Friedlismühlewirt lachte : » Ein Fünffrankentaler ? Was meint ihr denn ? Glaubt ihr , die Friedlismühle sei eine Räuberhöhle ? Übrigens kostet es für euch gar nichts ; ihr gehört ja jetzt sozusagen zur Familie , und ich betrachte euch alle drei zusammen als meinen lieben Besuch . « Und ehe sie eigentlich eingewilligt hatten , wurden sie als Zustimmende behandelt und die Treppe hinauf geleitet . » Ihr dürft mich Therese nennen « , raunte die große Jungfer vertraulich , » oder auch Tante , wenn ihr lieber wollt . « » Lieber Therese . « Der Friedliswirt in Person komplimentierte Gesima , die kostbare Kantonsprinzessin , wie einen Lotteriegewinst ins feine Gastzimmer . Die Kadetten dagegen baten sich die Gunst aus , sich in der Bauernstube niederzulassen ; wegen des Tabakqualms , wegen des lauten , rauhen Stimmenlärms , wegen der scharrenden Stiefel ; das wäre männlicher , kräftiger , behaupteten sie . Dort wurden sie dann von Therese in eine besondere , ausgezeichnete Ecke gesetzt und persönlich von ihr bedient . Und wie ! Forellen ! - Und immer wollte sie etwas Neues von Onkel Dolf wissen , was für ein Gesicht er zuletzt gemacht habe , und so weiter , mehr als sie selber wußten . Nachdem sie endlich alles ausgeforscht hatte , was herauszuziehen war , begab sie sich zu Gesima ins Herrenzimmer hinüber , kehrte aber von Zeit zu Zeit wieder zu ihnen in die Bauernstube zurück , gleichsam als lebendiger Bindestrich zwischen dem Mädchen und den Buben . Allmählich begannen die hinter dem Schoppen lagernden Bauern an den Kadetten mit Fragen zu stochern , woher sie kämen , wohin sie wollten , wie sie hießen , und so weiter . Ob ihre Urgroßmutter , die alte Gottebas Salome von Sentisbrugg , immer noch am Leben sei , erkundigte sich ein dürrer , hagebuchener Armenpfleger , während er sich mit den knöchernen Fingern hinter den Ohren kraute wie ein Kakadu . Und als sie dies mit großer Entrüstung als selbstverständlich bejahten , munkelte er : » So selbstverständlich ist das nicht ; es ist schon manches Fröschlein kopfüber in den Schönthaler Wasserfall gehupft , seit das schöne Salomeli von Sentisbrugg mit dem jungen Schulmeister von Buchsingen auf der Burghöhe um die Wette gelaufen ist und dazu gesungen hat : Holderipantoffel , holderi , der Himmel ghört dem Herrgott , und d ' Welt ist mi . Wenn ihr eurer Urgroßmutter das nächste Mal guten Tag sagen wollt , um nachzufragen , ob es ihr jetzt mit ihren Beinen besser gehe , so müßt ihr sie hinter der Kirche aufsuchen , unter einem Rosmarinsträuchlein . « Dagegen protestierten die Kadetten mit zornigem Knurren . » Wie alt mag sie denn jetzt sein ? « tönte eine Frage . » Jedenfalls hoch in den Achtzigen , näher dem neunzigsten . « » Die alte Bas Salome von Sentisbrugg ? « ergänzte ein anderer . » Die ist ja Matthäi am letzten . Der Marti , der Postillon , hat es heut abend berichtet . « » Das ist nicht wahr « , krähte Hansli , » wir haben ja heute noch mit ihr gesprochen . « Einer Entgegnung wehrte Therese mit einem abmahnenden Bst , indem sie nach den Buben deutete ; und rücksichtsvoll verstummte das Gespräch . Der Fuhrmann aber nahm seinen Schoppen in die Hand und ließ sich mit den Worten : » Setz dich , liebe Emmeline « , neben den Kadetten nieder . » Wo habt ihr denn eure feine Gesponsin gelassen ? Gesima , oder wie sie heißt ? « » Auf der andern Seite , im Gastzimmer . « » Wartet nur , bis sie einmal tausend Wochen alt ist , da würdet ihr gerne jeder einen Fünfliber zahlen , wenn ihr noch einmal mit ihr zusammen abends nach Sonnenuntergang in die Friedlismühle spazieren dürftet . Mag leicht sein , einer oder der andere von euch nagt sich dannzumal die Fingernägel bis zum Ellenbogen ab , aus Reue darüber , daß ihr stundenlang in der Wirtsstube gesessen seid , statt mit ihr im Herrenzimmer . Ja , die hats hinter den Ohren , die weiß , wo Bartel den Most holt , die wird euch schon einmal zeigen , was Trumpf ist , darauf könnt ihr euch heilig verlassen . « Hierauf begann er zu seufzen : » Es ist ein eigen Ding um das Weibervolk . Zuerst , fünfzehn Jahre lang , sieht sie kein Mensch an ; dann plötzlich haben sie ein Herrgottslämpchen am Hals hangen , daß sie glitzern wie Johanneswürmchen , und man meint , sie seien die leibhaftigen Engel . Und schließlich , wenn der Docht ausgebrannt ist , hat man eine Hexe im Haus , daß man froh ist , wenn man draußen in der Welt herumhaudern darf , bei harter Arbeit und saurem Wein in Regen und Schnee , lieber als daheim hinter der warmen Suppe . « Im Anschluß daran begann er nach einer Pause über das menschliche Leben zu philosophieren . » Es mahnt mich immer an den Sentisbrugger Hauenstein : man gibt sich des Teufels Mühe , um hinaufzugelangen , und kaum ist man oben , so geht es wieder hinunter und noch viel böser und ruinöser . Zuletzt kommen wir doch alle miteinander bei der nämlichen Herberge an : beim Wirtshaus zu den stillen Männlein . « Bei diesen Worten stand der Armenpfleger unwirsch auf , zahlte seine Zeche und stapfte mit steifem Gangwerk aus der Stube . » Wohin mit den Kälbern , Xaverli ? « grüßte der Fuhrmann durch das offene Fenster auf die Straße . » Nach Bischofshardt zum Metzger . Der Landammann spendiert dem Kantonsrat auf den Sonntag ein Essen . « Der Xaverli ließ seinen Viehwagen einen Augenblick halten , und sämtliche Kälber begannen zu blöken . Die breiten Lichtmassen , welche aus dem Gasthof auf die Straße quollen , beschienen die großen runden Menschenaugen der lechzenden Tiere , und man konnte sehen