praenumerando gezahlt werden müssen . » Und darf ich nun ganz ergebenst um Jhre werte Adresse bitten , mein Fräulein ? « » Charlotte Weiss , Putzmacherin , Zimmerstrasse 15. « Während der junge Mann notierte , flog ein zufriedenes Lächeln über sein blasses Gesicht . » Also Nachbarn ? Da werden Fräulein doch recht oft zum Umtauschen kommen . Jeden Tag ist es gestattet , ein neues Buch zu entnehmen . « » So viel Zeit zum Lesen werde ich hoffentlich nicht haben « , erwiderte Lotte schüchtern . » Die Kundschaft ist wohl recht gross ? « » Leider nein . Aber ich bin auch erst seit zwei Monaten in Berlin , da kann man nicht allzu viel erwarten . « » Freilich nicht , bei der grossen Konkurrenz . « Er sah das hübsche junge Geschöpf mitleidig an . » Aber wenn ich das Fräulein vielleicht empfehlen dürfte ? « » Sie sind sehr gütig , Herr - « » Verzeihung , dass ich vergass , mich vorzustellen , mein Name ist Schmittlein , Gerhart Schmittlein . Ursprünglich verdorbener Schauspieler , jetzt Geschäftsführer meiner Tante Wohlgebrecht , Besitzerin dieses Ladens . Mein eigentlicher Beruf freilich , für den ich lebe und sterbe - « Ein lauter Anschlag der Klingel , die Ladenthür ging auf . Herrn Schmittleins Gesicht verfinsterte sich wieder , und Lotte blätterte angelegentlichst in den vor ihr liegenden Büchern . Sie wusste nicht , warum , aber es war ihr plötzlich furchtbar peinlich , hier gesehen zu werden , noch dazu von der Köchin ihres Wirtes , die ein Buch umzutauschen kam . Das Neueste von der Marlitt hatte die Frau beordert . Aber ja das Allerneueste . Während Herr Schmittlein mit einem spöttischen Lächeln nach Lektüre suchte , bemerkte das Mädchen Lotte . Die robuste Person machte nicht viel Umstände mit dem Fräulein aus dem Hinterhaus . Du lieber Jott , so ' n Wurm aus der Provinz , das für ne Mark und drunter garniert ! Einen Unterschied in der gesellschaftlichen Stellung zwischen ihnen beiden konnte sie nicht finden . » Na Freileinchen , wie stehts denn ? Krieg ' ich bis Sonntag mein ' neuen ? Wenn Sie mir in Stich lassen , sind wir jute Freunde jewesen . « Lotte konnte vor Verlegenheit und Scham kaum antworten . Für was musste Herr Schmittlein sie halten , wenn diese gewöhnliche Person in einem Ton wie zu ihresgleichen mit ihr sprach ? Gottlob schien er die Anrede der Köchin überhört zu haben . Wenigstens liess sein Gesicht nichts von einem üblen Eindruck merken . Mit einem freundlichen , ja förmlich tiefen Blick sah er sie an , als er sich jetzt umwendete und dem Mädchen ein Buch einhändigte . » Sagen Sie Ihrer Herrschaft , dass vom Jenseits keine Novitäten ausgeliefert würden , wenigstens bis dato nicht . Hier ist eine lebendige Marlitt , auch nicht schlechter als die tote . « Die Köchin sah ihn an , als ob er chaldäisch rede . Dann nahm sie das Buch unter den rotblauen bis zum Ellenbogen nackten Arm und warf die Thür laut hinter sich ins Schloss . Aber auch Lotte drängte es nun fort , trotz aller Anstrengungen , die Herr Schmittlein machte , um sie zu halten und das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen . Das Buch lag eingewickelt vor ihr , sie hatte keinen Grund länger zu bleiben . Zu Haus erst bemerkte sie , dass Herr Schmittlein ausser dem Band moderner Novellen , den er ihr so warm empfohlen , noch einen dicken Band Gedichte eingewickelt hatte . Ohne auf Titelblatt oder Verfasser zu sehen , schlug Lotte das Buch bei dem vermutlich zufällig darin liegenden Zeichen auf . Das Gedicht , das durch einen dicken Bleistiftstrich am Rande noch besonders kenntlich gemacht war , sprach von einem sterbenden Mädchen , an dessen armseligem Lager die Mutter sehnlichst den Morgen erwartet . Die ersten Strophen kamen Lotte in ihrer jetzigen Stimmung besonders rührend vor . Dann plötzlich stutzte sie und überlas mit heissen Augen zwei , dreimal eine weitere Strophe . Ihr Herz krampfte sich zusammen . Dachten auch andere , wie Franz Krieger gedacht ? Dieser ihr unbekannte Dichter und Herr Schmittlein ? Hatte der junge Mensch in den kurzen Minuten ihres Zusammenseins ihr das Heimweh und die Todesangst vor der Zukunft aus den Augen gelesen ? Hatte er Zeichen und Merkstrich eigens für sie gemacht , um auch seinerseits warnend den Finger aufzuheben ? Um sich ein wenig zu beruhigen , den Geisterspuk zu bannen , der für sie in den vor ihr liegenden gedruckten Zeilen lag , begann sie in ihrer schlichten , eintönigen Manier die Verse laut vor sich hin zu lesen : » Die Not im löch ' rigen Gewande Zertritt die Perle der Moral ; Das Loos der Armut ist die Schande , Das Loos der Schande das Spital ! Ja , jede Grossstadt ist ein Zwinger , Der rot von Blut und Thränen dampft , Drum hütet Euch , ihr armen Dinger , Denn diese Welt hat schmutzige Finger - Weh , wem sie sie ins Herzfleisch krampft . « - Als Lena an diesem Abend erst gegen elf Uhr nach Hause kam , - sie hatte ausnahmsweise bis um zehn Dienst gehabt , - fand sie Lotte mit dem Kopf auf dem Tisch über ihren Büchern eingeschlafen . Als sie die Schlafende aufrichtete , war ihr Gesicht von Thränen überströmt . Aergerlich warf Lena die Bücher bei Seite und Lotte wach küssend , sagte sie : » Und ich hatte Dir doch so streng verboten , etwas Rührendes aus der Bibliothek zu holen . « - Wenige Tage später , an einem Sonntag Vormittag , als Lotte die Welt wieder mit etwas lichteren Blicken anzusehen begann - sie hatte gerechnet und gefunden , dass das Geschäft sich ein wenig zu heben schien - klingelte es draussen an der Flurthür . Eine kleine , untersetzte behäbige Frau in etwas auffälliger Sonntagstoilette stand vor