Skabiosen , dunkle Prunellen , und dicht die Brust an den Boden gedrückt , sah ich eine große weiße Strahlblume , silberweiß , eine kleine Sonne auf Erden ! So möchte ich an die warme mütterliche Erde gedrückt daliegen und mein Herz der Sonne öffnen , wie einen goldenen Kelch ........ Zuweilen fiel ein gelbes Blatt , und wie leises Rieseln stäubten die dürren , braunen Kätzchenschuppen der Birken . Zwei weiße Schmetterlinge fliegen herbei , nähern sich einander , suchen sich , haschen sich , nun sind sie ganz nah - - da fährt ein stärkerer Lufthauch von Norden daher und drängt sie auseinander . Ich saß dort oben und sah so vieles . Das ist nicht mehr die beglückte , stille Sommerwärme , das tiefe Ruhen und Blühen : ein schärferer Zug geht durch die Welt , eine Unruhe , eine Bewegung , als sei noch viel zu thun . Kein braunes Grasblütchen steht still , kein Sonnenfleck , kein Blattschatten bleibt auf der Stelle . » Weile ! weile ! « ruft der süße Sommer , » rege dich ! treibe dich ! « ruft der heutige Tag ! Und mein Herz klopft und meine Hand zittert , und ich springe auf , als sei auch für mich gleich viel , viel zu thun ! Gedanken - Pläne sausen mir durch den Kopf - Nein nein ! ich bin keine Sonnenblume mehr , die am Boden liegt und träumt - - das ist vorüber , vorüber . 28. Oktober . Heut ist also der große Tag , heut geh ' ich zum erstenmal ins Kolleg ! So früh hat ' s mich aus dem Bett getrieben - es ist noch dunkel , meine Lampe brennt , ich bin ganz fertig schon , aber es sind noch fast zwei Stunden . Schon lange hab ' ich am offnen Fenster gesessen , die Luft kam weich und regenschwer , wie Frühlingshauch herein ; der Mond scheint trübe - jetzt hat er mir eine Fratze geschnitten , es hat mir fast gegraut ! - - Oh , so andächtig erwartungsvoll war mir noch nie . Immer tönt mir eine Stimme im Ohr : » Was wir nicht errungen , doch erstrebt , - was uns nicht zu teil geworden ist « - - Nein , es ist nicht deine Stimme allein , meine Mutter , viele Frauenstimmen sind es , klagende und triumphierende ! » Was wir nicht errungen , doch erstrebt - was uns nicht zu teil geworden ist - - « Aber den Schluß hör ' ich nicht , - wie angestrengt ich auch horche . Weiter ! wie geht es weiter ? Redet weiter , ihr lieben Schwesterstimmen ! Nicht wahr , ihr wünscht mir Gutes , ihr Abgeschiedenen ? Was euch nicht zu teil geworden ist , - ich soll es - soll es erreichen ? Oh , heut ist mein erstes Kolleg ! Triumphiert mit mir , ihr Lebenden , klagen will ich mit euch , ihr Gestorbenen , denen » nichts zu teil geworden ist « - von dem » was ihr erringen und erstreben gewollt « - - nein , ich kann nicht klagen , heute nicht ! Es wird hell ! es wird Morgen ! Heute ist mein erstes Kolleg ! - 30. Oktober . Nach den ersten Kollegien . Was ich gelernt , gelesen , gedacht , - all ' das zerfliegt wie leere Spreu ! Ich bin so unwissend ! ich bin so weit zurück ! ich bin so schlecht vorbereitet ! Ich bin so dumm ! so kindisch dumm ! Ich soll mit bloßen Füßen auf scharfen Dornen gehn ! Harte Thatsachen starren mir entgegen , wo ich von himmelhohen Gedanken träumte ! Ist die Wissenschaft so etwas Plastisches ? Konkretes ? Aber das hab ' ich ja gar nicht gewußt ! Im Rechtsleben , hab ' ich gedacht , kommen ethische Ideen zum Ausdruck , aber es scheint gar nicht wahr zu sein ! Es scheint sich mehr um Gebräuche , als um Gedanken zu handeln ? Ich glaube , die Menschheit als Ganzes denkt , fühlt viel humaner , als die Gesetze es verlangen . Sie scheinen mir überholt , ausgewachsen , ihr Wortlaut mittelalterlich roh . Und wenn ich sie mit den Jesusworten vergleiche , mit dieser unendlichen Zartheit der Empfindung , des Gewissens , die in jenen Lehren liegt , die vor 1900 Jahren ausgesprochen worden , so finde ich - - Ach , ich bin ein dummes Kind ! wen kümmert ' s , was ich finde ! Und doch , - es scheint mir , daß auch ich sagen muß - - helfen muß - - - 20. November . Lange nichts hier eingeschrieben . Ich bin ja zu verwirrt von all dem Neuen . Dumme Sorgen kommen auch dazu , die dümmsten , elendesten Sorgen , die der Mensch sich machen kann , die um das nackte Leben ! Das heißt , ich mache sie mir nicht , sie zwingen sich mir auf , leider . Mama schreibt sehr kurz ; - neulich hat sie mit Papa meinetwegen eine heftige Szene gehabt . Er hat sie gefragt , ob sie wisse , wo ich mich aufhalte . Mit drohender Miene . Sie hat nein gesagt . Sie thut mir so furchtbar leid ! Ich bin es , die sie zu lügen zwingt , ich , die ich so leidenschaftlich gern ehrlich und wahr durch die Welt gehen möchte . Es wird ihr sehr schwer , schreibt sie , das Geld für mich unbemerkt fortzuschicken . Ach , wenn ich es doch nicht brauchte ! Manchmal , beim Essen , habe ich solch ein erstickendes Gefühl im Halse , - das abscheuliche , dumme Essen kostet am meisten ! Wenigstens hab ich ein billigeres Zimmer jetzt , nur sechzehn Franken ! Es liegt sogar freier als das vorige . Zum Mittagessen geh ich fort , abends genügt ja Brot und Milch vollkommen .