einem Kind und in der Angst , die mich allmählich vor dem jungen Herrn erfaßte , der mehr und mehr den Kopf verlor und im Begriff schien , sich aus einem girrenden in einen sehr kecken Ritter zu verwandeln . Doch war ich viel zu hoffärtig , um etwas von meiner Unruhe zu verraten , und schritt ganz langsam der Tür zu , die sich auf der andern Seite des Hauses befand . Graf Stephan folgte mir Schritt für Schritt . Er sprach nur noch von Liebe und Seligkeit oder Verzweiflung und Tod . Endlich bogen wir um die Ecke , und der Anblick der offenstehenden Tür der Einsiedelei , in der ich Anka vermutete , erfüllte mich mit all der Unverzagtheit , die ich bisher nur geheuchelt . Mein Verfolger hatte mich vergeblich um ein Wort , ein einziges Wort beschworen , jetzt sprach ich deren mehrere , und ich glaube , lieber als diese war ihm mein früheres Schweigen . Wenigstens stockte der Strom seiner Beredsamkeit plötzlich , und als ich nun wagte , ihm ins Gesicht zu sehen , erblickte ich darin den Ausdruck der peinlichsten Überraschung und Beschämung . Ich eilte vorwärts , ich war am Ziel , setzte den Fuß auf die Schwelle und - prallte erschrocken zurück ... Die Gräfin trat mir entgegen ... Liebe Freundin , ich war damals neunzehn Jahre alt und heute bin ich siebzig , aber ich brauche nur zu wollen und ... « die Hofrätin streckte den Arm aus und blickte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin - » da steht sie ! deutlich wie in jener Stunde . Da steht sie , schrecklich und wunderschön in ihrem weißen Sommerkleide und der griechischen Frisur , die so gut zu ihrem klassischen Profil paßt und die edle Form des kleinen Kopfes und des schlanken Nackens so herrlich zur Geltung bringt . Ja , wunderschön , aber nicht wie eine Lebendige , sondern wie eine Tote , der man vergessen hat , die Augen zu schließen . So starrt sie mit unbeweglichem und glanzlosem Blick den an , der bei ihrem unerwarteten Erscheinen in voller Fassungslosigkeit aufgeschrien hat , der sich aber jetzt mit aller Gewalt zusammennimmt und sein Entsetzen hinter erzwungenem Lachen und kläglichem Gestotter zu verbergen sucht . Sie antwortete ihm nicht ; sie fuhr fort , ihn mit diesem grauenhaften Blick anzusehen , und schritt aufrecht und stolz an mir vorüber aus der Hütte . Stephan faltete mit stummer Beschwörung die Hände gegen mich und folgte der Gräfin gesenkten Hauptes langsam nach . Sie waren kaum fort , als ein vortrefflich nachgeahmter Wachtelschlag sich im Gebüsch hinter den Ulmen hören ließ und Anka herbeisprang . Als ihr Onkel auf mich zugekommen war , hatte sie sich versteckt , war Zeuge von allem gewesen , was hier geschah , mußte gehört haben , was gesprochen wurde , und - verlor auch nicht ein Wort darüber . Machte sie sich keine Gedanken oder mehr , als sie gestehen wollte ? Ich wußte es nicht und erfuhr es damals auch nicht . So verschlossen war mir der Einblick in dieses Kindergemüt , daß ich von allem , was darin vorging , nur das kannte - und das ist ja bei einem Kinde das wenigste - , wonach sich fragen läßt . Es war so gar kein Verständnis zwischen uns , so gar keine Spur davon ! Und wenn es aufs Erraten ankam , da erriet Anka viel eher mich als ich sie . Am Abend desselben Tages war Ball im Schlosse , und Anka hatte die Erlaubnis , dem Tanze zuzusehen . Wir erhielten unsern Platz auf der Galerie des Saales ; der Doktor geleitete uns hinauf und leistete uns Gesellschaft . Die Gräfin und ihr Vetter eröffneten das Fest . Ich bemerkte , wie die besorgten Blicke des Grafen seiner Frau folgten . Sie war kaum imstande , sich zu schleppen , aber sie tanzte leidenschaftlich , mit Raserei . Es war ein unbeschreiblich qualvoller Anblick , der auch das Kind mit Schrecken erfüllte . Es preßte sich an mich und flüsterte : Sehen Sie doch Mama ... Ich werde gewiß von ihr träumen ! Der Graf suchte uns auf unter dem Vorwand , seiner Tochter gute Nacht zu sagen ; den wahren Grund seines Kommens aber verriet bald die Bitte , die er an den Arzt stellte . Lieber Doktor , meine Frau scheint leidend , Sie sollten ihr heute das Tanzen verbieten . Das Tanzen ist Ihrer Erlaucht schon vor zwei Jahren , seitdem öfters und niemals nachdrücklicher als am heutigen Morgen verboten worden , erwiderte der Doktor in trockenem Ton , und der Graf schwieg . Er mochte wissen , wie lange , wie hartnäckig die Warnungen des Alten mißachtet und als Schwarzseherei verspottet worden waren . Sobald der Graf uns verlassen hatte , verlangte Anka hinweg . Sie hielt meine Hand fest , während wir durch die hell erleuchteten Gänge nach unsern Zimmern zurückkehrten . Bleiben Sie da , bleiben Sie neben mir , wiederholte sie beständig , als sie schon im Bett lag . Sie müssen die ganze Nacht neben mir sitzenbleiben . Sie zitterte , ihre Zähne schlugen aneinander , ihre Stirn und ihre Lippen glühten . Sie schien von einem plötzlichen Fieberanfall ergriffen . Mir war bang , ich läutete , ich wollte um den Arzt schicken , aber niemand kam , keiner war da von der ganzen zahlreichen Dienerschaft . Die einen hielt ihr Dienst , die andern ihre Neugier und Schaulust in der Nähe des Festes . Fehlt Ihnen etwas , haben Sie Schmerzen , Anka ? fragte ich . Nein , ihr fehlte nichts , und es tat ihr nichts weh als nur das Gellen der Geigen , der Lärm der Musik . Nun herrschte aber tiefste Stille um uns , auch nicht ein Laut drang von dem entfernten Teile des Schlosses herüber , in dem getanzt wurde , und ich sagte zu der Kleinen , sie träume schon .