ich , sie hätte lieber den Jungfernkranz gesungen als das schwermütige Lied . « » Es war sehr schön . « » Gewiß war es das , und wir beide können es hören , ohne Schaden zu nehmen . Aber meine Schwester ! Sahen Sie wohl , wie sie das Notenblatt nahm und das Zimmer verließ ? Ich wette , sie hat es sofort auswendig gelernt oder Abschrift genommen und in irgendein Album eingeklebt . Denn trotz ihrer siebenunddreißig Jahre , in manchen Stücken ist sie noch ganz das Gnadenfreier Pensionsfräulein , besonders auch darin , wie sie mit der Dobschütz lebt . Die Dobschütz ist eine vorzügliche Person , vor deren Wissen und Charakter ich allen möglichen Respekt habe , trotzdem ist sie für meinen armen Schwager ein Unglück . Sie sind überrascht , aber es ist so . Die Dobschütz ist viel zu klug und auch viel zu guten Herzens , um sich aus freien Stücken oder wohl gar aus Eitelkeit zwischen die Eheleute zu stellen , aber die Stellung , die sie sich nie nehmen würde , wird ihr durch meine Schwester aufgezwungen . Christine braucht immer jemanden , um sich auszuklagen , ganz schöne Seele , nachgeborne Jean-Paulsche Figur , die sich , wenn ich mich so ausdrücken darf , mit dem Ernste des Lebens den Kopf zerbricht . Es gibt eigentlich nur eine Form , sie zu erheitern , und das sind kleine Liebesgeschichten aus dem Kreise der Irrgläubigen . Und irrgläubig ist so ziemlich alles , was nicht altlutherisch oder pietistisch oder herrnhutisch ist . Ein Wunder , daß sie diese drei wenigstens nebeneinander duldet . Dabei so eigensinnig , so unzugänglich . Ich versuche mitunter , zum Guten zu reden und ihr klarzumachen , wie sie sich anpassen und ihrem Manne zuhören müsse , wenn er was aus der Welt erzählt , einen Witz , ein Wortspiel , eine Anekdote . « Schwarzkoppen nickte zustimmend und sagte dann : » Ich habe ihr heut etwas Ähnliches gesagt und auf des Grafen liebenswürdige Seiten hingewiesen . « » Ein Hinweis , den sie mit ziemlich hautainer Manier zurückgewiesen haben wird . Ich kenne das . Immer Erziehungsfragen , immer Missionsberichte von Grönland oder Ceylon her , immer Harmonium , immer Kirchenleuchter , immer Altardecke mit Kreuz . Es ist nicht auszuhalten . Ich spreche darüber so freiweg und so ausführlich zu Ihnen , weil Sie der einzige sind , der da helfen kann . Ich glaube , so ganz genügen Sie ihr auch nicht , schon deshalb nicht , weil Sie , Gott sei Dank , ohne das pietistische Kolorit von Blümelein und Engelein sind , aber Ihr Standpunkt ist wenigstens der korrekte . Die Temperatur Ihres Bekenntnisses ist ihr nicht hochgradig genug , indessen das Bekenntnis selbst läßt sie wenigstens gelten , und weil sie das tut , hört sie nicht bloß Ihren Rat , sondern unterwirft sich ihm auch . Was etwas sagen will . « Als Arne so plauderte , waren sie bis an eine Stelle gekommen , wo sich der Dünenzug nach dem Meer hin öffnete . Die Brandung wurde jetzt sichtbar , und weiter hinaus sah man Fischerboote , die mit eingerefftem Segel still in dem hellen Mondlicht lagen . Am Horizont stieg eine Rakete auf , und Leuchtkugeln fielen nieder . Arne hatte halten lassen . » Entzückend . Das ist der von Korsör kommende Dampfer . Vielleicht ist der König an Bord und will noch ein paar Wochen in Glücksburg zubringen . Ich habe schon gehört , daß sie wieder etwas im Moor gefunden haben , bei Süderbrarup oder sonstwo , vielleicht ein Wikingschiff oder eine Lustjacht von Kanut dem Großen . Hoffentlich geht dieser Kelch an uns vorüber . Was mich persönlich angeht , ich lese lieber David Copperfield oder die Drei Musketiere . Diese Moorfunde , Kämme und Nadeln oder wohl gar eine verfitzte Masse , worüber Thomsen und Worsaae sich streiten und nicht feststellen können , ob es ein Wurzelgefaser oder der Schopf eines Seekönigs ist , können mich nicht interessieren , und die königlichen Frühstücke , bei denen der Liqueurkasten die Hauptrolle spielt , wenn es nicht gar die Gräfin Danner putzmacherlichen Angedenkens ist , sind mir eigentlich geradezu zuwider . Ich weiche sonst in allem von meiner Schwester ab , auch noch da , wo sie recht hat und nur leider zuviel Aufhebens von ihrem Rechte macht , aber in diesem Stücke kann ich ihr nur zustimmen und begreife Holk nicht , daß er mit der Geschichte drüben nicht aufräumt und ein Gefallen daran findet , sich in dem Prinzessinnen-Palais nach wie vor in seiner Kammerherrn-Uniform herumzuzieren . Daß es ihm sein schleswig-holsteinisches Herz nicht verbietet , will ich hingehen lassen , denn solange der König lebt , ist er nun mal unser König und Herzog . Aber ich find es nicht klug und weise . Das Leben mit der Danner konserviert nicht , ich meine den König , und über Nacht kann es vorbei sein . Er ist ohnehin ein Apoplektikus . Und was dann ? « » Ich glaube nicht , daß sich Holk mit dieser Frage beschäftigt . Er ist ein Augenblicksmensch und hält zu dem alten Troste : Nach uns die Sündflut . « » Sehr wahr . Augenblicksmensch . Und daß es so ist , das ist auch wieder einer von den Punkten , die meine Schwester ihm nicht verzeihen kann und worin ich mich abermals auf ihre Seite stellen muß . Aber lassen wir das ; ich habe gerade heute nicht Lust , die Tugenden meiner Schwester aufzuzählen , es kommt mir heute mehr auf les défauts de ses vertus an , die wir , lieber Schwarzkoppen , gemeinschaftlich bekämpfen müssen , sonst erleben wir etwas sehr Unliebsames . Das ist mir sicher , und ungewiß ist mir nur , wer den ersten Schritt tun wird , den ersten Schritt zum Unheil . Holk ist in fast zu weitgehender Anbetung und Ritterlichkeit die Nachgiebigkeit und Bescheidenheit