auch überflüssig , denn er ist manchmal innerlich zerrissen , und dann erzählt er aus eigenem Antrieb von ihr . Man tut am besten , ergriffen zu schweigen . Die irdische Liebe kann natürlich wechseln , die himmlische bleibt im allgemeinen dieselbe . Ich bin , soweit ich mich erinnern kann , immer nur die irdische gewesen . Man hat mir erzählt , daß die irdische manchmal sehr böse wird , weil die andere ihm in seelischer Beziehung mehr bedeutet . Ach du liebe Zeit , seelische Eifersucht ist nun vollends nicht meine Sache . Man lasse doch seine Seele unvermählt ! - Im Gegenteil , man denkt nicht ohne Vergnügen , die himmlische hätte allen Grund eifersüchtig zu sein . Sie ist es auch gewiß . Die himmlische Liebe ist meistens eine verheiratete Frau . Entweder ist sie mit ihrem Mann nicht glücklich geworden und hat dann erst den anderen kennengelernt . Oder sie kannten und liebten sich schon vorher , und aus einem oder dem anderen zwingenden Grunde hat sie ihn nicht geheiratet . Die beste Konstellation ist , wenn sie sich erst zu spät darüber klar wurden , daß sie für einander geschaffen waren - überhaupt irgendein unseliges : zu spät , das nun seinen Schatten auf beider Leben wirft . Manchmal - seltener - ist es auch ein junges Mädchen , das er später einmal heiraten will . Die mit der himmlischen Liebe sind also eigentlich die monogamen Männer oder solche , die es werden möchten . Sie vertiefen sich mit großem Interesse in das Leben der unmonogamen Frau und zittern in dem Gedanken , die himmlische Liebe könne auch einmal ähnlich empfinden . Teurer Freund , ich renommiere gerne damit , daß man mich niemals versetzt hat , aber bei dieser Gelegenheit fällt mir aufs Herz , daß mein blanker Schild doch wohl einen Flecken aufzuweisen hat . Einmal - ja , einmal hat eine himmlische Liebe mich zu Fall gebracht . Sie war zu stark , und er fühlte sich dem Zwiespalt nicht mehr gewachsen , konnte mir nicht länger angehören , weil er immer an diese Frau dachte , die ihm nie angehören würde . Das teilte er mir sehr betrübt mit , und für mein einfaches Gemüt war es entschieden zu kompliziert . Ich gab mir alle Mühe , es tragisch zu nehmen , denn ich hatte ihn sehr gern , aber ich empfand im Grunde doch nur etwas Ähnliches wie : Guter Junge ! es regnet ! - Und als ich ihn nach einiger Zeit wiedersah , konnte ich ihn nicht mehr ausstehen , er fiel mir nur noch auf die Nerven . - Halten Sie es für möglich , daß das am Ende doch Eifersucht war ? 9 Mir geht es ebenso , lieber Doktor - weder Ihnen noch mir selbst weiß ich das Rätsel zu lösen , warum ich so lange in der Regenstadt hängengeblieben bin . Ich konnte mich einfach nicht wieder fortfinden . Das passiert mir eben hier und da . - Es war so von Herzen langweilig , immer dieselben grauen Straßen , dieselben beschaulichen Nachmittagsstunden in unserem Tea-room vor dem Kamin - immer dieselben Menschen - nein , das stimmt nicht ganz , es waren auch manchmal andere . Aber gerade in all dieser grauen Langeweile lag etwas , wovon ich mich nicht trennen konnte - etwas von Abgeschiedenheit und Klosterfrieden . Ja , das war es wohl - ich habe es so oft bedauert , daß es nicht mehr Mode ist , von Zeit zu Zeit ins Kloster zu gehen und eine Retraite zu machen wie in früheren Zeiten . Denken Sie , wie schön es sein muß , wenn man müde vom sündigen Welttreiben , tief verschleiert und in tiefes Schwarz gekleidet , aus dem Wagen steigt , an der Klosterpforte läutet und von einer milden Äbtissin empfangen wird - um ein paar Wochen gründlich auszuschlafen . Die Regenstadt war so eine Art Retraite für mich - wenigstens in den letzten Wochen . Aber jetzt hat sie lange genug gedauert - ich bekomme manchmal sentimentalische Anwandlungen . So verfolgt mich dieser Tage ein Vers - in meiner Backfischzeit schrieb ein Onkel , den ich sehr liebte , ihn mir ins Stammbuch : Stehe aufrecht an dem Steuer - Mit dem Schiff laß spielen Wind und Wellen - Wind und Wellen nicht mit deinem Herzen - und darunter : einer , der dich kennt . Mir scheint , der Onkel hat mich doch nicht sehr gut gekannt , sonst hätte er sich die Mahnung wohl von vornherein sparen können . - Wind und Wellen haben seit damals ganz erheblich sowohl mit dem Schiff als auch mit dem Herzen gespielt - und das Steuer - ich fürchte , es war überhaupt eine überflüssige Einrichtung , ich habe nie versucht , es in Tätigkeit zu setzen . Auch jetzt schwanke ich wieder einmal , wohin die Fahrt gehen soll . Manchmal hatte ich schon beinahe Lust , in die heimischen Gefilde zurückzukehren . Natürlich vor allem , um Sie durch meine Nähe zu beglücken . Aber Sie wissen ja , ich habe die schlechte Gewohnheit , bei jeder Abreise meine jeweilige Daseinsform aufs gründlichste aufzulösen , und muß mich dann bei der Rückkehr von neuem etablieren . Dazu bin ich jetzt nicht aufgelegt - absolut nicht . Wissen Sie auch , Doktor , daß es verschiedene Heimwehs gibt ? Eines nach der wirklichen Heimat , vorausgesetzt , daß man eine gehabt hat - das ist recht zwecklos und gibt sich auch mit der Zeit . Dann ein Gewohnheitsheimweh , nach dem Ort oder den Orten , wo man länger gelebt hat . Und schließlich ein ganz starkes nach der Fremde , nach Eisenbahnen , Dampfschiffen , fremden Sprachen , Koffern und Hotels . Ich weiß , wenn das alles wieder um mich ist , fühle ich mich zu Hause , und zu Hause ohne alle Sentimentalität . Kurz , lieber Freund , dahin steht jetzt mein