fünf Jahren , wenn eine gewisse schreckliche Frist abgelaufen sein wird , wirst du die Notwendigkeit einsehen . Mir ist nur leid , daß er überhaupt einmal wieder herauskommt . Das sollte nicht sein . Ich glaube auch nicht , daß du dir die Möglichkeit eines künftigen Zusammenlebens vorstellst . Ich kann das nicht glauben . Ich bin überzeugt , es wäre das größte Unglück für dich . Überlege , Kind . Ich habe dir oben so rundweg geschrieben , daß ich deinen Entschluß , zu studieren , nicht billige . Doch das ist zu viel gesagt . Ich kann nur sagen , daß mir die Frage neu und fremd vorkommt . Auf alle Fälle bin ich bereit , dich zu fördern und mit Geld zu unterstützen , soweit es in meinen Kräften steht . Doch das ist selbstverständlich . Pensionäre schaden nicht , nur bürde dir nicht zuviel auf . Nina und Uli möchte ich jedenfalls über die nächsten Jahre hier behalten . Die Alte ist versessen auf sie . Laure Anaise kommt morgen . Es ist wohl recht , daß du dein Heil in der Arbeit suchst . Lebe gesund ! Dein Vater . Josefine küßte den Brief unzählige Male . Sie hatte ein Gefühl , als müsse sie sich irgendwo auf die Kniee werfen in Dank für die Erlösung . Aber sie nahm sich kaum Zeit , den Kindern zuzurufen : » Der liebe Großvater hat geschrieben . Vergeßt ihn fein nit . « Dann schrieb sie Briefe , Zimmerangebote und trug sie selbst auf die Redaktion und zum Pedell , damit er sie am schwarzen Brett anschlage . Sie erkundigte sich auch , wann der Rektor zu sprechen sei , und kaufte den Kindern , die sie mitgenommen , auf dem Heimweg Kirschen . » Könnten wir nicht gleich auch Papa besuchen , weil du so gut gelaunt bist ? « fragte der Knabe , während er fröhlich dahinsprang . Josefine faßte beide Kinder an den Händen . » Hermannli und Rösli , der Papa ist auf eine große Reise gegangen , auf eine weite Reise - « » Nach Afrika ? « fiel der Bub überrascht ein . » Ja ja , nach Afrika , und besuchen können wir ihn also nicht . « » Ist der Papa also wieder gesund , « sagte Hermann noch verwunderter . » Ja , gesund . « » Aber warum hat er uns nicht Grüß-Gott gesagt und nicht adie ? « » Es war ja spät am Abend . Ihr schliefet schon . Da ist er in die Stube gekommen , hat euch angeschaut und im Schlaf geküßt und einen schönen Gruß für euch dagelassen . Und ist fort . « » Nach Afrika ? « » Ja , nach Afrika . « » Und wir - sind wir nicht traurig , Mama ? « fragte Rösli mit kläglichem Stimmchen . Auf der Bank in der kleinen blühenden Anlage , wo sie saßen und die Kirschen verzehrten , zog Josefine die beiden Kleinen in ihre Arme . » Ja , wir sind traurig , « sagte sie , ihre Tränen bezwingend , » aber wir dürfen nicht daran denken . Wir sollen nur denken , wie wir tüchtige , brave Menschen werden - « » Und dem Papa Freude machen , wenn er heimkommt , « fiel Hermann mit altkluger Miene ein . » Ja . Weißt noch , wie er sich über dein erstes Zeugnis gefreut hat ? « » Man muß den Papa also lieb behalten ? « fragte Rösli nachdenklich . » Aber gewiß ! Behaltet ihn lieb , den armen Papa , behaltet ihn lieb , aber sprecht nicht von ihm . Es tut eurer Mama weh - « » Geht es ihm nicht gut in Afrika ? « lispelte Rösli ängstlich . » O nein , es geht ihm nicht gut . Und er sehnt sich nach euch und denkt an euch , mein Rösli - « » Ich sehne mich auch , « sagte Rösli feierlich , die kleinen Hände faltend , » gib mir noch ein paar Kirschen , Mama . « » Ja , aber warum geht es dem Papa schlecht in Afrika ? Ist es zu heiß da ? « begann Hermann wieder . » Ja , heiß . Und nun hört , Kindli , was ich euch sage . Wir wollen den Papa lieb behalten und an ihn denken , da inwendig , in unserem Herzen , « Josefine tippte auf Hermanns und Röslis Brust , » aber sprechen wollen wir nicht mehr von ihm . Nicht laut und nicht leise . Nicht zur Mama und nicht zu anderen Leuten , hört ihr das ? Weil es der Mama weh tut ? « » Ja , aber wenn sie mich in der Schule fragen , was denn der Papa in Afrika macht ? « fuhr Hermann unerwartet heraus . Josefine war ratlos vor Schrecken . » Nun - kannst ja nicht sagen , was du nicht weißt . « » Aber schreibt der Papa keine Briefe ? « » Ich weiß nicht . Wenn die Kamele den Weg finden durch die große Sandwüste - « Die Augen der Kinder weiteten sich und hingen an ihr . » Ist der Papa auf einem Kamel , Mama ? « » Ja , dort unten , « sagte Josefine mechanisch . Aber der Bub schüttelte eifrig ihren Arm . » Erzähl uns von der großen Sandwüste , von den Kamelen , erzähl uns alles , Mama ! « » Ich bin nicht dort gewesen , Bub , ich weiß also nichts . Aber hört etwas anderes ! Eure Mama war einmal klein , ganz klein , so klein wie Nina . « » Ach du ! « sagte Rösli lachend , » das glaub ich nit . « » Ich glaub ' s , ich glaub ' s ! « schrie Hermann , » sag weiter , Mama . « »