des menschlichen Werdens gewaltsame Dinge vorbereiteten . Es war dies eine von den seltsamen Unterbrechungen des Fortschritts , in denen sich die Geschichte von Zeit zu Zeit gefällt , gleich als ob sie ein zu rasches Wachsen zum Vollkommeneren für schädlich hielte oder die Menschen an Geduld gewöhnen wollte . Nach dem Tode Leos XII. , der geradezu zur Freude seines Volkes starb , das seinen finster reaktionären Tendenzen nicht zustimmte , fingen wieder freiere Ideen an , von Frankreich herüberzukommen , und ihnen günstige Prälaten bekannten sich offen dazu . So hatte sich an jenem Abend der Kardinal Palombi , der noch ein Schüler Consalvis und für dessen Reformideen begeistert war , wieder im Lobe der Franzosen ergangen und dabei mehr als einen maliziösen Seitenblick auf einen der anwesenden Prälaten geworfen , dessen mageres , gelbes Gesicht durch die kleinen , stechenden schwarzen Augen und den wie in Bitterkeit fest geschlossenen Mund den möglichst unsympathischen Eindruck machte und eher einen fanatischen Anhänger Loyolas als einen edel humanen Nachfolger Christi vermuten ließ . » Wir haben nie einen liebenswürdigeren und geistvolleren Gesandten hier gehabt als den Vicomte de Chateaubriand , « fuhr der Kardinal in seiner Lobrede fort . » Ich erinnere mich an ihn , als er zuerst hier war und sein Entzücken über Rom so ausdrückte : Es ist ein schönes Ding , dies Rom , um alles zu vergessen , alles zu verachten und um zu sterben . Er hatte es in einem Briefe geschrieben , nachdem er in der Cappella Sistina das Miserere gehört hatte . « » Wann war der Vicomte de Chateaubriand das letztemal hier ? « fragte der Professor Holberg , der immer lebhaften Anteil an solchen Gesprächen nahm , um sich über Zustände und Gesinnungen in der damaligen römischen Welt zu unterrichten . » Bei dem letzten Konklave kam er als außerordentlicher Gesandter , denn er war zurzeit Minister in Frankreich und ich erinnere mich immer mit hohem Interesse an die ausgezeichnete Rede , die er hielt , um seine Kredenzialen bei dem zum Konklave versammelten geistlichen Kolleg zu überreichen . « » Fanden Eminenz das eine ausgezeichnete Rede ? « hub jetzt der vorhin bezeichnete Prälat an , der sichtlich nur mit Mühe bisher den Ärger zurückgehalten hatte , den ihm die Lobpreisung der Franzosen verursachte . » War es eines christlichen Gesandten würdig und war es taktvoll , um das mildeste Wort zu sagen , den zu wählenden Papst , der natürlich einer aus der vor ihm versammelten Menge geistlicher Würdenträger sein mußte , daran zu erinnern , daß er sich nun bald auf dem Stuhle des heiligen Petrus niederlassen würde , unfern vom Kapitol , über dem Grabe jener Römer der Republik und des Kaiserreiches , die von der Idolatrie der Tugend zu der Idolatrie des Lasters übergingen , über jenen Katakomben , in denen die Überreste einer anderen Art von Römern ruhen ? Wozu hat jene versunkene , verdammte heidnische Welt noch erwähnt zu werden , wenn es sich um die Kirche , um die katholische Religion , handelt , die sich siegend über jenen Trümmern einer gottlosen Gesellschaft erhob , die über alle menschliche Zivilisation und alle irdischen Revolutionen erhaben ist , durch die sie leiden , aber in alle Ewigkeit nicht unterdrückt werden kann ? « » Ich glaube nicht , Monsignore , daß diese Anknüpfung an die Vergangenheit taktlos war , « erwiderte der Kardinal , indem sein schönes Gesicht den Ausdruck überlegener Einsicht und vornehmer Autorität annahm ; » ebenso wie eine Vergangenheit vor der Erscheinung des Christentums auf Erden da war , so müssen die heiligen Dinge heutzutage von einem allgemeineren und höheren Standpunkt aus angesehen werden . Denn das Christentum , das die Gestalt der menschlichen Gesellschaft veränderte , hat dann doch auch diese , der es das Leben gab , sich wieder umändern sehen , und es ist gerade ein Zeichen seiner Ewigkeit , daß es mit der Zivilisation wächst , mit der Zeit fortschreitet , an dem Jahrhundert teilnimmt , ohne zu vergehen wie dieses . « » Ah , Eminenz vergessen , daß es doch schon mehr als einmal nötig war , österreichische Waffen zur Hilfe anzurufen gegen den sogenannten Fortschritt der Zeit auch in kirchlichen Angelegenheiten , « bemerkte mit einem fast pfeifenden gereizten Ton der Monsignore , » und es könnte sich ereignen , daß diese Intervention aufs neue nötig würde , wenn die französischen Liebenswürdigkeiten ihre geheime Arbeit in der Romagna und den Marken weiter treiben . « » Nein , nein , keine Intervention , « fiel ihm Don Camillo , der die ganze Zeit schweigend dem Gespräch mit gespanntem Interesse zugehört hatte , ins Wort , » der König von Frankreich hat , gottlob , erklärt , daß er keine Intervention anderer Staaten dulden würde . « Die Herzogin , die schon seit einer Weile mit dem Prinzen , der neben ihr saß , geflüstert hatte , erhob sich in dem Augenblick und sagte lachend : » Ah , wenn es schon so weit kommt , daß wir bei der Intervention mit Waffen angelangt sind , da ziehe ich mich zurück in schönere , friedlichere Regionen . Ich habe heute herrliche Zeichnungen von unserem Camuccini erhalten , der doch jetzt mit Canova die Kunstatmosphäre beherrscht , und ich wünsche sie Seiner Hoheit dem Prinzen , der ein so feines Kunstverständnis hat , zu zeigen . Ich überlasse Sie daher eine Weile Ihren schlimmen Diskussionen und komme wieder , um den Frieden zu proklamieren . « Mit einer schalkhaften Verbeugung gegen die Gesellschaft nahm sie den Arm des Prinzen , den er ihr anbot , und verließ mit ihm den Saal . Über Don Camillos Antlitz zog eine Wolke , und ein Blick des Verständnisses flog zu dem Kardinal hinüber und wurde von diesem mit seinem feinen sarkastischen Lächeln beantwortet . Donna Giulia aber durchschritt mehrere der anstoßenden Säle , bis sie zu dem schon erwähnten kleineren Raum gelangten , der ihr ganz privater und