der jungen Frau und nahm dann an einer Hand den Knaben und an der andern ihr Lieschen und führte sie auch hinein , und beide Frauen , die alte und die junge , liebkosten die kleinen vaterlosen Kinder , bis das blonde Mädchen endlich die Aermchen um den Hals der alten Frau schmiegte und der Knabe mit aufleuchtenden Augen den Apfel ergriff , den sie ihm hinhielt . Und als sie dann wieder heimwärts trippelten über den Mühlsteg , der Bruder das Schwesterchen sorgsam führend und Beide immer wieder die Köpfchen wandten und zurücknickten , da preßte die junge Frau ihr Töchterchen an das Herz , und indem ihr große Thränen aus den Augen perlten , sagte sie : „ Heute Abend müssen wir dem lieben Gott recht danken dafür , daß Du noch einen Vater hast , einen so guten , lieben ; schau die beiden Kinder da – die haben nun keinen Vater mehr , und es fehlt ihnen sonst noch viel , so viel ! “ Von dem Tage datirte die Freundschaft zwischen Lumpenmüllers Lieschen und den Derenberg ’ schen Kindern . Auf der Mühle war indeß das Leben behaglich weiter geflossen . Lieschen blühte immer holder auf , sie war ein kluges Mädchen geworden und lernte fleißig . Der Herr Pastor , des Vaters Freund und ihr Pathe , unterrichtete sie , und die Frau Pastorin sprach französisch mit ihr und lehrte sie singen . Wenn sie mit ihrer schmiegsamen nicht starken Altstimme die alten Volkslieder der Heimath sang , dann wurden der Muhme die Augen feucht : „ Grad wie die Lisette ! “ sagte sie halblaut vor sich hin . Daß der Army , nun er ein großer Officier geworden , die Mühle nicht wieder besucht hatte , wunderte die alte Frau kaum . „ ’ S ist der Großmutter Blut , “ sagte sie . Aber Lieschen wollte nicht glauben , daß Army stolz geworden sein könnte , derselbe Army , mit dem sie noch vor gar nicht langer Zeit so unbefangen gelacht ; sie mußte ihn selbst fragen – sie machte sich auf nach dem Schlosse . Und sie traf die Geschwister an der großen Linde ; Army stand im Begriff abzureisen , aber es war ja so leicht aufgeklärt : er mußte so plötzlich fort , sonst wäre er sicher gekommen . Als sie dann wieder in der warmen Stube vor der alten Frau stand , die eifrig spann , da sagte sie : „ Siehst Du , Muhme , es ist gar nicht wahr , daß der Army stolz ist ; er hat nicht kommen können , weil er ganz eilig wegfahren mußte , – ich wußte es ja . “ „ So ? “ fragte die alte Frau . „ Ja ! Du böse Muhme hast mich ordentlich erschreckt , Du – “ schmollte sie . „ Na , das Ei ist jo immer klüger als das Huhn , “ erwiderte diese . „ Also Nelly hat gesagt , er hätte kommen wollen ? “ „ Ja , und Nelly lügt nicht . “ „ Nelly ist ein gutes Kind ; ich freue mich immer , wenn sie kommt ; sie hat das Derenberg ’ sche Gesicht und Gemüth , – das waren kreuzbrave Leute , die Derenbergs , bis die – – “ Sie schwieg . „ Was meinst Du Muhme ? “ „ Na , wenn der Teufel die Leut ’ verderben will , so ist er schön wie ein Engel . “ „ Was sagst Du ? “ „ Nichts sage ich , das ist nur so für mich , aber glauben kannst Du ’ s , Liesel , was der Herr Pastor am Sonntag von der Kanzel geredet hat : ‚ Unser Gott ist ein gerechter Gott , ‘ das ist ein wahr Wort , und nun guck mich nicht so verwundert an ! Geh ’ lieber einmal an die zweite Ofenröhre ! Da liegen die schönsten Bratäpfel für Dich . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 42 , S. 689 – 692 Fortsetzungsroman – Teil 3 [ 689 ] 4. Zwei Jahre und einige Monate waren darüber in ’ s Land gegangen . Nun war es ein Abend im Mai . Durch das geöffnete Fenster drang eine weiche berauschende Luft in das kleine Zimmer der Muhme ; der Wind bewegte die jungen Blätterranken des Weines , der das Fenster einrahmte , und der Mond warf sein weißes Licht hell auf die sauberen Dielen , auf die einfachen Möbel des traulichen Stübchens und beleuchtete voll das runzlige Gesicht der alten Frau , welche , die fleißigen Hände in den Schoos gelegt , am Fenster saß und in den Garten hinaus schaute , in dem just die Apfelbäume und der Flieder in vollster Blüthe standen . Die Muhme hielt ihr Feierstündchen ; Licht durfte jetzt an den längeren Abenden nicht mehr angezündet werden ; das war alter , guter Brauch in ihrer Heimath , und der Mensch ruht doch auch gern einmal , nicht nur mit seinen Händen , auch mit den Gedanken . Eigentlich ruhten diese nun wohl nicht , denn sie schweiften weit hinaus in die Vergangenheit , in ferne , schöne Tage , und das war eine Freude , eine Erholung , wenn nach des Tages Last und Hitze nun die Dämmerstunde kam . Im Hause war Alles wohl beschickt und besorgt ; die Gegenwart verschwand an diesem duftigen Frühlingsabend vor den Blicken der alten Frau , und die Jugendzeit tauchte vor ihr auf , duftig und mondbeschienen , wie die Welt da draußen . Die Muhme faltete die Hände und wandte den Kopf zurück nach dem Zimmer ; ihre Blicke richteten sich auf ein Bildchen über der Kommode , das im hellen Mondeslichte die Silhouette eines Männerkopfes zeigte . „ Ja , ja , mein Christian ,