vielleicht auf lange . Daß irgend ein Mensch sie ihm wirklich und auf immer nehmen konnte , das glaubte er freilich nicht , und auf diesen eleganten , jungen Künstler eifersüchtig zu sein , der so ruhig mit verkreuzten Armen dort am Fenster stand , dazu wollte er sich auf keinen Fall verstehen . Schon manchmal war es geschehen , daß Anna für einige Zeit wie in einem für ihn fremden Element gleichsam verzaubert dahinschwebte . Und vor zwei Jahren , da sie ernstlich daran dachte , sich der Bühne zu widmen und ihre Rollen zu studieren begann , hatte er sie eine kurze Zeit hindurch völlig verloren gegeben . Später , als sie durch die Unverläßlichkeit ihrer Stimme genötigt wurde , ihre künstlerischen Pläne fahren zu lassen , schien sie wohl wieder zu ihm zurückzukehren ; aber diese Epoche hatte er mit Absicht ungenutzt verstreichen lassen . Denn eh ' er sie zu seiner Gattin machte , wollte er irgend einen Erfolg errungen haben , entweder auf wissenschaftlichem oder politischem Gebiet , und von ihr wahrhaft bewundert sein . Er war auf dem Weg dazu gewesen . An der gleichen Stelle , wo sie jetzt saß und ihm mit klaren , aber wie fremden Augen ins Gesicht schaute , hatte sie die Korrekturbogen seiner letzten medizinisch-philosophischen Arbeit vor sich liegen gehabt , die den Titel trug : Vorläufige Bemerkungen zu einer Physiognomik der Krankheiten . Und dann , als sich sein Übergang zur Politik vollzog , zu der Zeit , da er in Wählerversammlungen Reden hielt , sich durch ernste geschichtliche und nationalökonomische Studien für den neuen Beruf vorbereitete , hatte sie sich seiner Vielseitigkeit und seiner Energie herzlich gefreut . All das war nun vorüber . Allmählich schien sie gerade seine Fehler , die ihm ja selbst durchaus nicht verborgen waren , insbesondere seine Neigung , sich an den eigenen Worten zu berauschen , mit schärferen Blick zu sehen als früher , und dadurch begann er wieder seine Sicherheit ihr gegenüber mehr und mehr zu verlieren . Er war nicht ganz er selbst , wenn er zu ihr oder in ihrer Gegenwart sprach . Auch heute war er nicht mit sich zufrieden . Mit einem Ärger , der ihm selbst kleinlich vorkam , ward er sich bewußt , daß er seine Begegnung im Büfett mit Jalaudek nicht wirksam genug vorgetragen hatte und daß er seinen Ekel vor der Politik viel glaubhafter hätte darstellen müssen . » Sie haben ja wahrscheinlich recht , Fräulein Anna , « sagte er , » wenn Sie darüber lächeln , daß ich wegen dieses läppischen Abenteuers mein Mandat niedergelegt habe . Ein parlamentarisches Leben ohne Komödienspiel ist ja überhaupt nicht möglich . Ich hätte es bedenken und selber mitagieren , dem Kerl womöglich zutrinken sollen , der mich öffentlich beschimpft hat . Das wäre bequem , österreichisch und vielleicht sogar das Richtigste gewesen . « Er fühlte sich wieder im Zuge und sprach lebhaft weiter : » Es gibt am Ende doch nur zwei Methoden , mittels deren in der Politik praktisch etwas zu leisten ist ; entweder durch eine großartige Frivolität , die das ganze öffentliche Leben als ein amüsantes Spiel betrachtet , die in Wahrheit für nichts begeistert , gegen nichts entrüstet ist , und der die Menschen , um deren Glück oder Elend es sich doch im letzten Sinn handeln sollte , vollkommen gleichgültig bleiben . So weit bin ich nicht , und ich weiß nicht , ob ich jemals dahin gelangen werde . Ehrlich gesagt , ich hab es mir schon manchmal gewünscht . Die andre Methode aber ist : bereit sein , in jedem Augenblick für das , was man das Rechte hält , seine ganze Existenz , sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes « Berthold schwieg plötzlich . Sein Vater , der alte Doktor Stauber , war eingetreten und wurde herzlich begrüßt . Er reichte Georg , der ihm von Frau Rosner vorgestellt wurde , die Hand und sah ihn so freundlich an , daß sich Georg sofort zu ihm hingezogen fühlte . Er sah offenbar jünger aus , als er war . Sein langer , rötlichblonder Bart war nur von einzelnen grauen Fäden durchzogen , und das schlicht gekämmte lange Haar zog in dichten Strähnen zu dem breiten Nacken hin . Die Stirn , die von auffallender Höhe war , gab der ganzen , ein wenig untersetzten , ja hochschultrigen Erscheinung eine gewisse Würde . Die Augen , wenn sie nicht eben mit einiger Absicht gütig oder klug schauten , schienen sich hinter den müd gewordenen Lidern gleichsam für den nächsten Blick auszuruhen . » Ich habe Ihre Mutter gekannt , Herr Baron « , sagte er ziemlich leise zu Georg . » Meine Mutter , Herr Doktor ... ? « » Sie werden sich kaum daran erinnern . Sie waren damals ein kleiner Bub von drei , vier Jahren . « » Sie waren ihr Arzt ? « fragte Georg . » Ich besuchte sie zuweilen als Vertreter des Professors Duchegg , bei dem ich Assistent war . Sie haben damals in der Habsburgergasse gewohnt , in einem alten Haus , das längst niedergerissen ist . Ich könnte Ihnen heute noch die Einrichtung des Zimmers schildern , in dem Ihr Herr Vater mich empfing ... der leider auch allzufrüh gestorben ist ... Auf dem Schreibtisch stand eine Bronzefigur und zwar ein gepanzerter Ritter mit einer Fahne . Und an der Wand hing eine Kopie nach einem Van Dyck aus der Liechtensteingalerie . « » Ja « , sagte Georg verwundert über das gute Gedächtnis des Arztes , » ganz richtig . « » Aber ich habe da die Herrschaften in einem Gespräch unterbrochen « , fuhr Doktor Stauber fort , in dem ein wenig melancholisch singenden und doch überlegenen Ton , der ihm eigen war , und ließ sich in die Ecke des Divans sinken . » Eben teilt uns Doktor Berthold zu unserm Erstaunen mit « , sagte Herr Rosner , » daß