Mensch hats gesehen . Im übrigen behandeln sie mich wie einen Herrn . Es muß nur jemand in der Nähe sein , dann tun sie sogar untertänig . Tun , als ob ich einen Pelz anhätte und mein Wagen hinter mir herführe . Manchmal gebe ich ihnen zwei Sous und zittere , sie könnten sie abweisen ; aber sie nehmen sie an . Und es wäre alles in Ordnung , wenn sie nicht wieder ein wenig gegrinst und gezwinkert hätten . Wer sind diese Leute ? Was wollen sie von mir ? Warten sie auf mich ? Woran erkennen sie mich ? Es ist wahr , mein Bart sieht etwas vernachlässigt aus , und ein ganz , ganz klein wenig erinnert er an ihre kranken , alten , verblichenen Bärte , die mir immer Eindruck gemacht haben . Aber habe ich nicht das Recht , meinen Bart zu vernachlässigen ? Viele beschäftigte Menschen tun das , und es fällt doch niemandem ein , sie deshalb gleich zu den Fortgeworfenen zu zählen . Denn das ist mir klar , daß das die Fortgeworfenen sind , nicht nur Bettler ; nein , es sind eigentlich keine Bettler , man muß Unterschiede machen . Es sind Abfälle , Schalen von Menschen , die das Schicksal ausgespieen hat . Feucht vom Speichel des Schicksals kleben sie an einer Mauer , an einer Laterne , an einer Plakatsäule , oder sie rinnen langsam die Gasse herunter mit einer dunklen , schmutzigen Spur hinter sich her . Was in aller Welt wollte diese Alte von mir , die , mit einer Nachttischschublade , in der einige Knöpfe und Nadeln herumrollten , aus irgendeinem Loch herausgekrochen war ? Weshalb ging sie immer neben mir und beobachtete mich ? Als ob sie versuchte , mich zu erkennen mit ihren Triefaugen , die aussahen , als hätte ihr ein Kranker grünen Schleim in die blutigen Lider gespuckt . Und wie kam damals jene graue , kleine Frau dazu , eine Viertelstunde lang vor einem Schaufenster an meiner Seite zu stehen , während sie mir einen alten , langen Bleistift zeigte , der unendlich langsam aus ihren schlechten , geschlossenen Händen sich herausschob . Ich tat , als betrachtete ich die ausgelegten Sachen und merkte nichts . Sie aber wußte , daß ich sie gesehen hatte , sie wußte , daß ich stand und nachdachte , was sie eigentlich täte . Denn daß es sich nicht um den Bleistift handeln konnte , begriff ich wohl : ich fühlte , daß das ein Zeichen war , ein Zeichen für Eingeweihte , ein Zeichen , das die Fortgeworfenen kennen ; ich ahnte , sie bedeutete mir , ich müßte irgendwohin kommen oder etwas tun . Und das Seltsamste war , daß ich immerfort das Gefühl nicht los wurde , es bestünde tatsächlich eine gewisse Verabredung , zu der dieses Zeichen gehörte , und diese Szene wäre im Grunde etwas , was ich hätte erwarten müssen . Das war vor zwei Wochen . Aber nun vergeht fast kein Tag ohne eine solche Begegnung . Nicht nur in der Dämmerung , am Mittag in den dichtesten Straßen geschieht es , daß plötzlich ein kleiner Mann oder eine alte Frau da ist , nickt , mir etwas zeigt und wieder verschwindet , als wäre nun alles Nötige getan . Es ist möglich , daß es ihnen eines Tages einfällt , bis in meine Stube zu kommen , sie wissen bestimmt , wo ich wohne , und sie werden es schon einrichten , daß der Concierge sie nicht aufhält . Aber hier , meine Lieben , hier bin ich sicher vor euch . Man muß eine besondere Karte haben , um in diesen Saal eintreten zu können . Diese Karte habe ich vor euch voraus . Ich gehe ein wenig scheu , wie man sich denken kann , durch die Straßen , aber schließlich stehe ich vor einer Glastür , öffne sie , als ob ich zuhause wäre , weise an der nächsten Tür meine Karte vor ( ganz genau wie ihr mir eure Dinge zeigt , nur mit dem Unterschiede , daß man mich versteht und begreift , was ich meine - ) , und dann bin ich zwischen diesen Büchern , bin euch weggenommen , als ob ich gestorben wäre , und sitze und lese einen Dichter . Ihr wißt nicht , was das ist , ein Dichter ? - Verlaine ... Nichts ? Keine Erinnerung ? Nein . Ihr habt ihn nicht unterschieden unter denen , die ihr kanntet ? Unterschiede macht ihr keine , ich weiß . Aber es ist ein anderer Dichter , den ich lese , einer , der nicht in Paris wohnt , ein ganz anderer . Einer , der ein stilles Haus hat im Gebirge . Der klingt wie eine Glocke in reiner Luft . Ein glücklicher Dichter , der von seinem Fenster erzählt und von den Glastüren seines Bücherschrankes , die eine liebe , einsame Weite nachdenklich spiegeln . Gerade der Dichter ist es , der ich hätte werden wollen ; denn er weiß von den Mädchen so viel , und ich hätte auch viel von ihnen gewußt . Er weiß von Mädchen , die vor hundert Jahren gelebt haben ; es tut nichts mehr , daß sie tot sind , denn er weiß alles . Und das ist die Hauptsache . Er spricht ihre Namen aus , diese leisen , schlankgeschriebenen Namen mit den altmodischen Schleifen in den langen Buchstaben und die erwachsenen Namen ihrer älteren Freundinnen , in denen schon ein klein wenig Schicksal mitklingt , ein klein wenig Enttäuschung und Tod . Vielleicht liegen in einem Fach seines Mahagonischreibtisches ihre verblichenen Briefe und die gelösten Blätter ihrer Tagebücher , in denen Geburtstage stehen , Sommerpartien , Geburtstage . Oder es kann sein , daß es in der bauchigen Kommode im Hintergrunde seines Schlafzimmers eine Schublade giebt , in der ihre Frühjahrskleider aufgehoben sind ; weiße Kleider , die um Ostern zum erstenmal angezogen wurden