es sich bei dieser Vermählung wie um ein Geschäft handelte ; er war selbst zu sehr Weltmann und Kavalier , um ein solches Uebereinkommen nicht ganz in der Ordnung zu finden ; aber die spukhafte Einsamkeit ging dem kleinen Beweglichen denn doch » über den Spaß « – es lief ihm fröstelnd über den Rücken , und er atmete ängstlich auf , als endlich der Flügel der gegenüberliegenden Thür feierlich langsam zurückgeschlagen wurde . Von Ulrike gefolgt , trat die Braut am Arme ihres Bruders ein . Der Schleier fiel über ihr Gesicht bis auf die Brust herab , vom Hinterkopfe aber wallte er auf den Saum des weißen Tüllkleides nieder , das in strenger Einfachheit am Halse schloß und nur mit einigen Myrthenzweigen besteckt war – da war kein Faden der silberstrotzenden Robe zu sehen ; die einfachste Bürgerbraut konnte nicht bescheidener geschmückt sein . Sie kam mit gesenkten Augen näher und bemerkte so weder den großen , befremdeten Blick , mit welchem Baron Mainau sie maß , noch den darauffolgenden spöttisch mitleidigen Ausdruck in seinen Zügen – aber die schauerte in sich zusammen , als ihre Mutter in jähem Schrecken auf sie losfuhr . » Was soll das heißen , Mädchen ? Wie siehst du denn aus ? Bist du toll ? « Das war der Weihespruch , mit welchem die ergrimmte Frau das junge Mädchen auf seinem ernsten Gange begrüßte . Sie war so empört und vergaß sich so weit , daß sie die Hand hob , um die Tochter über die Schwelle zurückzuschieben . » Du gehst sofort auf dein Zimmer und machst andere Toilette « – sie verstummte unwillkürlich ; Baron Mainau hatte die dräuende Hand erfaßt ; er schwieg , aber mit Blick und Gebärde verbat er sich so energisch jegliche weitere Auslassung , daß sich schlechterdings nichts mehr sagen ließ . Hinter einem der zurückgeschlagenen Thürflügel belauschte die alte Lene mit stockendem Atem den Vorgang und wartete nun mit wahrer Inbrunst auf den Moment , wo der Bräutigam ihre » schöne , schlanke Gräfin « in seine Arme nehmen und herzhaft küssen werde ; » aber dem Stock , dem steifen Peter « fiel das gar nicht ein – mit einigen freundlichen Worten zog er die herabhängende Hand der Braut so leicht und flüchtig an seine Lippen , als fürchte er , sie zu zerbrechen – dabei überreichte er ihr ein prachtvolles Boukett . » Blumen haben wir selber , « grollte die Alte und ließ ihren Blick den Korridor entlang schweifen , den sie dick mit Tannengrün und Blumen bestreut hatte ... Gleich darauf rieselte das verhängnisvolle Tüllkleid über alle die Monatsrosen und Geraniumblüten , und die Gräfin Mutter , welche nach Fassung ringend am Arm des bestürzten Herrn von Rüdiger dem Brautpaar folgte , kehrte mit ihrer schweren Samtschleppe die armen Dinger auf einen Haufen zusammen ... Die steinernen Apostelköpfe , die Kanzel und Altar der Rudisdorfer Schloßkirche umkreisten , hatten wohl oft auf ein blasses , freudloses Brautgesicht niedergesehen , hatten manchmal das » Ja « von männlichen Lippen leidenschaftslos und kaltgeschlossen aussprechen hören – denn es war niemals Sitte im Trachenberger Hause gewesen , die Töchter um ihre Meinung zu befragen , noch der » sentimentalen Liebe « irgend welche Berechtigung zuzugestehen – aber noch nie war eine Trauung so ohne Sang und Klang vollzogen worden . Der Bräutigam hatte sich alle müßigen Zeugen und Gaffer ernstlich verbeten . Was würden sie auch alles zu flüstern gehabt haben über den schönen Mann , der allerdings ritterlich galant seine Braut führte , aber keinen Blick für die hatte ! Nur einmal , als sie knieend den Segen empfing , schien es , als gleite sein Auge momentan gefesselt an ihr nieder – ihre Flechten hingen über die Schultern hinab und lagen lang und schwer , wie träge , in rotem Gold funkelnde Schlangen , neben ihr auf dem weißen Steingetäfel des Fußbodens . Und nach der Zeremonie , wie trieb der Mann zur Eile ! Der Geistliche hatte zu lange gesprochen , und der nächste Zug sollte um keinen Preis versäumt werden ... Noch während der Trauung waren einzelne Regentropfen gegen das bunte Glas der Kirchenfenster geflogen – die einzige Musik , welche flüsternd die Einsegnungsformel begleitet hatte – nun brach die Sonne durch das zerflatternde Grau droben ; sie entzündete in der bleifarbenen Fontänensäule tausend zuckende Lichter ; sie lief durch die dunkle feuchtatmende Allee , über das wogende Gras hin und wischte mit ihrem Feuersaum die Thränentropfen von den Blumenblättern ; aber sie funkelte auch in den getriebenen Löwenköpfen des mächtigen silbernen Eiskübels , der mit der ganzen Anmaßung einer glanzvollen Vergangenheit im Gartensalon neben dem Frühstückstisch stand – er konnte freilich nicht wissen , daß mancher alte , brave Kamerad , der Jahrhunderte hindurch neben ihm im Silberschranke gestanden , inmitten der Eisstücke und unter der Cliquot-Etikette vergeistigt moussierte ... Man nahm das Frühstück stehend ein . Die drei Geschwister aber rührten keinen Bissen an und beteiligten sich auch nicht an dem Gespräche , das der Geistliche angeregt . Sie standen zusammen und sprachen halb flüsternd , und Graf Magnus hielt mit thränenverschleiertem Blick Lianens Hand – erst in diesem Augenblicke schien sich der stille , menschenscheue Gelehrte bewußt zu werden , was er verlor . » Juliane , darf ich bitten ? – Es ist Zeit ! « sagte plötzlich Baron Mainau in das Stimmengesurr hinein – er war an die Braut herangetreten und hielt ihr seine Uhr hin , die ihre kalten Brillantblitze über sie hinschleuderte . Sie fuhr erschrocken zusammen – zum erstenmal wurde sie von dieser Stimme beim Namen genannt ; er sprach ihn mit freundlicher Zuvorkommenheit aus , dennoch – wie hart , wie fremd klang er ihr in seiner Unverkürztheit ! Selbst die strenge , liebeleere Mutter hatte sie nie so gerufen ... Sie verbeugte sich leicht gegen ihn und die Anwesenden und verließ , von Ulrike begleitet , den Salon . Schweigend , aber wie gejagt , eilten die Schwestern