstreuter Getreidekörner nachgehend , eben auf den Fahrweg hinausspazieren wollte , stob gackernd vor ihr auseinander , und die Hofhunde fuhren mit wüthendem Gebelle aus ihrem trägen Halbschlummer empor . Wie floß das neue Frühlingssonnenlicht goldglänzend über die Mauern des alten , prächtigen Hauses , deren gewaltige Quadern vor alten Zeiten unter den Augen des fürstlichen Erbauers aufeinander gethürmt worden waren ! Vorgestern erst war die letzte dicke Eiszacke klingend von dem aufgesperrten Löwenrachen der blechernen Dachrinne gefallen , und heute zitterte und flimmerte die Luft über dem sonnenerhitzten Schiefer des Daches . Aus den dicken , braunen Knospen der Kastanien quoll das Harz und ließ sie glitzern , als seien sie mit Diamantenstaub bestreut ; ein paar Töpfe mit halbverkümmerten Stubenpflanzen standen , zum ersten Male wieder in die laue freie Luft gerückt , vor dem einen Fenster der Knappenstube , und auf dem hölzernen , ausgetretenen Freitreppchen , das von dieser Stube direct in den Hof führte , saß ein weißbestäubter Müller und schnitt sich tüchtige Brocken von Brod und Käse . „ Mohr ! Wächter ! “ rief die junge Dame mit schmeichelnder Stimme über den Hof hinüber . Die Hunde geberdeten sich wie toll und rissen winselnd an der Kette . „ Was wünschen Sie ? “ fragte der Müller , sich schwerfällig erhebend . Sie lachte leise in sich hinein . „ Ich wünsche gar nichts , Franz , als Ihnen und Suse guten Tag zu sagen . “ Im Nu flogen Brod , Käse und Messer hinter das Treppengeländer . hinweg , mürrisch , mit herrisch polternder Stimme seine Befehle herabgerufen , er hatte sie nie geliebt . Sie war fast immer vor seinem feindseligen Blicke in Susens blanke Küche oder zu Franz geflüchtet , und doch dachte sie mit bitterer Wehmut seiner und wünschte , er möge wieder da herabsteigen mit den wuchtigen Tritten , unter denen die Treppenstufen geächzt ; vielleicht fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Gesichte , das , wie sie nun wußte , hauptsächlich Geldstolz und Protzentum so abstoßend gemacht hatten ; vielleicht wäre er jetzt auch milder und zugänglicher , weil sie der Großmutter ähnlich geworden . Sie fand die Thür der Eckstube droben verschlossen , aber aus dem schmalen Gange , der das Hintergebäude mit dem Vorderhause verband , scholl Susens weinerlich klagende Stimme . Ach ja , dort war die Schlafkammer der alten Jungfer , das dunkle Stübchen mit den runden , in Blei gefaßten Fensterscheiben und der Aussicht auf das graue Schindeldach eines Holzschuppens und das niemals trocknende Pflaster des Seitenhöfchens . Sie schüttelte unwillig den Kopf und betrat den Gang . Eine heiße , dumpfe , mit Rauch erfüllte Krankenluft schlug ihr beim Oeffnen der Thür entgegen , und dort in dem häßlichen Zwielicht , welches das erblindete , fahlgrüne Fensterglas verbreitete , stand ein Mann , mit dem Rücken ihr zugewandt . Er war sehr groß – er überragte sie offenbar um ein Bedeutendes – und breit von Schultern . Jedenfalls war er im Begriffe , zu gehen , denn er hielt Hut und Stock in der Hand … Ah , das war also Doktor Bruck , von welchem Schwager Moritz vor acht Monaten , bei Gelegenheit der Verlobungsanzeige geschrieben hatte , daß er ihre schöne Schwester Flora schon als Gymnasiast heimlich geliebt , selbstverständlich aber damals nicht gewagt habe , zu dem geistreichen , hochgefeierten Mädchen emporzusehen , und nun sei er doch am schwererkämpften und errungenen Ziel – das war er also . Sie hatte seitdem die Verlobung eigentlich wieder vergessen , und auch während ihrer Herreise war ihr nicht ein einziges Mal eingefallen , daß sie ja ein Glied der Familie mehr vorfinden würde . Hatte das Seidenkleid der jungen Dame gerauscht – die angelehnte Thür hatte sich vollkommen geräuschlos in ihren Angeln gedreht – oder wehte ein reinerer Luftstrom mit ihr herein , die in der That so frühlingsfrisch auf die Schwelle trat , als gehe der Veilchenhauch , den man bereits in den letzten Märztagen zu spüren meint , von ihr aus – der Arzt drehte sich rasch um . „ Doktor Bruck ? Ich bin Käthe Mangold , “ sagte sie , sich kurz und flüchtig vorstellend ; dabei ging sie rasch an ihm vorüber und streckte Suse , die , in Bettkissen gepackt , zusammengekrümmt auf einem Lehnstuhle hockte , beide Hände entgegen . Die Alte starrte sie mit blöden Augen an . „ Ich komme da herein , wie vom Himmel geschneit , nicht wahr , Suse ? Aber gerade zur rechten Zeit , wie ich sehe , “ sagte sie und strich der Kranken die unordentlich um die Stirn hängenden greisen Haare unter die Nachthaube . „ Wie kömmt es , daß ich Dich hier finde , in dieser elenden Hinterstube ? Der Ofen raucht , und bei aller Glut , die er ausströmt , sitzen die Moderspuren an den Wänden . Hat man Dir nicht gesagt , daß Du in der Eckstube wohnen und im