) die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat , ist der Haupttreffer des Unglücks ... Das erste Mal , als ich die Namen der Gefallenen durchgelesen - ich war eben seit vier Tagen ohne Nachricht - und sah , daß der Name » Arno Dotzky « nicht darunter war , da faltete ich die Hände und sprach mit lauter Stimme : » Mein Gott , ich danke Dir ! « Kaum aber waren die Worte geäußert , so klang es mir wie ein schriller Mißton daraus nach . Ich nahm das Blatt wieder zur Hand und betrachtete zum zweitenmal die Namenreihe . Also weil Adolf Schmidt und Karl Müller und viele andere - aber nicht Arno Dotzky - geblieben waren , hatte ich Gott gedankt ? Derselbe Dank wäre dann berechtigterweise von dem Herzen derer zum Himmel aufgestiegen , welche für Schmidt und Müller zittern , wenn sie statt dieser Namen » Dotzky « gelesen hätten ? Und warum sollte gerade mein Dank dem Himmel genehmer sein als jener ? Ja - das war der schrille Mißton meines Stoßgebetes gewesen : die Anmaßung und die Selbstsucht , die darin lag , zu glauben , Dotzky sei mir zu lieb verschont geblieben , und Gott zu danken , daß nicht ich , sondern nur Schmidts Mutter und Müllers Braut und fünfzig andere über dieser Liste weinend zusammenbrechen ... Am selben Tag erhielt ich wieder von Arno einen Brief : » Gestern gab ' s einen tüchtigen Kampf . Leider - leider eine Niederlage . Aber tröste Dich , meine geliebte Martha , die nächste Schlacht bringt uns den Sieg . Es war dies meine erste große Affaire . Ich stand mitten in dichtem Kugelregen - ein eigenes Gefühl ... das erzähle ich mündlich - es ist doch furchtbar : die armen Kerle , die da um einen herum fallen und die man liegen lassen muß , trotz ihres kläglichen Wimmerns . - c ' est la guerre ! Auf baldiges Wiedersehen , mein Herz . Wenn wir einmal in Turin die Friedensbedingungen diktieren , dann kommst Du mir nachgereist . Tante Marie wird indessen so gut sein , über unsern kleinen , Korporal zu wachen . « Wenn der Empfang solcher Briefe die Sonnenblicke meines Daseins abgab - die schwärzesten Schatten desselben waren meine Nächte . Wenn ich da aus selig vergessendem Traum erwachte und mir die entsetzliche Wirklichkeit mit ihrer entsetzlichen Möglichkeit vor das Bewußtsein trat , so erfaßte mich schier unerträgliches Leid und ich konnte stundenlang nicht wieder einschlafen . Die Idee war nicht loszuwerden , daß Arno in diesem Augenblick vielleicht stöhnend und sterbend in einem Graben lag - nach einem Tropfen Wasser lechzend - sehnsüchtig nach mir rufend ... Nur damit konnte ich mich allmählich beruhigen , daß ich mir mit aller Gewalt die Szene seiner Rückkunft vor die Einbildung rief . Die war ja ebenso wahrscheinlich - sogar viel wahrscheinlicher , als das verlassene Sterben - und da malte ich mir denn aus , wie er ins Zimmer hereinstürmte und ich an sein Herz flöge - wie ich ihn dann zu Rurus Wiege führte und wie glücklich und froh wir dann wieder sein könnten .... Mein Vater war sehr niedergeschlagen . Es kam eine schlimme Nachricht nach der anderen . Zuerst Montebello , dann Magenta . Nicht er allein - ganz Wien war niedergeschlagen . Man hatte zu Anfang so zuversichtlich gehofft , daß ununterbrochene Siegesbotschaften Anlaß zu Häuserbeflaggung und Te deum Absingen geben würden ; statt dessen wehten die Fahnen und sangen die Priester in Turin .... Dort hieß es jetzt : » Herr Gott , wir loben Dich , daß Du uns geholfen hast , die bösen Tedeschi zu schlagen . « » Meinst Du nicht , Papa , « frug ich , » daß , wenn noch eine Niederlage für uns käme , dann Frieden geschlossen würde ? In diesem Falle könnte ich wünschen , daß - « » Schämst Du Dich nicht , so etwas zu sagen ? « Lieber soll es ein siebenjähriger - soll es ein dreißigjähriger Krieg werden , nur sollen schließlich unsere Waffen siegen und wir die Friedensbedingungen diktieren . Wozu geht man denn in den Krieg , doch nicht dazu , daß er baldmöglichst aus sei - sonst könnte man von vorherein zu Hause bleiben . « » Das wäre wohl das beste , « seufzte ich . » Was ihr Weibervolk doch feige seid ! Selbst Du - die Du so gute Grundsätze von Vaterlandsliebe und Ehrgefühl erhalten - bist jetzt ganz verzagt und schätzest Deine persönliche Ruhe höher als die Wohlfahrt und den Ruhm des Landes . « » Ja - wenn ich meinen Arno nicht gar so lieb hätte ! « ... » Gattenliebe - Familienliebe - das ist alles recht schön ... aber es soll erst in zweiter Linie kommen . « » Soll es ? « ... Die Verlustliste hatte schon mehrere Namen von Offizieren gebracht , die ich persönlich gekannt hatte . Unter anderen des Sohnes - des einzigen - einer alten Dame , für die ich eine große Verehrung empfand . An jenem Tage wollte ich die Ärmste aufsuchen . Es war mir ein peinlicher , schwerer Gang . Trösten konnte ich sie doch nicht - höchstens mitweinen . Aber es war eine Liebespflicht - und so machte ich mich denn auf den Weg . Vor der Wohnung der Frau v. Ullsmann angelangt , zögerte ich lange , ehe ich die Glocke zog . Das letzte Mal , daß ich hierher gekommen , war es zu einer lustigen kleinen Tanzunterhaltung gewesen . Die liebenswürdige alte Hausfrau war damals selber voller Lustigkeit . » Martha , « hatte sie mir im Laufe des Abends gesagt , » wir sind die beiden beneidenswertesten Frauen Wiens : Du hast den hübschesten Mann und ich den trefflichsten Sohn . « - Und heute ? Da besaß ich wohl noch meinen Mann ... Wer weiß ? Die Bomben und Granaten flogen ja dort unablässig ; die letzte