Hilsborn , vorstelle ? Sie wissen , er verlor vor einigen Mo ­ naten seine Mutter und ist nun mein Adoptivkind . “ Die Staatsrätin reichte dem Knaben die Hand und sprach mit tiefem Gefühl : „ Wenn ich auch Ihre Frau , Mutter nicht kannte , so beklage ich sie doch aufs Innigste , daß sie von hinnen mußte , bevor sie einen Augenblick er ­ leben konnte — wie der ist , den mir eben Ihr Pflege ­ vater durch seine Nachricht bereitet ! “ Dem sanften Knaben traten bei diesen Worten die Tränen in die Augen . „ Denken Sie , meine Freunde “ , sagte die Staatsrätin nun zu der Gesellschaft gewendet , „ Johannes hat mir den Tag seines Examens verheimlicht , um mich zu überraschen , ich erriet es erst diesen Nachmittag aus einigen unvorsichtigen Worten meines Bruders Soeben bringt mir nun unser verehrter Geheimrat Heim die Nachricht seiner Promotion . “ Die Gäste drängten sich teilnehmend und glückwünschend um die stolze Mutter , welche das Gefühl , das sie bewegte , in ein stilles Gebet zusammenfaßte , während sie mechanisch auf die schönen Redensarten der Gesellschaft antwortete . — „ Aber , liebe Möller “ , sagte eine Frau Landrätin2 boshaft , das ist doch ein wenig eigenmächtig von Ihrem Johannes , Sie nicht einmal den Tag seines Examens wissen zu lassen — darauf hat doch die Mutter ein heiliges Recht , solche Stunden mit dem Sohne zu teilen ! “ „ Wer die Rechte einer Mutter so heilig hält , wie mein Sohn es tut “ , erwiderte die Staatsrätin mit edlem Ernst . „ der darf sich wohl so etwas erlauben ! Er wollte mir einige Stunden der Angst dadurch ersparen und ich danke es ihm . “ — „ Die Frau ist ganz blind in den Sohn vernarrt ! “ flüsterte die Landrätin einer Freundin zu . „ Sie wird noch völlig kindisch vor mütterlicher Eitel ­ keit “ , — bemerkte eine andere . „ Wie kann man aber auch seinen Sohn studieren lassen , wenn man so reich ist , wie die Staatsrätin ! “ meinte die Landrätin . „ Ja , ja ! “ stimmten Mehrere bei , „ der hätte es doch wahrlich nicht nötig , sich sein Brot auf diese Art zu ver ­ dienen ! Hätte sie ihn Offizier werden lassen , — Schade um den schönen jungen Mann ! “ „ Ja , ja “ , rief der alte Geheimrat zu den Damen hinüber , als habe er nur die letzten Worte gehört , „ der Johannes ist ein Mann — ein Mann mit kaum zwanzig Jahren ! Aber nur eine solche Mutter kann auch einen solchen Sohn erziehen ! “ — Dabei klopfte er die Staatsrätin wohlwollend auf die Schulter . „ Sie sind ein Freund , wie ich ihn jeder alleinstehenden Frau wünsche , Sie sind das beste Vermächtnis meines seligen Mannes “ , sagte sie , ihm dankbar die Hand reichend . „ Aber wo bleibt Johannes , warum kommt er nicht mit Ihnen ? “ „ Er trug mir auf , seine Ankunft einstweilen für heute Abend anzumelden “ , erwiderte der alte Herr . „ Er muß heute Nachmittag noch einige Besuche machen . Puh “ , seufzte er , während ihm die Staatsrätin eine Erfrischung reichte , „ ’ s ist ein heißer Weg von der Stadt da heraus , ein langweiliger , — aber hier ist ’ s um so kühler und kurzweiliger . “ Er wischte sich die Stirne und schaute heiter im Kreise umher mit jenem freund ­ lichen , durchdringenden Blick , der Männern eigen ist , welche die Schwächen der Menschen durchschauen , aber mit dem Humor eines überlegenen Naturells auffassen . „ Nun , meine Damen “ — fragte er gutmütig — „ hat der alte Doktor eine recht anziehende Unterhaltung ge ­ stört ? Sie sitzen ja Alle so stumm da , daß ich mir un ­ möglich denken kann , dieser Zustand sei ein normaler und andauernder bei Ihnen ; wovon war denn die Rede , als ich kam ? “ „ O , von nichts Anziehendem , Herr Geheimrat “ — sagte die Landrätin verdrießlich , „ wir sprachen nur über Herrn von Hartwich und dessen Bruder , welcher schlechte Streiche gemacht haben soll , von denen man leider nichts Genaueres weiß “ , „ O , darüber , meine Herrschaften , kann ich Ihnen Aufschluß geben “ , sagte der Geheimrat . Alle drangen auf ihn ein : „ O , erzählen Sie , bitte , erzählen Sie ! “ Der Geheimrat begann : „ Ich war noch in Marburg Professor der Medizin , als jene denkwürdige Geschichte sich ereignete . Es mögen jetzt zehn Jahre her sein . Gleißert war damals extraordinarius bei uns und ein junger Mann von vielen Fähigkeiten . Durch Fleiß und ein feines , einschmeichelndes Benehmen hatte er sich bald unser Aller Zuneigung gewonnen und einer unserer Kollegen , Namens Hilsborn , der Vater des Knaben , den ich mir heute mitzubringen erlaubte , schloß sogar eine intime Freundschaft mit ihm . Sie waren Fachgenossen und Hilsobrn bekleidete die Professur , nach welcher Gleißert strebte . Beide waren Physiologen , aber Hilsborn hatte dem Lehrstuhl der speziellen Physiologie und Gleißert las als extraordinarius nur physiologische Chemie . Eines Tages vertraute mir Hilsborn an , daß er auf der Spur zu einer neuen Entdeckung sei . Seine Ideen konnten von hoher Bedeutung für die Wissenschaft werden , wenn es ihm gelang , sie durchzuführen und nach allen Seiten hin zu begründen . Die Schwierigkeit lag vorzugsweise in der Erlangung des zu den Versuchen nötigen Materials , einer Gattung von Fischen , welche nur bei Triest zu finden und nicht lebendig zu versenden war . Hilsborn , als Sohn einer armen Wittwe , klagte darüber , daß er nicht die Mittel besitze , dorthin zu reisen und seine Idee zu verwerten . Ich versprach