sagte Fräulein Kampfmann , der die neue Bekannte sehr zu gefallen schien . Elvira schwärmte für alles , was schön und neu war . Und Frau Wallner erfreute sich dieser beiden Eigenschaften in ihren Augen . Man verabschiedete sich von der Gastgeberin , die Hildegard freundlich die Hand drückte . » Nur guten Mutes ! « Hildegard sah ihr einen Augenblick lang bittend , fragend in die Augen . Aber sie lächelte bloß verbindlich und sagte nichts als : » Auf Wiedersehen , wenn nicht früher , so Sonnabend . « Das war ein schwacher Trost , oder eigentlich keiner . Hildegards Stirne verdüsterte sich . » Fahren wir oder gehen wir ? « fragte die Lehrerin unten . » Gehen wir . « Und dann fragte Hildegard : » Wo essen Sie immer ? « » In der Pomona . « » Was ist das ? « » Ein Restaurant , wo man sich für dreißig Pfennig satt essen kann . « » Wahrhaftig ? « rief Hildegard in naivem Erstaunen , » giebt es so etwas ? So viel brauch ich ja beinah an Trinkgeld des Mittags . « » Nun , wenn Sies haben , warum denn nicht ? « meinte Fräulein Kampfmann gleichmütig . » Ich habs ja aber nicht . « » Dann , entschuldigen Sie , sind Sie recht unklug , so viel Geld hinauszuwerfen . « » Ist das Fleisch denn auch frisch für diesen Preis ? « » Fleisch ? In der Pomona giebts kein Fleisch , nur Gemüse und Obst . « Hildegard blieb stehen . » Ist denn das gut , gesund , schmackhaft ? « » Es ist schmackhaft und billig « sagte lachend die Lehrerin , » ich habs auch nicht allzu reichlich , wissen Sie . « » In welcher Straße liegt Ihr Restaurant ? « » In der Dorotheenstraße . « » Wann essen Sie ? « » Um ein Uhr . « » Ists Ihnen recht , wenn ich morgen Mittag an Ihren Tisch komme ? « » Gewiß , sehr ! « antwortete die Lehrerin freundlich . Dann trennten sie sich . Fräulein Elvira stieg in einen vorüberfahrenden Dmnibus , während Hildegard die paar Schritte nach Hause zu Fuß zurücklegte . Es war ihr merkwürdig zu Mut . Einerseits interessierte sie alles , was sie erlebte , andererseits gabs eine Täuschung um die andere für sie . Sie hatte sich immer vorgestellt , die Frauenrechtlerinnen hätten ideale Ziele im Auge . Sie hätten eine große » Idee « , nach deren Verwirklichung sie strebten . Nun sah sie , daß jede von ihnen ihrem eigenen kleinen Interesse nachlief . Wenn Fräulein Elvira mehr Talent besessen und Aufnahme in eine Akademie gefunden hätte , würde sie sich da je für die » Befreiung « der Frauen interessiert haben ? Und wenn die schöne Frau Langenwang Herrin über den Mammon ihres Gatten geworden wäre , würde ihr nicht das bürgerliche Gesetzbuch mit seinen Paragraphen höchst gleichgültig sein ? Also lauter Privatinteressen , aus denen sich dieser heilige Krieg für die Rechte der bedrückteren Hälfte der Menschheit zusammensetzte . Merkwürdig , wie anders das alles in der Nähe aussah ! Warum hatte Einhart nur immer geschwiegen , wenn sie ihm von der Herrlichkeit dieser Frauenbewegung vordeklamierte ? Sie hatte damals in ihrer Gereiztheit immer gemeint , er denke sich garnichts dabei , oder etwas Dummes . Am Ende hatte er aber doch etwas dabei gedacht , und vielleicht etwas nicht Dummes . - Herrgott , daß sie ihm jetzt um Geld kommen mußte . Nun , wenn sie vegetarisch lebte , würde sie viel weniger brauchen . Mit schwerem Herzen schlief sie ein . Ihr letzter Blick galt noch ängstlich dem dunklen Vorhang , der sehr gleichgültig herabhing . 6 In der Pomona gings lebhaft zu . Gäste kamen und entfernten sich , um neuen Platz zu machen . Die kleinen Stuben , aus denen das Speisehaus bestand , waren dicht gefüllt . An einem Tisch im letzten Zimmer entdeckte Hildegard ihre neue Bekannte . Die Lehrerin trat gleich auf sie zu und stellte sie einer jungen Dame vor , die an demselben Tische aß . » Fräulein Glanegg « sagte Elvira , » studiert Naturheilmethode , um später eine Anstalt zu eröffnen . « » O bis dahin hats noch lange Zeit « meinte das hübsche blonde Mädchen , das sehr wohlgenährt und zufrieden aussah . » Kann ich die Speisekarte haben ? « fragte Hildegard eine vorübereilende Kellnerin . » Gleich « wurde geantwortet . Hildegard sah sich indessen um . Soviel Leute auch da waren , soviel Wünsche und Begehren auch geäußert wurden , es geschah alles ohne Lärm , ohne Hast . Man sprach halb flüsternd und aß dabei mit großen Löffeln das Gemüse von den Tellern , auf denen es serviert wurde . Als Hildegard nach etwa einer Viertelstunde noch nicht bedient wurde , rief sie abermals das Mädchen . Nun erhielt sie ihre bestellten Maccaroni . » Hier muß man Geduld haben « meinte Elvira , » die Mädels bedienen die Herren zuerst , wir Frauen kommen später an die Reihe . « » Und lassen Sie sichs gefallen ? « » Aber ich bitte Sie , was soll man denn machen ? « » Kellner anstellen . « » Puh ; lieber eine Stunde lang warten , als solch einen faden Gecken herumschwänzeln sehen . « Hildegard lachte . » Sie haben es aber scharf auf die Männer abgesehen . « » Mag sein , aber nicht mit Unrecht . « » Und doch lassen Sie ihnen willig den Vortritt . « » Willig nicht , nur gezwungen . Es ist eben so im Leben , was kann man dagegen machen ? « » Aber dann wäre ja die ganze Frauenbewegung nur eine Komödie . Sie beanspruchen doch gleiche Rechte . « Die Lehrerin wischte sich mit der Papierserviette die Lippen und lehnte sich zurück . » Wir wollen doch