zugleich auf die Schätze , die es umgaben . Über dem Tisch hing der alte Spiegel , der die Menschengesichter im vollen Licht noch mehr verzerrte . Der Leopold saß da und pfiff leise durch die Zähne , er wartete eine geraume Zeit , dann sagte er : » Lene , ich möcht essen . « » Hab nicht gekocht . « Der Mann schaute überrascht auf , dann lächelte er vergnügt , sie hatte ja seit langer Zeit kein einziges Mal gescherzt , und jetzt machte sie ein ganz ernsthaftes Gesicht zu dem Spaß ; er wartete wieder , die Lene aber ging wie ein Pendel so gleichmäßig auf und nieder und wiegte das Kind , sonst aber rührte sie keinen Finger . » Du , das wird doch nicht dein Ernst sein ? « sagte er plötzlich und wurde blutrot . » Schau . « Er stand auf , sah über die Achsel nach dem Weibe und ging rasch in die Küche . Dort fand er den Herd kalt , alles blank und sauber geputzt , sie hatte richtig nichts gekocht . Er biß sich in die Unterlippe und kehrte zurück in die Stube . » Was hast du denn gar so Notwendiges zu tun gehabt , daß du nicht die Stund für mich gehabt hast ? « warf er nur leicht hin , als ginge es ihm nicht zu nahe . » Schlafen . « » Schlafen ! « fuhr er auf , » beim hellichten Tag , bist verrückt ? « » Nein . Aber die ganze Nacht hab ich den Schreihals da herumgeschleppt . « » Na und ? « » Und da muß ich mich am Tag ausschlafen « , erwiderte sie bestimmt . » Was tun die Weiber , die den ganzen Tag arbeiten müssen ? « Sie schaute ihn überrascht an und klagte dann weinerlich : » Soll ich auch so geschwind alt und häßlich werden wie die anderen und das alles wegen dem Kind ? « Sie warf im Vorübergehen einen Blick in den Spiegel , trat dann auf ihn zu und sagte : » Da schau mich nur an . « » Ich seh nichts Besonderes « , sagte er und bemühte sich , gleichgültig hinzusehen auf das schöne Weib , das vor ihm stand und ihn mit den feuchtschimmernden Augen anstarrte . » Schau meine Augen an , die schwarzen Ränder . Und da , da und da « , sie schob die runde weiße Achsel aus dem Kleide und streifte den Ärmel über Gelenk und Ellenbogen , » da überall sieht man schon die Knochen . « » Aber Lene ! « flüsterte der Mann begütigend und legte seinen Arm um ihre Schultern , » du bist viel schöner , als du warst ! « Und seine Lippen suchten ihren Mund , sie aber entwand sich ihm . » Es ist nicht wahr ! Seit dem Kind bin ich ganz anders . Was soll ich anfangen ? « » Freundlich sein . « Sie antwortete nicht , nur ihre Oberlippe hob sich . Endlich schlief das Kind , sie legte es vorsichtig in die Wiege , ließ die Arme sinken und jammerte : » Kein Glied kann ich rühren . « » Und was hat denn die gnädige Frau zu Mittag gespeist ? « fragte er spottend , um seine Fürsorge zu verbergen . » Die Hanne hat drüben bei ihr mitgekocht in der Rastzeit . « » Schämst du dich nicht vor dem armen , fleißigen Mädel ? « brauste er auf . » Nein ! « » Ich geh ins Wirtshaus . « » Recht hast « , sagte sie nachlässig . » Bring mir etwas heim , ich geh bald schlafen . « Sie kauerte sich wieder in die Fensternische und sah aufmerksam zu , wie eine Nachbarin die gestickten Unterröcke von der Leine nahm . Ihr Mann ging ohne Gruß davon , nur zufällig schaute sie ihm nach , der Hof war so lang , und durch den großen Torbogen flog der feine Straßenstaub herein , so daß sich die dunkle Gestalt des Leopold genau abhob . Der Abendwind bewegte den losen Ärmel seines Rockes , und sie mußte immer das flatternde Stück an der Figur des Mannes im Auge behalten ... da waren der Traum und die Wirklichkeit der Hochzeitsnacht wieder . Der ganze Mensch war verändert , wenn er einmal den leeren Ärmel nicht in die Tasche steckte , als ob er auseinanderfliegen könnte , so schaute sich dieses unruhige Flattern aus der Ferne an . Dazu ging er auch nicht so stramm wie sonst , er ließ die Schultern vorhängen und hieb mit einer aufgelesenen Gerte vor sich und hinter sich , als wolle er ein müdes Pferd , das ihn schlecht weitertrug , antreiben . So schlenderte er zum Tore hinaus , und die Lene starrte ihm nach , allmählich war sie befriedigt , weil der Kleine schlief und ihr Mann nicht sprach . Auf dem Hofe draußen wurde es lebendig , Feierabend war , die Weiber kamen aus ihren Küchen und riefen laut nach ihren Kindern , die Männer kehrten von ihrer Arbeit heim , und so saß den großen Hof entlang vor jeder Türe ein Häuflein beisammen , alle aßen und plauderten , schrien einander zu und waren so fröhlich , als säßen sie mitten im Überfluß . Die Lene hockte in ihrem Fenster , lauschte mit halbem Ohr und schaute mit halbem Blick nach ihnen , nur wenn ein Kind aufschrie , zuckte sie zusammen und horchte in die dunkle Ecke . Als die Hanne und noch ein paar Jüngere dem Fenster nahe kamen , winkte sie ihnen nicht , sondern legte einen Finger an die Lippen und deutete in die Stube . Sie wollte allein sein . Ich weiß ja , wovon die alle reden , dachte sie , während sie hinüberschielte zu den Nachbarn . Und sie wußte auch wirklich , wovon die andern sprachen