in diesem Himmel keine andern Bewohner als nur solche Exemplare giebt ! Sie wohnen nicht zusammen , sondern als Einsiedler , weil keiner dem andern traut . Jeder ist an einer besondern Kluft oder Höhle von seinem Esel oder Kamele gestiegen . Dort wohnt er nun und verteidigt sie bis auf das Blut gegen jeden , der nicht seiner Meinung über den Himmel ist . Da es aber der Meinungen so viele und so verschiedene giebt , wie Individuen vorhanden sind , so herrscht zwischen ihnen allen eine Feindseligkeit , vor welcher wir selbst im Erdenleben erzittern würden . Jede Kluft und jede Höhle ist ein Götzentempel , in welcher der Bewohner sich selbst als seinen eigenen Fetisch verehrt . Er behauptet zwar , Gott anzubeten , zwingt aber diesem Gott seine eigenen Gedanken auf und setzt sich also über ihn . Die Folge dieser Selbstübergötterung ist , daß sich keiner dieser Götter an den andern wagt , weil er sonst von ihm herausgebissen wird . Das , Effendi , das ist dieser Himmel ! Ueber ihm brennt die ewig glühende Sonne der alles verdorrenden Selbstgerechtigkeit , die auf Raub ausgeht wie jener listige Fuchs und jene heimtückische Hyäne , welche selbst hier im Paradiese nur niedere Lurche oder erdfarbige Kerbtiere zum Fressen finden . Wie froh war ich , als ich meine Wanderung vollendet hatte ! Ich fühlte mich wahrhaft selig , diese falsche Seligkeit verlassen zu können . Als ich das Thor wieder erreichte , warfen uns die dortstehenden Esel und Kamele Blicke des unendlichsten Neides zu , daß wir es uns gestatten durften , dieses entsetzliche Elend zu verlassen . Die Pächter aber strömten herbei , um mich ihr Paradies preisen zu hören . Ich teilte ihnen aber mit , daß ich den Menschen die volle Wahrheit sagen werde . Da erhoben sie ein lautes Wutgeschrei . Im Baume El Dscharanil begann es zu rauschen . Alle seine Augen waren drohend auf mich gerichtet . Die Köpfe schüttelten sich , und von den Lippen ertönte ein Geheul , daß das Seil El Milal vor mir zersprang . Die Esel und Kamele jenseits des Thores stimmten jammernd ein . Ich aber ritt davon , ohne ein weiteres Wort zu sagen , gleichviel , ob ich für feig gehalten wurde oder nicht . Wer sich aus einem solchen Himmel herauszuretten weiß , der muß wohl Mut besitzen ! « Er schlug bei diesen Worten die Hände zusammen , als ob er jetzt noch froh über diesen glücklichen Ausgang sei . Hierauf ging er einige Male in langsamen Schritten durch das Zimmer , blieb dann vor mir stehen und fragte : » Hast du jemals geahnt , daß es so ein Paradies giebt , Effendi ? « » Es giebt dieser Paradiese viele , « antwortete ich , mein Auge zu ihm erhebend . » Warum hast du damals nach keinem anderen gesucht ? « » Welche Frage ! Ich verstehe dich nicht ! « » Du erzähltest mir ja , daß du vom Dschebel Din herab in ebenes Menschenland gekommen seist . Warum hast du deinen Berg des Glaubens überhaupt verlassen ? Mußtest du das ? Und wenn du es mußtest oder wolltest , was bewog dich da , das geistige Tiefland , die Ebene , die Wüste aufzusuchen , wo kein Gedanke in die Höhe strebt , sondern nur darnach , sich über die Fläche auszubreiten ? « » Maschallah ! « rief er erstaunt aus . » So , also so betrachtest du das , was ich erzählte ? « » Natürlich ! Wie anders denn ? « » Ich habe von Menschen gesprochen ! « » Gewiß ! Aber besteht der Mensch nur aus seinem Körper ? Sprechen wir einmal nicht von der Seele , sondern sagen wir , daß der Mensch aus Leib und Geist bestehe . Der Leib wird sterben , der Geist aber nicht . So lange wir sowohl auf den Körper als auch auf den Geist Rücksicht nehmen , leben wir das wohlbekannte Erdenleben , welches ich als das erste bezeichnen will . Wer aber so stark gewesen ist , alle Rücksicht auf den Leib und seinen Zusammenhang mit dem Menschheitskörper zu überwinden und hinter sich zu werfen und sich nur noch als Geist zu betrachten , während der Leib für ihn gestorben ist , der lebt schon hier vor der Auflösung dieses letzteren ein anderes , neues , höheres Leben , welches ich einstweilen , aber auch nur einstweilen das zweite nennen will . Denn es giebt Menschen , deren Geist sich nicht zur Individualität gestaltet . Wenn diese Stufe für mich auch ein Leben ist , so muß ich sie das erste Leben nennen und die vorhin erwähnten beiden Stufen als zweites und drittes Leben bezeichnen . Nun sage mir , o Ustad , von welcher dieser Stufen aus , auf der du dich befindest , hast du mir jetzt soeben den allerniedrigsten Himmel beschrieben , den ich mir nur denken kann ? Ich wollte , ich dürfte dir einmal einen andern Himmel , vielleicht den meinigen , beschreiben ! « » Hast du ihn gesehen ? « » Ja . Ganz so , wie du den von dir beschriebenen ! Vor meinem Himmel giebt es kein Seil El Milal , keinen Baum El Dscharanil und keine Wandmalereien . Ihn hat sich auch kein Pächter angemaßt , und an der Straße , die zu ihm führt , stehen keine Götzenhäuser . Auch giebt es keine Mauer und kein Thor . Es führen so viel Wege hinein , wie es Menschen giebt . Er steht ihnen allen offen , wenn sie nur kommen wollen . In diesem meinem Gedankenparadiese ist nichts versunken , vernichtet und vergessen . Da ragen die Gottesideen vergangener Jahrtausende noch so hoch wie damals im Morgenrot empor . Und in der Abendröte erglänzen die neuen , hohen Ideale zukünftiger Jahrhunderte , um zu Wirklichkeiten zu werden , wenn die Menschheit morgen oder übermorgen sagt : Was sprachst