di bloß ne halfstock holen mütt ! - aber er jagte ihn von dannen , kletterte über das Schwert und schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück . Im Osten glomm der Lichtschein von Hamburg auf , der dem Landfremden eine weit entfernte , ungeheure Feuersbrunst vortäuscht . Da dachte Klaus Mewes an die alte Fischfrau Beeken Focken , die 1842 schon verheiratet gewesen war : so alt war sie . Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren braunen , knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und gesagt : viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht angesehen : nun wäre Hamburg schon so groß , daß es jede Nacht einen so großen Brand hätte . » Jä , Beeken , dat magst du woll seggen : bi de veelen Wirtschaften « , hatte er lachend geantwortet . Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen . » Neem is Störtebeker , Seemann ? Such ! Such ! « rief er hastig . Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen , daß er verstanden hatte , und setzte sich gemächlich in Bewegung . Er schwankte von dem langen Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der andern , wenn er lief . Klaus wußte schon Bescheid , es ging nach der Neßkule , in der der Kahn lag : der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug , das etwas ziepte . Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war nicht abgeleint wie sonst , der Riemen lag dwars , und kein Junge war dabei : jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann , der auf der Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte , und er lief in Sprüngen den Deich hinab . » Klaus ! « Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken . » Hier bün ik , Vadder , wat schall ik ? « rief Störtebeker , und eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme , die den Schleusengraben wie Gespenster umstanden . Taumelnd kam sie näher und wäre umgeschossen , wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte . » Wat is dor los , Störtebeker ? Wat fehlt di ? Büst du krank ? « Der Junge sah blaß aus , aber er lächelte doch schon wieder verloren . » Jo , Vadder , ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen . « » Wat kummt dat denn ? « Der Junge wies nach seinem grünen Kahn . » Ik will mi seefast moken , Vadder , wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk . Un Jakob Husteen hett to mi seggt , denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln . Örk , örk - wat bün ik nu slecht toweg , Vadder , wat hebb ik förn bittern Gesmack innen Mund ! « Klaus wollte lachen , lachen , lachen , - er konnte es aber nicht , weil ihn die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte , der so lange mit dem Kahn dümpelte , bis ihm schwindelig wurde , nur um sich seefest zu machen . » Jä , Störtebeker , so geiht dat buten den ganzen Dag ! Nu wullt doch gewiß ne mihr mit no See , wat ? « Aber der Junge nickte herzhaft und sagte : » Doch , Vadder ! Morgen dümpel ik wedder , un offermorgen un den Dag , de denn kummt , ok , bit ik ne mihr düsig ward un mi ne mihr breken mütt ! Ik will mi doch to Sommer van Kap Horn un Hein Mück nix utlachen loten ! « Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art , nahm seinen Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück . In der Dönß brannte schon die Lampe . Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten , sagte Klaus halblaut : » Brukst Mudder dor ober nix van to seggen , hürst ? « » Segg du man nix , Vadder : ik will woll swiegen « , flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen , möglichst weit von der Lampe , bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus , um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen , die gleich in richterlichem Ton fragte : » Non , neem kommt ji denn her ? « » Wi sünd mol no de Neßkul wesen « , berichtete Klaus Mewes der Wahrheit gemäß . » Hest du ok natte Strümp , Klaus ? « » Ne , Mudder , knokendreug ! « » Lot mol feuhlen ! De un dreug ? De leckt jo vör Nattigkeit . Gliek treckst jüm ut ! « Störtebeker machte ein saures Gesicht , aber er freute sich doch , daß sie weiter nichts merkte , und wischte heimlich die letzten Spuren des Seefestigkeitskursus ab . Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen , dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend . Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den Roman : » Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne « mit aufgestützten Ellbogen . Wenn er dabei an Stellen kam , die ihm behagten , so nickte er anhaltend mit dem Kopfe , wogegen er bei Kapiteln , die nicht nach seiner Klitsch waren , ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte . Ja , man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen , denn wenn er von Wind oder Sturm las ( und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle drei Seiten ! ) , so pustete er leise vor sich hin , las er von Liebe , so strich er sich über die Backen , gab es eine Mordgeschichte zu kauen ,