es mit der Brautschau nicht . Man mußte sich vorsehn . Nicht sonderlich befriedigt , küßte Krastinik zum Abschied die Hand , was auf sie als nicht-englisch zwar etwas befremdlich , aber nicht unangenehm wirkte - ( diese continentalen Sitten bewahren noch so etwas Romantisches ! ) - erhielt aber die Erlaubniß , sie so oft als möglich , während er London mit seinem Aufenthalt beehre , zu besuchen . Dies mit vielsagendem Augenaufschlag . Krastinik trieb sich Wochen lang im Londoner Vergnügungsleben umher . Er speiste viel im Criterion Restaurant , nahm seinen Abendpunsch im Café Monico , schlenderte in Canterbury Hall und Cremorne Gardens umher , besichtigte Foot-Ball Races im Windsor Park , bestand kleine Abenteuer im nächtlichen Haymarket , ließ sich im Krystallpalast von deutschem Orchester Händel ' sche Oratorien vorblasen-und singen , schloß auch die vielen Museen und sonstigen Wissensanstalten und Sammlungen Londons nicht von seiner Aufmerksamkeit aus . Zu Mrs. O ' Donnogan kam er mittlerweile in ein freundschaftliches Verhältniß und schnitt ihr gewaltig die Cour . So las er ihr bald ein neues Impromptu vor , das er auf sie verfaßt . Ach , da ist schon Numero 70 ! Ach , vor ihrer Thüre bin ich ! Sie , in die mein Herz verliebt sich , Ist so grausam und so minnig . Nennt sich selbst Bohemienne . Sagt , da Musiker und Grafen Sie als echte » Böhmen « kenne , Daß drei Böhmen hier sich trafen ! Bei Vorlesung dieser gutgemeinten Reime unterfing er sich jedoch , in aller Ehrfurcht ihr die Thatsache zu unterbreiten , daß der Böhmer-Graf in Wahrheit einem der ältesten Adelsgeschlechter Oesterreichs angehöre , welches manche feldherrliche Heerestrommel ( von der man nur hört , wenn sie geschlagen wird ) in den Geschichtsannalen zu den Seinen zähle . Uebrigens sei er kein Böhme , sondern ein ritterlicher Magyar . Das wirkte denn doch erheblich auf die kleine Frau und dämpfte die beiläufige Geringschätzung , mit welcher man in England auf continentale Grafen herabzusehen pflegt . V. Man hatte eine Landparthie zu Wasser nach Richmond gemacht - Krastinik , Dorringtons , die O ' Donnogan , Alice Egremont . Maud hatte sich entschuldigen lassen : sie räumte vorsichtig ihrer Schwester das Feld . Die Sonne tauchte wie eine schwefelgelbe runde Glocke in die Themse und schien dann zu versinken , wie ein umgestürzter Goldkelch , der seinen güldenen Strahlenwein langsam verrinnen läßt . Zwischen den schwarzgrünen Taxushecken von Richmond Park blitzte noch hier und da eine grellrothe Centifolie auf ; die Fenster des Schlosses von Twikenham glänzten wie Rubinen . Als man an Pope ' s Villa vorüber kam , rief Dorrington neckisch : » Nun , spring ' aus Land , Dichter Xaver , wie Wilhelm der Eroberer , und küß ' den Uferrasen ! « » Warum ? « gab Xaver etwas erröthend zurück . » Um die ganze englische Muttererde der Dichtung Dein Eigen zu nennen . « Mrs. O ' Donnogan und Miß Alice lachten verstohlen . Das Dichterthum des gräflichen Rittmeisters , welches durch Dorringtons wohlwollende Späße nun schon lange bekannt geworden , amüsirte sie . Die lebhafte Irin hänselte ihn ein wenig . Bei Miß Alice aber mischte sich der Neugierde eine gewisse Verachtung . Wie vulgär ! Wozu Verse schmieden ! Damit macht man sich nur lächerlich und verräth eine selbstüber , hebende Einbildung . In deutschen Büchern ( Alice cultivirte letzthin das Deutsche besonders eifrig , was ja auch ohnehin bei der englischen Gesellschaft in Mode kommt ) fand sie dafür die Bezeichnung » Größenwahn « . Kein Zweifel , der gute Graf litt etwas an Größenwahn . Nach dem Ausflug kam man in einer kleinen Villa in Chelsea am Themse-Embankment zusammen , welche Dorringtons gehörte , die sie aber nur selten bewohnten , und nahm dort auf dem Balkon den Thee ein . Alice hatte ihren Diener , die O ' Donnogan ihren Wagen dorthin bestellt , um sie abzuholen . Der Abend , der mit purpurnen Fittichen umherfächelte , übergoß alle Wiesen und Bäume mit verschwenderischer Pracht . » Eine rothe Weihrauchkerze auf dem Tabernakel der Schöpfung ! « Krastinik freute sich seiner Gleichnißfindigkeit , eitel wie ein Poet von zwei Semestern . Der wohlwollende Lordunterließ nicht , die Damen auf den Tiefsinn der Krastinikschen Phrase aufmerksam zu machen , worauf auch Milady eine gehörige Erläuterung hinzufügte . Die sogenannte Poesie sollte als Mitgift-Kupplerin herhalten . Eine eigenthümlich schwermüthige Stimmung bemächtigte sich der kleinen Gesellschaft . Selbst Mrs. O ' Donnogan blickte ernst vor sich nieder . » Wenn man bedenkt , daß auf solchen Abend und auf jede Sonne die Nacht folgt ! « sagte sie plötzlich . » Ganz was ich eben dachte ! « hauchte Miß Alice . » Pah , wer weiß , ob die Nacht nicht der gesunde Schatten des Lichtes ist , « warf Lord Dorrington hin . » So wie etwa der Tod den Schatten des Lebens bildet . « » Oder auch umgekehrt , « seufzte die Lady halblaut . » Sehr richtig , gnädige Tante , « meinte Krastinik . » Vielleicht ist das Leben grade der leuchtende Schatten , den der Tod wirft . Denn der Tod ist ja doch das eigentliche Sein , zu dem Alles zurückkehrt . Unser Leben - mein Gott , was bedeutet denn das ! Eine Art Traumbild zwischen Schlaf und Schlaf , ein kurzes Nachtwachen . « Niemand antwortete . Nach einer Pause hob der alte Lord an , mit leicht zitternder Stimme : » Ja , das sagst Du wohl so , lieber Xaver . Aber Du bist eigentlich noch zu jung , um recht zu fühlen , wie wahr das ist , was Du sagst . Blickt man so auf sein Leben zurück - well , wir säen und werden doch wohl nimmer ernten . Dies ewige Säen bekommt man satt . Da dreht man sich ewig im selbstumgrenzten Kreis gemeiner Freuden und gemeiner Leiden . Und diese ganze Erde